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Asien

Myanmar: Medien zwischen Markt und Staat

Nwet Kay Khine ist Journalistin in Myanmar. Dort arbeitet sie für die Wochenzeitung "The Voice". Mit der DW Akademie sprach sie in Berlin über die Reformen der Medien in ihrem Heimatland.


Die Medien in Myanmar standen für Jahrzehnte unter der Kontrolle der Militärregierung. Anfang 2011 hat eine zivile Regierung die Amtsgeschäfte übernommen. Offiziell hat sie mehr Pressefreiheit zugelassen. Was hat sich geändert?
Bislang gab es so gut wie keine Kommunikation zwischen Journalisten und der Regierung. Uns war es nur erlaubt, über unkritische Themen wie Sport und Unterhaltung zu berichten. Erst 2001 wurden Nachrichtenmedien eingeführt. Allerdings wurden sie extrem zensiert. Ich vergleiche die Situation gerne mit einer Familie, in der der Ehemann abends müde von der Arbeit nachhause kommt und seine Frau fragt, ob mit den vier Kindern alles in Ordnung sei. Eines der Kinder hat sich ein Bein gebrochen, aber die Frau antwortet: Alles bestens, drei Kinder haben sich keine Bein gebrochen. Der Ehemann - der Staat - will nicht wissen, was tatsächlich zuhause los ist und die Frau - das Volk - darf nichts sagen, was ihren Mann erzürnen könnte.

Es handelt sich um ein Portraitfoto von Nwet Kay Khine (Foto: Nwet Kay Khine)

Nwet Kay Khine

Und wie ist die Lage derzeit?
Es begann 2008 mit ersten vorsichtigen Veränderungen. Nach der Wahl 2010 waren wir zum ersten Mal in der Lage, über mehr Themen zu berichten. Ich arbeite für das unabhängige Wochenmagazin "The Voice". Unser Schwerpunkt sind politische und wirtschaftliche Themen. Natürlich wurden wir sehr streng zensiert. Mittlerweile werden rund 90 Prozent unserer Texte veröffentlicht. Und das gilt auch für andere Magazine. Bislang existieren in Myanmar nur drei Tageszeitungen - eine in englischer Sprache, zwei auf burmesisch. Alle drei sind staatlich, aber die Regierung hat jetzt angekündigt, demnächst auch unabhängige Tageszeitungen zuzulassen. Doch es gibt noch immer sensible Bereiche in der Berichterstattung, die sehr stark kontrolliert werden. Dazu gehören Themen, wie ethnische Spannungen, Flüchtlinge und ausländische - vor allem chinesische - Wirtschaftsinteressen.

Auf der Podiumsdiskussion der DW Akademie Anfang März in Berlin sagten Sie, dass die Medien in Myanmar eingekeilt seien zwischen Markt und Staat. Wie ist das zu verstehen?
Wir brauchen die Regierung, um mehr Reformen auf den Weg zu bringen. Und international ist der Fokus vor allem auf Zensur und die Fortschritte in Sachen Demokratie gerichtet. Was dabei aber vergessen wird, ist die wirtschaftliche Seite. Die Medien müssen massiv kämpfen, um sich überhaupt finanzieren zu können, denn der Wettbewerb am Markt hat stark zugenommen. Jedes Medienhaus will das Erste sein, das eine Geschichte bringt. Auf diese Weise übt der Markt einen viel größeren Druck auf die Medien aus, als die Regierung. Positiv ist natürlich, dass sich Werbung in den Medien besser vermarkten lässt, einfach weil deren Inhalte relevanter und informativer geworden sind.

Welche Rollen spielen die sozialen Medien in Myanmar?
Im vergangenen September hat die Regierung die Internetsperre aufgehoben. 30.000 Webseiten waren plötzlich wieder erreichbar. Die sozialen Medien sind mittlerweile der pulsierendste Mediensektor im Land. Wir haben Zugang zu Facebook, YouTube, Twitter sowie zu in- und ausländischen Medienseiten. Aber: Nach wie vor haben nur sehr wenige Menschen in Myanmar überhaupt Zugang zum Internet - aus technischen und finanziellen Gründen.

Immer mehr Journalisten kommen aus dem Exil zurück nach Myanmar. Wie sehen das die Kollegen, die im Land geblieben sind?
Das sind durchaus gemischte Gefühle. Viele der abgewanderten Journalisten haben von Thailand oder Indien aus berichtet und waren in den Augen der myanmesischen Regierung eine Bedrohung. Die Kollegen im Ausland haben es geschafft, kritische Berichte ins Land zu bekommen, und das gab uns vor Ort eine andere Perspektive. Jetzt ist es so, dass die Exiljournalisten sich mit Vertretern der Regierung an einen Tisch setzen und Perspektiven für die Medien in Myanmar erörtern. Einige wollen ihr eigenes Medienunternehmen in Myanmar aufbauen. Das hilft, die Medienlandschaft vielfältiger zu gestalten. Für die Medienmacher, die im Land geblieben sind, könnte das aber zum Problem werden: Die Kollegen aus dem Ausland kommen mit viel Geld in der Hinterhand und mit modernster Technologie. Für die Medien im Land könnte das heißen, dass Reporter abgeworben werden.

Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi auf einer Wahlkampfveranstaltung in Rangun (Foto: AP Photo/Khin Maung Win).

Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi auf einer Wahlkampfveranstaltung in Rangun

Die Regierung hat angekündigt, ein neues Mediengesetz zu verabschieden. Welche Erwartungen haben Sie an ein solches Gesetz?
Ich möchte die Freiheit der Journalisten gewährleistet wissen, aber genauso möchte ich, dass die Medien reguliert werden. Wenn Medien an keinerlei Restriktionen gebunden sind, dann besteht die Gefahr, dass sie nur im eigenen Interesse berichten. Die journalistische Freiheit ist wichtig - und es ist ebenso wichtig, dass Journalisten ihre Pflichten kennen, verantwortungsvoll arbeiten und nach journalistischen Kriterien gute Berichte produzieren.

Die Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi ist für die Nachwahl am 1. April nominiert. Aber auch wenn die Opposition die 48 möglichen Sitze im Parlament gewinnt, werden sie keine Mehrheit gegen die überwältigende Mehrheit der Regierung zusammen bekommen. Welchen Wert haben also diese Wahlen?
Sie haben einen großen emotionalen und psychologischen Wert für die myanmesische Öffentlichkeit. Wenn die Wahlen korrekt ablaufen, hat das Volk den Eindruck, dass der Staat es nicht länger an der Nase herumführt und dass er es ernst meint mit den Reformen. Das gibt den Menschen ein Gefühl von Sicherheit und dass sich das Land auf dem richtigen Weg befindet.

Nwet Kay Khine lebt derzeit als Erasmus-Stipendiatin in Hamburg, um dort ihren Master zu machen. Im April kehr sie nach Myanmar zurück. Anfang März hat sie als Podiumsgast an einer Diskussion der DW Akademie und der ARD in Berlin zum Thema Medienreform in Myanmar teilgenommen.