70 Jahre nach dem Krieg: Nazi-Akte vereint jüdische Familie | Kultur | DW | 16.11.2018
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Späte Gerechtigkeit

70 Jahre nach dem Krieg: Nazi-Akte vereint jüdische Familie

Die Familie des Bankiers Marcus Heinemann war in der ganzen Welt verstreut. Dann entdeckte eine Provenienzforscherin eine Akte aus der NS-Zeit - und brachte die Familie zurück nach Lüneburg, in die Stadt ihrer Vorfahren.

Marcus Heinemann war ein Aufsteiger, sein Leben eine deutsche Erfolgsgeschichte, geradezu typisch für seine Zeit: 1819 als Sohn eines jüdischen Hausierers geboren, arbeitete er sich immer weiter nach oben - Ende des 19. Jahrhunderts war er Eigentümer der erfolgreichsten Bank Lüneburgs. Nebenbei engagierte sich Heinemann (im Bild oben mit seinen vierzehn Kindern, ca. 1884) als Kunstmäzen und beteiligte sich maßgeblich am Bau der prächtigen Lüneburger Synagoge. In seiner spärlichen Freizeit besuchte er gerne seine Kinder und zahlreichen Enkelkinder, die damals fast alle noch in Lüneburg lebten. 1908 starb er - in der ruhigen Gewissheit, sein Erbe würde weiterleben.

Doch es kam anders für die Familie Heinemann. Der Familienpatriarch erlebte nicht mehr, wie seine Nachfahren einer nach dem anderen dem nationalsozialistischen Rassenwahn zum Opfer fielen: Zwei seiner Kinder und dreizehn seiner Enkelkinder wurden im Holocaust ermordet. Die, die fliehen konnten, verstreuten sich auf der ganzen Erde und verloren sich allmählich aus dem Blick. Die Lüneburger Synagoge wurde abgerissen, Heinemanns Eigentum zwangsversteigert und der Marcus-Heinemann-Saal im Lüneburger Stadtmuseum bekam einen anderen Namen. Am Ende des Zweiten Weltkrieges war es, als hätte es Marcus Heinemann nie gegeben.

Deutschland Lüneburg Synagoge um 1935 (imago/Arkivi)

Einst ein Symbol des selbstbewussten Judentums im Kaiserreich, wurde die Lüneburger Synagoge 1938 abgerissen - auf Kosten der jüdischen Gemeinde.

Und das wäre wohl auch so geblieben, wäre nicht 2014 die Akte einer Versteigerung aus dem Jahr 1940 auf dem Schreibtisch der Provenienzforscherin Anneke de Rudder gelandet. 1940 waren nämlich in dem Haus, in dem die jüdische Familie Heinemann gelebt hatte, Gegenstände aus "nichtarischem Nachlass"  zwangsversteigert worden. Zahlreiche Objekte davon hatte sich das Lüneburger Museum "gesichert".

Raubkunst im Museum Lüneburg

Anneke de Rudder kann nun den Verdacht bestätigen, der schon seit Jahren im Raum steht: Das Museum Lüneburg hat sogenannte "Raubkunst" in seiner Sammlung - Objekte, die eigentlich den Nachfahren von Marcus Heinemann gehören sollten. Um bedeutende Exponate handelt es sich nicht: Eine gotische Truhen-Schauseite, ein Fensterwappen, einige Goldmünzen. Auch eine verzierte Familienbibel zum 70. Geburtstag von Marcus Heinemann fand de Rudder in der Sammlung. Der Rest wurde in einem Luftangriff auf Lüneburg gegen Ende des Krieges zerstört. Trotzdem: Das Museum will die Objekte restituieren, also die ursprünglichen Eigentumsverhältnisse wieder herstellen.  

Deutschland Marcus Heinemann Lüneburg (Privat)

Die verzierte Bibel, die Marcus Heinemann zu seinem 70. Geburtstag bekam, brachte Provenienzforscherin de Rudder auf die Spur der Nachfahren - sie war nämlich mit zahlreichen Unterschriften versehen.

De Rudder macht sich auf die Suche nach den Heinemann-Nachfahren und spürt bald die amerikanische Pädagogin Becki Cohn-Vargas auf, eine Urenkelin Heinemanns. "Ich konnte nicht ahnen, dass diese Reise so viel bedeuten würde", sagt Cohn-Vargas im Nachhinein. Die Geschichte von Marcus Heinemanns Familie zeigt, dass es sich bei Restitution um mehr als nur um Besitz und Geld handelt. Es geht auch um Heilung.  

Zusammen machen Cohn-Vargas und de Rudder weitere Nachfahren ausfindig. Im Laufe der Monate werden es immer mehr. Die Spuren der Familie Marcus Heinemann führen sie in die USA, nach Guatemala, Mexiko, Kanada, in die Niederlande, aber auch nach Berlin und Marburg. Überall sind die Heinemanns verstreut.

Juli 2015: Familientreffen in Lüneburg

An einem Wochenende im Juli 2015 findet dann in Lüneburg ein großes Familientreffen statt: Fünfzig Heinemanns aus aller Welt sind gekommen - die meisten von ihnen sind sich nie vorher begegnet, und doch sind sie alle über ihre gemeinsame Geschichte verbunden. Sie haben großen Nachholbedarf, man tauscht unzählige Geschichten aus. "Die meisten von uns sind nur mit Bruchteilen der Familiengeschichte aufgewachsen", sagt Becki Cohn-Vargas. "Und in Lüneburg kam diese Geschichte jetzt plötzlich zum Leben - leider besonders an den Leerstellen, die die Heinemanns hinterlassen haben: das leere Grundstück, wo sich die Synagoge befand, die von der Familie Heinemann und anderen gebaut worden war, und der jüdische Friedhof, der zweimal zerstört wurde."

Deutschland Marcus Heinemann Lüneburg (Privat)

Heinemanns Urenkelin Becki Cohn-Vargas steht im Zimmer, in dem ihre Großmutter aufgewachsen ist. Nun ist es ein Büro.

Zwei Tage lang erkunden Becki aus Kalifornien, Edgar aus Guatemala, René aus Frankreich und viele andere die Stadt ihrer Vorfahren. Sie besuchen die Wohnung, in der ihre Großeltern, die Söhne und Töchter Marcus Heinemanns, aufgewachsen sind. In einem Künstlerstudio erinnert nur noch die verzierte Stuckdecke an die kleine Synagoge, in der der Junge Marcus Heinemann einst den Sabbat verbrachte. Alle Lüneburger, die sie treffen, wollen sich für die Missstände bei der Familie entschuldigen, sagt Cohn-Vargas.

Feierliche Rückgabe des Familienbesitzes     

Vor allem das Museum bittet die Familie um Verzeihung: Die Raubkunst wird feierlich an die Heinemanns zurückgegeben. Sie bleibt aber als Leihgabe in der Dauerausstellung des Museums - so haben auch alle Familienmitglieder Zugang dazu. Natürlich hätte man sie auch einem Holocaust-Museum leihen können, sagt Becki Cohn-Vargas. Doch sei sie "der festen Überzeugung, dass die Lüneburger Marcus Heinemann und seine Nachkommen kennen sollten."

Sie fühlt, dass die Heinemanns nun ihren Platz in Lüneburg zurückgewonnen haben. Für die Tochter zweier jüdischer Emigranten, die nach Amerika geflohen waren und zuhause nie Deutsch sprechen wollten, ist das ein kleines Wunder. Ihre erstaunliche Familie, einst verstreut und fast verloren, ist nun vereinter und geschlossener denn je - Becki Cohn-Vargas ist mit ehemaligen Nachbarn zusammengekommen. Sie lächelt: "Das ist die wahre Macht von Provenienz."

Deutschland Wiedereröffnung Synagogen-Gedenkstätte in Lüneburg (picture-alliance/dpa/P. Schulze)

Am 9. November 2018 wurde in Lüneburg eine neue Gedenkstädte für die jüdischen Lüneburger eingeweiht, dort, wo damals die Synagoge stand.