200 Jahre Marx: Spurensuche in Afrika | Afrika | DW | 04.05.2018
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Afrika

200 Jahre Marx: Spurensuche in Afrika

Im Kampf um die Unabhängigkeit ihrer Länder entwickelten afrikanische Intellektuelle ihre eigenen Versionen des Sozialismus. Manche von ihnen nannten sich Marxisten. Heute sind davon nur Erinnerungen und Denkmäler übrig.

Auf dem Campus der Universität in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba ragt ein rötlicher Steinblock mit dem Konterfei von Karl Marx in die Höhe. Der deutsche Philosoph wurde am 5. Mai 1818 in Trier geboren und legte mit seinen Schriften wie dem "Kapital" einen Grundstein für die Entwicklung des Kommunismus, der sich über die ganze Welt verbreitete. 1975 erklärte der Derg den Marxismus-Leninismus zur Staatsideologie Äthiopiens. Noch heute erinnern öffentliche Schauplätze und Museen an das kommunistische Regime in dem ostafrikanischen Land.

"Das Derg-Regime war eine brutale Diktatur mit marxistischer Rhetorik", sagt Michael Jennings vom Institut für China- und Afrika-Studien der Universität London. Karl Marx' Ideen seien vor allem als Rechtfertigung für die Revolution instrumentalisiert worden. Andere afrikanische Denker strebten tatsächlich politische Reformen nach dem Vorbild des europäischen Sozialismus an, allen voran Tansanias Staatsgründer Julius Nyerere. Nach der Unabhängigkeit im Jahre 1961 versuchte er mit Hilfe der Ujamaa-Politik (Swahili: "wie eine Familie") die wirtschaftliche Eigenständigkeit des Landes zu forcieren. In Tansania setze sich der afrikanische Sozialismus laut Jennings am weitesten durch und verfestigte sich bis in die achtziger Jahre.

Julius Nyerere erster Präsident Tansania (Getty Images/AFP)

Tansanias Julius Nyerere (l.) und Senegals Léopold Sédar Senghor vertraten beide den afrikanischen Sozialismus

Noch heute stehen auf der Insel Sansibar vor der Küste Tansanias Plattenbauten, die als "moderner Wohnraum" den Bewohnern die Vorzüge des Sozialismus nahe bringen sollten. Sie waren ein Geschenk der sozialistischen Deutschen Demokratischen Republik (DDR), die auf Marx' Ideen aufgebaut war. Fast 30 Jahre nach dem Zerfall der DDR sind die Häuser weiter begehrt. Jedoch sind sie heute nicht mehr kostenlos, sondern werden auf dem kapitalistischen Wohnungsmarkt gehandelt.

Eliten- statt Volksbewegung

Was ist also von der sozialistischen Idee in Afrika geblieben? Seit dem Zerfall des europäischen Sozialismus  sei davon nichts mehr zu spüren, meint Afrikaexperte Ahmed Rajab. "Die Menschen sind mehr an dem materiellen Fortschritt interessiert als an Ideen, die mit Sozialismus  konform gehen", sagt der Analyst aus Sansibar in einem Interview mit der DW. Das sei keine Überraschung, findet er, denn es gebe kaum noch afrikanische Sozialisten, die den einst propagierten Modellen folgten. "Nur wenige Afrikaner hatten überhaupt verstanden, was Marxismus bedeutet", sagt Rajab.

Es waren vor allem die afrikanischen Eliten, die sich den Sozialismus aneigneten. Viele von ihnen hatten in den Metropolen  der Kolonialmächte oder in der damaligen Sowjetunion studiert. Mit Idealismus und Engagement kehrten sie Ende der fünfziger Jahre in ihre Heimat zurück. "Der Sozialismus spielte daher eine große Rolle für die Befreiung der Länder in Afrika", sagt Jennings. "Viele Länder sind von der Sowjetunion und linken Organisationen in Europa in ihrem Kampf unterstützt worden." Der Marxismus habe bei den Befreiungsbewegungen aber nur eine begrenzte Rolle gespielt. "Es gibt zwar afrikanische Unabhängigkeitsbewegungen, die von Marx beeinflusst wurden. Er war aber für die Entwicklung des afrikanischen Sozialismus längst nicht so wichtig wie für die des europäischen."

DDR Afrika ADN-ZB Studenten Leipzig (Bundesarchiv/183-80659-0004/E. Brüggmann)

1961 studierten 355 ausländische Studenten an der Karl-Marx-Universität in Leipzig im damals sozialistischen Ostdeutschland. Unter ihnen war auch Sibi von der Elfenbeinküste.

Julius Nyerere war nicht der einzige afrikanische Sozialist. Auch Kenneth Kaunda in Sambia wollte sozialistische Ideen politisch umsetzen, ebenso wie der ghanaische Panafrikanist Kwame Nkrumah und Léopold Sédar Senghor im Senegal. Weitere Beispiele sind Sékou Touré in Guinea, Modibo Keita in Mali oder Matthieu Kerikou in Benin. In Angola und Mosambik hielten sozialistische Ideen Einzug in die Politik, nachdem die portugiesische Diktatur in Lissabon 1974 verschwunden war. Kommunismus - unterstützt vom Ostblock - nährte hier vor allem den bewaffneten Widerstand gegen Andersdenkende im eigenen Land.

Das Erbe des afrikanischen Sozialismus

Die Barrieren für einen blühenden Sozialismus waren programmiert. Die Bedingungen für eine gesteigerte industrielle und landwirtschaftliche Produktion nach sozialistischem Vorbild waren in den armen afrikanischen Ländern nicht gegeben. In Europa basierte der Sozialismus auf dem Klassenkampf der Arbeiter und Bauern gegen das Bürgertum. In Afrika gab es weder eine starke Industrie, noch eine politisch organisierte Arbeiterklasse. Das Ackerland wurde meist von traditionellen Autoritäten verwaltet.

"In Afrika imitierten wir die europäischen Ideen vom Sozialismus und setzten sie auf eine völlig andere Gesellschaftsform auf", sagt Rajab. Es sei ein großer Fehler gewesen, zu versuchen, das europäische Modell einfach auf Afrika zu übertragen, wo völlig andere sozioökonomische Umstände herrschten. Vom Westen konnten die afrikanischen Sozialisten während des Kalten Krieges keine Unterstützung erwarten. "Die Weltbank finanzierte viele Projekte, aber nicht den Aufbau sozialistischer Staaten", sagt Jennings.

Plattenbauten in Sansibar (DW)

Diese Plattenbauten auf Sansibar waren ein Geschenk der DDR

Wenn etwas von der sozialistischen Ideologie übrig geblieben sei, dann die Ideen der Gleichheit aller Bürger und des Kollektiveigentums, so der Entwicklungspolitikwissenschaftler. Im afrikanischen Diskurs seien diese stärker zu spüren als anderswo. "Aber es gibt auch die Einsicht, dass Afrika von der praktischen Umsetzung dieser Ideen weit entfernt ist." In den siebziger Jahren war das noch anders: Länder wie Tansania waren in ihren Bestrebungen zur Verwirklichung der sozialistischen Visionen rigoros. Am Ende sei es mehr um Gehorsam gegangen als um soziale Prinzipien. Das vielleicht wichtigste Erbe des Sozialismus in vielen afrikanischen Ländern sei also der autoritäre Staat.

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