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Veranstaltungen

Medien in der Ukraine

Es gebe Anlass zur Sorge um die Freiheit des Worts in der Ukraine. Das sagte der Publizist Jurko Prochasko bei einer DW-Veranstaltung in Leipzig. Das Thema: Zensur und Selbstzensur in der Ukraine.

DW-Panel bei der Leipziger Buchmesse 2012

DW-Panel bei der Leipziger Buchmesse 2012

Die Einschränkung der Freiheit falle in Medien und Literatur allerdings sehr unterschiedlich aus, so Prochasko weiter. Er diskutierte auf der Leipziger Buchmesse mit der Dichterin und Bloggerin Elena Zaslawskaja, dem WELT-Medienredakteur Ekkehard Kern, und Khrystinya Nikolaychuk aus der Ukrainisch-Redaktion der DW. Die Ukraine war in diesem Jahr ein Schwerpunktland der Leipziger Buchmesse.

„In den Medien wird die Freiheit immer perfider und ausgeklügelter verdrängt, notfalls auch mit Gewalt oder Erpressung“, sagte Prochasko. In der Literatur gebe es das so nicht. Kritische Schriftsteller müssten nicht mundtot gemacht werden, weil man ihnen wegen der geringen Leserzahl keine Bedeutung beimesse. Ernster werde ihr Protest genommen, wenn er im öffentlichen Raum formuliert werde. Dann könne es heißen, jemand sei für sein Land schädlich – ein schwerwiegender Vorwurf in der Ukraine.

Trotz der schwierigen Lage möchte sich das Land im Rahmen der bevorstehenden Fußball-EM positiv präsentieren, sagte Khrystinya Nikolaychuk. Ob dies gelinge, hänge auch davon ab, inwiefern „Oppositionelle und kritische Journalisten die Gelegenheit nutzen, um die Aufmerksamkeit westlicher Medien auf die Probleme zu lenken“.

Ekkehard Kern sagte, man könne auch darüber diskutieren, ob westliche Medien nicht eine noch kritischere Distanz in ihrer Berichterstattung einnehmen sollten. Die Fußball-EM in der Ukraine wie auch der Eurovision Song Contest in Aserbaidschan seien große Medienereignisse. Zu beiden Ereignissen gebe es wegen der schwierigen Lage in diesen Ländern ein breites Spektrum von Meinungen in Deutschland – so höre man auch Stimmen, die einen Boykott fordern.
Die Ukraine habe eine Chance verdient, meinte hingegen Elena Zaslawskaja über ihr Heimatland. Sie würde sich freuen, wenn viele zur EM kämen. Allerdings sei es wahr, dass viele Journalisten ihre Meinung nicht frei äußern könnten. Im Internet sei man jedoch ehrlicher, offener als in den klassischen Medien. Auch in Ballungsgebieten und großen Städten mit mehreren Medien sei auch eher Offenheit möglich als in ländlichen Regionen mit vielleicht nur einer Zeitung. „Da schreibt der Journalist, was sein Chef sagt.“ Eine Schlüsselrolle bei der Zensur spiele das 2002 beschlosse Gesetz zum Schutz der öffentlichen Moral in der Ukraine, sagte Zaslawskaja. Danach regelt eine Expertengruppe derzeit die Pressefreiheit, „eine Art Zensur-Behörde“, so Zaslawskaja.

Diese Kommission sei Teil des Erpressungssystems, ergänzte Prochasko. „Erst wenn jemand zu unbequem, zu gefährlich wird, wird etwas aus seiner Vergangenheit geholt und verwendet. Was eine Verletzung von Gesetzesnormen sei, könne dabei sehr weit interpretiert werden. Auch über die Justiz- und Steuerbehörden werde so gegen unbequeme Autoren und Medien vorgegangen. Ein Tabuthema sei nicht immer von vornherein erkennbar, sagte Prochasko. Vielmehr gehe es darum, wer, wann zu welchem Anlass unter Druck gesetzt werden könnte“, so Prochasko. Diese Methode wirke „wie eine retardierende Tablette“.
Laut Khrystina Nikolaychuk gibt es derzeit keine unabhängigen Medien in der Ukraine, schon gar nicht beim Fernsehen. Oligarchen oder Parteien seien meist die Besitzer. „Sie definieren die Rolle des Journalisten als Instrument, als Marionette ihrer Interessen.“ Besser sieht es zurzeit im Internet aus, dort gebe es mehr Freiheiten.

Zur Rolle des Web 2.0 meinte Jurko Prochasko, das Internet habe viele Aggregatzustände: Eine Zeitlang könne es in einem Zustand vollkommener Bedeutungslosigkeit sein: „Es können sich Massen von Menschen im Internet empören und draußen, in der Wirklichkeit, passiert nichts.“ Dann könne es auf einmal ein sehr wichtiges Medium sein.
 

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Martina Bertram

T +49.228.429-2055 martina.bertram@dw.com