75 Jahre Weltkriegsende: Lehren der Vergangenheit | Deutschland | DW | 05.05.2020
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Folgen eines Weltenbrands

75 Jahre Weltkriegsende: Lehren der Vergangenheit

Am 8. Mai kapitulierte Nazi-Deutschland. Damit endete in Europa der Zweite Weltkrieg, der wie kein anderes Ereignis deutsche Geschichte formte. Der Jahrestag fällt in eine Zeit, in der Erinnerung nötiger ist denn je.

Am Nachmittag des 30. April 1945 sieht Adolf Hitler nur noch einen Ausweg. Die Rote Armee der Sowjetunion stürmt das Zentrum von Berlin. Hitler will ihr nicht lebendig in die Hände fallen, sich offenbar der Verantwortung für seinen verbrecherischen Größenwahn entziehen. Im "Führerbunker" auf dem Gelände der Reichskanzlei, 12 Meter unter der Erde, begehen der Nazi-Diktator und seine frisch angetraute Ehefrau Eva Braun Selbstmord. Letzte Getreue verbrennen ihre Leichen und begraben die Überreste in der Nähe des Bunkerausgangs.

Brutale Veränderungen der Welt

Doch erst der 8. Mai besiegelt das offizielle Ende des von Hitler ausgerufenen "Tausendjährigen Reiches". Dann unterzeichnet die Wehrmachtsführung die bedingungslose Kapitulation Deutschlands.

Keitel unterschreibt Kapitulationsurkunde (picture-alliance/dpa)

Feldmarschall Wilhelm Keitel, Oberkommandierender der Wehrmacht, unterschreibt in Berlin-Karlshorst die Kapitulations-Urkunde

In Europa endet damit der Zweite Weltkrieg, der mit dem Einmarsch Deutschlands in Polen am 1. September 1939 begann und in Asien noch Monate andauern soll – bis zur Aufgabe Japans am 2. September 1945. Bis Kriegsende sind nach Schätzungen mehr als 60 Millionen Menschen ums Leben gekommen. Das Gesicht der Welt ist auf brutalstmögliche Weise deformiert worden.

Auch viele Städte Deutschlands gleichen Trümmerwüsten. Des Landes, das nicht nur den Kriegsbeginn, sondern auch den durch Rassenwahn motivierten Völkermord in den Konzentrationslagern verantwortet. Und die deutsche Bevölkerung - fühlt sie sich besiegt oder von der Nazi-Herrschaft befreit?

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Mythos Dresden - Der lange Schatten einer Bombennacht

"Kurz nach dem 8. Mai habe ich mir überhaupt keine Gedanken gemacht, ob wir nun befreit oder besiegt sind", sagt der verstorbene SPD-Spitzenpolitiker Egon Bahr in einer Aufzeichnung des Zeitzeugen-Portals des Bonner Hauses der Geschichte. "Natürlich waren wir besiegt, was denn sonst, befreit waren wir auch. Beides waren wir. Aber das war doch völlig egal. Wir lebten noch. Das war die Hauptsache!"

Im Überlebenskampf der Nachkriegszeit

So wie Bahr denkt womöglich die Mehrzahl der Überlebenden. Doch unzählige von ihnen sind traumatisiert: Männer meist durch ihre Kampfeinsätze, 800.000 bis zwei Millionen Frauen wegen Vergewaltigungen insbesondere durch sowjetische Soldaten. Genaue Zahlen sind heute nicht mehr zu ermitteln.

Fast vierzehn Millionen Menschen sind wiederum aus den deutschen Ost- und Mittelostgebieten geflohen oder vertrieben worden. Vom untergangsgeschüttelten Deutschland müssen sie integriert werden. Eine Erfahrung, die heute noch lebende Zeitzeugen für die derzeitige Flüchtlingsentwicklung sensibilisiert hat.

BG Internationaler Frauentag | Trümmerfrauen in Berlin 1947 (picture-alliance/dpa)

Frauen helfen nach dem Kriegsende beim Wiederaufbau - wie hier in Berlin

Den Deutschen schlägt die sogenannte "Stunde Null" - der Überlebenskampf der unmittelbaren Nachkriegszeit. Ihre verbliebene Energie stecken sie in den mühsamen Wiederaufbau. Ein schier unmögliches Unterfangen ohne die Hilfe der Frauen, die als so genannte Trümmerfrauen zur Legende werden. Auch die Trümmer der Vergangenheit räumen die Deutschen weg. Ein Vergessen, Verdrängen der Kriegsschuld. Es zählt das Hier und Jetzt. Für mehr fehlt der Wille, die Kraft, der zeitliche Abstand.

Der Grundstein des Kalten Krieges

Über allem steht eine für sie beängstigende Frage: Wie werden die alliierten Siegermächte mit ihnen verfahren? Auf ihren Konferenzen in Teheran und auf Jalta hatten die USA, Großbritannien und die Sowjetunion den Umgang mit dem besiegten Deutschland verhandelt. Auf ihrer abschließenden Konferenz im Juli 1945 in Potsdam bei Berlin einigen sie sich endgültig.

Die sogenannten "Großen Drei" geben dem ehemaligen Todfeind die Chance, wieder Teil der Völkergemeinschaft zu werden - trotz aller Vorbehalte. Frühere Vorschläge, wonach die Deutschen zu einem Bauernvolk gemacht werden sollten, sind vom Tisch.

Deutschland Schloss Cecilienhof Churchill, Truman und Stalin (picture-alliance/dpa)

Auf der Konferenz von Potsdam entscheiden der britische Premier Winston Churchill, US-Präsident Harry S. Truman und der sowjetische Diktator Josef Stalin über die Zukunft des besiegten Deutschland

Aber sie müssen einen Preis zahlen. Deutschland muss Reparationszahlungen leisten und wird in Besatzungszonen aufgeteilt. Aus den Zonen entstehen die föderalistisch verfasste Bundesrepublik im Westen und die von der Sowjetunion abhängige sozialistische Deutsche Demokratische Republik DDR im Osten.

Zugleich markiert die Potsdamer Konferenz den Beginn des Machtpokers zwischen den Westmächten und der Sowjetunion. In wenigen Jahren gipfelt er im Kalten Krieg. Angesichts des sich abzeichnenden Konflikts starten die USA am 3. April 1948 den Marshallplan: Ein vierjähriges gigantisches Konjunkturprogramm für Westeuropa einschließlich Westdeutschland.

Von der Diktatur zur Demokratie

"In der Zeit zwischen 1945 und 1949 waren für Deutschland vor allem zwei Dinge wichtig. Erstens mussten die Deutschen die Niederlage akzeptieren, was für viele von ihnen schon sehr schwer war. Zweitens mussten sie sich auf eine neue Lebensweise als Nation und als politische Einheit vorbereiten", sagt der Publizist und Historiker Florian Huber im Gespräch mit der DW.

Er verweist auf die jahrelange Gehirnwäsche durch die Nazi-Propaganda und ist überzeugt, "dass die Erfahrungen des Kalten Krieges es vor allem der westdeutschen Gesellschaft leichter gemacht haben, die Zugehörigkeit zur westlichen Welt zu akzeptieren." Es habe ihr auch erleichtert, "die neue demokratische Verfassung, wie wir sie bis heute haben, anzunehmen."

Checkpoint Charlie in Berlin 1961 (picture-alliance/dpa)

Der Grenzübergang "Checkpoint Charlie" in der Berliner Friedrichstraßse markierte das Ende des US-amerikanischen Sektors in Westberlin

Die bundesrepublikanische Außenpolitik strebt nach Wiedergutmachung und Zusammenarbeit. Ein radikaler Kurswechsel auch militärisch: Die Bundeswehr wird als Verteidigungsarmee aufgebaut. Auslands-Einsätze bewilligt die Politik erst seit 1990 und nur nach langen Diskussionen sowie unter strengen Auflagen. Meist sind sie logistischer Natur.

Die Bundesrepublik wie das später wiedervereinigte Deutschland engagieren sich für die europäische Einigung. Die historische Verantwortung für den Holocaust und die Sicherheit Israels ist Teil der Staatsräson. Es sind Grundwerte wie Freiheit, Demokratie und Menschenrechte, für die Deutschland einsteht.

Schattenseiten des neuen Nationalstolzes

Innenpolitisch und gesellschaftlich tritt Deutschland nur schleppend aus dem Schatten seiner NS-Geschichte heraus. Ihre Aufarbeitung beginnt im Westen erst ab den 1960er Jahren. Auch Jahrzehnte nach Kriegsende sind die meisten Deutschen weit davon entfernt, stolz auf ihr Land zu sein. Das ändert erst die friedliche Wiedervereinigung im Jahre 1990. Schrittweise identifizieren sie sich mit ihrer Nation. Seit der Fußballweltmeisterschaft von 2006 im eigenen Land schwenken Deutsche ungehemmt die Nationalflagge, singen selbstbewusst die Nationalhymne.

Kniefall von Warschau 1970 Willy Brandt (picture-alliance/dpa)

Bundeskanzler Willy Brandt kniet am 7. Dezember 1970 vor dem Mahnmal im einstigen jüdischen Ghetto in Warschau - mit seiner Entspannungspolitik schrieb er Geschichte

Doch das allgemeine Wissen über den Zweiten Weltkrieg und die NS-Zeit lässt nach Umfragen besonders bei den Jüngeren nach. Zudem sind die Gespenster der Vergangenheit nie ganz verschwunden. Im Gegenteil - das belegt die gestiegene Zahl rechtsextremistischer Anschläge und -Aktivitäten. Zahlreiche Politiker werfen der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland vor, "geistige Brandstifter" dieser Entwicklung zu sein.

Die AfD weist solche Vorwürfe weit von sich, sorgt aber regelmäßig durch provokante Äußerungen für Empörung. Sie hat den Kampf um die Erinnerungskultur längst eröffnet. Wie der frühere Parteichef und jetzige Ehrenvorsitzende, Alexander Gauland, der 2018 den seither vielzitierten Satz sagt: "Hitler und die Nazis sind nur ein ende zweiter weltkrieVogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte".

Kampf um die Erinnerungskultur

Oder der thüringische AfD-Vorsitzende Björn Höcke. Er bezeichnet das Berliner Holocaust-Mahnmal im Januar 2017 als "Denkmal der Schande" und spricht von "dämlicher Bewältigungspolitik". Geschadet hat das der Partei offenbar nicht. Seit Jahren verbucht sie Zugewinne an Wählerstimmen – obwohl, oder gerade, weil sie die Grenzen des Sagbaren austestet. "Wir müssen uns wohl bewusst sein, dass die AfD heute einen beträchtlichen Teil der deutschen Gesellschaft darstellt", urteilt der Historiker Florian Huber.

Die AfD sei hier, um zu bleiben. "Wir werden sicherlich Zeuge eines harten und langen Kampfes zwischen denen, die darauf bestehen, unsere Lehren aus der Vergangenheit lebendig zu halten, und jenen, die dieses Kapitel der deutschen Geschichte ein für alle Mal abschließen wollen."

Bundeskanzlerin Merkel besucht KZ Auschwitz (picture-alliance/dpa/R. Michael)

Bundeskanzlerin Angela Merkel und der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki nach einer Kranzniederlegung im ehemaligen deutschen Konzentrationslager Auschwitz

Bundeskanzlerin Angela Merkel wird sich dieser Auseinandersetzung nur allzu bewusst sein. Am 6. Dezember 2019 bezieht sie eindringlich zur Erinnerungskultur Stellung. An einem Ort, der wie kein anderer die Verbrechen der Nazis vor Augen führt: In Auschwitz, dem ehemaligen deutschen Konzentrationslager in Polen. Während ihres vielbeachteten ersten Besuches dort erklärt sie: "Wir dürfen niemals vergessen. Einen Schlussstrich kann es nie geben und auch keine Relativierung." Die Kanzlerin hat dabei die große Mehrheit der Bürger hinter sich: Sie empfinden nach Umfragen weiterhin eine moralische Verantwortung für die Geschichte ihres Landes.

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