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Medien International: Vereinfachung hilft im Jemen-Konflikt nicht weiter

Binnen kurzer Zeit hat sich im Jemen ein regionaler Konflikt entwickelt. Wird die Lage in arabischen wie westlichen Medien ähnlich beurteilt? Die DW Akademie diskutierte darüber mit Medienexperten im ARD-Hauptstadtstudio

Von Links: Adnan Tabatabei, Loay Mudhoon, Aktham Suliman, Marie-Christine Heinze und Moderator Arnd Henze

Von Links: Adnan Tabatabei, Loay Mudhoon, Aktham Suliman, Marie-Christine Heinze und Moderator Arnd Henze

Vereinfachen, ohne den Konflikt einseitig darzustellen. Dieser Herausforderung sehen sich Journalisten jeden Tag gegenüber, wenn sie vom Konflikt im Jemen berichten. Doch wie mit dieser Herausforderung umgehen? Darüber diskutierte Moderator Arnd Henze, WDR-Fernsehkorrespondent im ARD-Hauptstadtstudio, am vergangenen Freitag (8. Mai 2015) mit einem hochkarätig besetzten Panel. Dabei schlug er vor, die Veranstaltung "Medien International: Arabische Halbinsel" zu nutzen, um jenseits von Klischees und interessengesteuerter Vereinfachungen unvoreingenommen auf den Jemen-Konflikt zu schauen.

Wer kämpft gegen wen? Das ist keine einfache Frage!

Jemen-Expertin Marie-Christine Heinze vom CARPO-Institut in Bonn

Jemen-Expertin Marie-Christine Heinze vom CARPO-Institut in Bonn

Wer kämpft im Jemen gegen wen – und warum? Schon diese Frage sei auch für Spezialisten kaum eindeutig zu beantworten, sagte Marie-Christine Heinze, Vorstandsvorsitzende des Center for Applied Research in Partnership with the Orient (CARPO) und Expertin für den Jemen in Bonn. Für das Publikum wagte sie dennoch eine Annäherung. Nach dem militärischen Eingreifen Saudi-Arabiens und seiner Verbündeten habe der lokale Machkampf im Jemen eine regionale Dimension bekommen, so Heinze. "Besonders zwei Akteure gehen extrem gewaltsam vor, die Huthis und Ali Abdullah Saleh", sagt Heinze, um im gleichen Atemzug den Eingriff Saudi-Arabiens ebenfalls als "Angriffskrieg" zu bezeichnen.

Kompliziert? Nicht zuletzt deshalb seien viele westliche Journalisten dazu übergegangen, die Konfliktparteien in klar abgrenzbare Gruppen aufzuteilen. So werde der Konflikt oft auf einen Kampf zwischen Sunniten und Schiiten reduziert, kritisierte Adnan Tabatabei, Iran-Experte und Geschäftsführer des CARPO-Instituts in Bonn. "Dabei haben uns diese Labels und Etiketten wenig geholfen". Im Gegenteil führten sie dazu, falsche Allianzen zu vermuten, die so gar nicht bestünden. Sein Beispiel: Vielfach wird den Huthi-Rebellen eine große Nähe zu den Schiiten im Iran unterstellt. Vergessen werde dabei, dass sich die beiden schiitischen Strömungen stark unterscheiden würden, so Tabatabai. Die Gefahr bestünde darin, den aktuellen Konflikt als einen religiösen anzusehen, wo es sich in Wahrheit eher um einen Kampf um Macht handle.

Gute Informationen Mangelware

Loay Mudhoon, Nahost-Experte der Deutschen Welle, der als Redaktionsleiter des Internetmagazins Quantara.de über den Konflikt berichtet, weitete den Blick auf die arabischen Medien aus. Paradoxerweise würden derzeit alle arabisch-sprachigen Medien am gleichen Strang ziehen. Seine Erklärung dafür lautet: "Katar und Saudi-Arabien stimmen ihre Außenpolitik gemeinsam ab." Das Ergebnis sei, so Mudhoon, dass vor allem "die Glotze" für einen medialen Propaganda-Krieg missbraucht werde.

Binnen kurzer Zeit hat sich im Jemen ein regionaler Konflikt entwickelt

Binnen kurzer Zeit hat sich im Jemen ein regionaler Konflikt entwickelt

Im Wirrwarr um die Deutungshoheit der Krise auf der arabischen Halbinsel sei es wichtig, den Blick aufs Ganze nicht zu verlieren, riet Aktham Suliman, Freier Journalist aus Syrien und ehemaliger Deutschland-Korrespondent des arabischen Fernsehsenders Al Jazeera. "Sie müssen nur wissen, wer wen bezahlt - der Rest ist wirklich ganz einfach." Suliman hatte Al Jazeera im Jahr 2012 im Protest verlassen. Sein Vorwurf: Katars Regierung übe zunehmend Einfluss auf den Sender aus. Suliman skizzierte anschließend sein Bild auf die arabische Presse und deren Berichterstattung zur Jemen-Krise: Etwa 80 Prozent der unabhängigen Presse in der arabischen Welt sei aktuell von Saudi-Arabien finanziert. Hier spiegelten sich die Meinungen der saudisch-geführten Kriegsallianz wider. Die Gegenseite der Huthis stehe der libanesischen Tageszeitung "al-Akhbar" nahe. "Die vertritt in der arabischen Welt im Moment fast alleine die anti-saudischen Meinungen."

Agentur-Gläubigkeit sorgt für Schieflage

Ute Lange, Leiterin Kommunikation der DW Akademie begrüßte die Gäste zusammen mit WDR-Moderator Arnd Henze

Ute Lange, Leiterin Kommunikation der DW Akademie begrüßte die Gäste zusammen mit WDR-Moderator Arnd Henze

Mit Blick auf die westlichen Medien kritisierte Adnan Tabatabai eine übergroße Agentur-Gläubigkeit. Häufig produziere dies eine gefährliche Schieflage in den Berichten, so der CARPO-Experte. Agenturmeldungen von Reuters, AP, AFP und DPA würden gerade in Deutschland oft unhinterfragt wiedergegeben, geschrieben von Journalisten fernab der Region. Der Iran-Experte beobachtet hier selbst in renommierten Medien "häufig Copy-and-Paste". Sein Beispiel: "Da werden dann Aussagen von einem unbedeutenden Mitglied des iranischen Parlaments vom vergangenen Jahr jetzt aufgegriffen, um zu sagen: Iran regiert vier Hauptstädte der Region." Das Problem sei, dass diese Aussage von einem Parlamentarier komme, der in der iranischen Außenpolitik kein Gewicht habe. Das bekomme die westliche Öffentlichkeit aber nicht mehr zu hören, sagte Tabatabai.

Doch wie können Journalisten an vertrauenswürdige Informationen kommen, wenn es vor Ort keine Korrespondenten mehr gibt? Islamwissenschaftlerin Marie-Christine Heinze nutzt vor allem ihre privaten Kontakte über Facebook und Twitter. "Und da muss man wissen, wem man vertrauen kann, und wem eben nicht." Das sei zwar ein großer Flickenteppich, aber die einzige Möglichkeit, sich ein unabhängiges Bild zu machen. "Seit die Huthis die Hauptstadt eingenommen haben, sind sie sehr aggressiv gegen Journalisten vorgegangen." Marie-Christine Heinze riet zudem, die blinden Flecken in der Berichterstattung nicht zu übersehen, Denn Meldungen von Aktivisten gebe es - wenn überhaupt - aus den größeren Städten. Da sich ein Großteil des Konflikts im Jemen aber in einer Provinz fernab der Hauptstadt abspiele, sei gerade diese Informationslücke problematisch. "Wir wissen fast nichts darüber, was dort passiert, weil es einfach keinen Menschen gibt, der davon berichtet."

"Kein Mensch kann sich mit fünf Krisen gleichzeitig beschäftigen"

Viel Beteiligung am Dialog beim Medien International im ARD-Hauptstadtstudio

Viel Beteiligung am Dialog beim Medien International im ARD-Hauptstadtstudio

Die lebhafte Diskussion mit dem Publikum zeigte anschließend, wie vielschichtig die Konfliktsituation im Jemen ist. Moderator Arnd Henze empfahl angesichts der "Häufung von unglaublich komplexen Krisen" in der Region, die Aufnahmefähigkeit der Öffentlichkeit nicht aus dem Auge zu verlieren. "Kein Mensch kann sich mit fünf Krisen gleichzeitig beschäftigten". Die Jemen-Krise sei eine der wenigen Krisen weltweit, "die es im Moment schafft, überhaupt wahrgenommen zu werden". DW-Nahost-Experte Loay Mudhoon schloss die Veranstaltung mit einem Appell, mehr Mut zu zeigen: "Wir müssen der Öffentlichkeit diese Komplexität auch zumuten." Nur so könne Verständnis wachsen, sagte Mudhoon.


Medien International ist eine Veranstaltungsreihe der DW Akademie in Kooperation mit dem ARD-Hauptstadtstudio. Die DW Akademie unterstützt derzeit Journalisten und Menschenrechtsaktivisten in über 20 Krisenländern weltweit durch Ausbildung, Training und Interessensvertretung – darunter auch Journalisten im Jemen.

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