Zweifel an Wasserkraft nach Lawine in Nordindien | Asien | DW | 12.02.2021
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Naturkatastrophe in Indien

Zweifel an Wasserkraft nach Lawine in Nordindien

Die jüngsten Verwüstungen in indischen Himalaya-Tälern scheinen Umweltschützer zu bestätigen, die vor einem unkontrollierten Ausbau der Wasserkraft warnen.

Die Bewohner des Dorfes Subhai-Raini im Bundesstaat Uttarakhand machen sich ihren eigenen Reim auf die zerstörerische Wasser- und Geröllflut vom vergangenen Sonntag. "Auf einmal wurde der klare Himmel grau", erinnert sich der Mittvierziger Sangram Singh Rawat. Ein lautes, donnerndes Geräusch hatte ihn aufgeschreckt. Nachdem sich die Sicht geklärt hatte, mussten er und die anderen mit ansehen, wie sich Wassermassen und eine Schlammlawine durch das Tal wälzten und alles mitrissen, was sich in ihrem Weg befand. Auch einige Häuser im Dorf wurden beschädigt.

Als die Bewohner des Dorfes sich auf die Suche nach Verschütteten oder Verletzten machten, waren da nur noch Schlamm und Trümmer, wo Stunden zuvor Menschen Vieh weideten und Holz hackten. "Ich bin tief betrübt über den Tod vieler meiner Bekannten, die in der Nähe auf der Baustelle arbeiteten", sagt Rawat der Deutschen Welle. Zum Zeitpunkt des Vorfalls sollen dort etwa 150 Arbeiter beschäftigt gewesen sein.

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Aus Geröll und Schlamm gerettet: Einer von immer noch rund 170 Vermissten

Wasserkraftwerk als Stein des Anstoßes

Die Baustelle war die des kleinen Wasserkraftwerks Rishiganga, das am Rande des Nanda-Devi-Nationalparks, in der Nähe des Dorfes, errichtet wurde. Der Rishiganga entspringt in der Gletscherregion und gehört zum Gewässernetz des Ganges, der in dieser Region, in der Nähe der Westgrenze Nepals, seinen Ursprung hat. Die Sturzflut schwemmte die Baustelle praktisch weg und riss Bauschutt und Material mit sich, in Richtung auf ein weiteres Kraftwerk flussabwärts in Tapovan-Reni, von dem ebenfalls nicht mehr viel steht.

Verschiedene Dinge waren Bewohnern wie Sangram Singh Rawat und Kundan Singh schon seit längerem merkwürdig vorgekommen: Dazu gehörten umfangreiche Baumfällungen und Sprengungen in dem Schutzgebiet. Der Nationalpark Nanda Devi gehört zu einem UNESCO-Biosphären-Reservat von rund 5000 Quadratkilometern und enthält den gleichnamigen Gletscher. Dieser soll teilweise abgebrochen sein und die Lawine ausgelöst haben. Die beiden Dorfbewohner beauftragten 2019 den Rechtsanwalt Abhijay Negi, am Obergericht von Uttarakhand den Stopp der Sprengungen und eine Untersuchung der Aktivitäten an der Baustelle zu erwirken. "Die Berge werden zusammenstürzen", hätten sie ihm gesagt, so der Anwalt gegenüber der DW.

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Siedlung am Fluss Dhauliganga nach dem Abgang der Schlammlawine

Erfolgreicher Widerstand

"Die Sprengungen, die die Berge erschüttern, finden schon seit Jahren statt", bestätigt auch der Nachbar Harish Singh. Auch er macht Entwicklungsprojekte wie das Wasserkraftwerke und den Bau von Straßen in der Gegend für die Naturkatastrophe mitschuldig. "Wenn diese Dinge nicht verantwortlich dafür sind, was dann? Sie sollten dauerhaft beendet werden", sagte er. Viele Wildtiere seinen dadurch schon umgekommen oder hätten sich ins Dorf verirrt, beklagt Rawat. Zudem sei den Bewohnern der Zugang zum Wald versperrt worden. Das war ein Grund, warum sie vor Gericht  den Baustopp des Rishiganga-Wasserprojekts bewirken wollten.

"Das Gericht hat seine Arbeit getan", sagt Anwalt Abhijay Negi. Die Sprengungen wurden im Juni 2019 bis auf weiteres ausgesetzt. Doch riesige Mengen Bauschutt wurden nicht gemäß den Vorschriften entsorgt und deshalb von der Gerölllawine mitgerissen. "Mein gesunder Menschenverstand sagt mir, dass, wenn man Sprengungen am Fuße eines Gletschers durchführt, sich so etwas ereignen kann", sagt Anwalt Negi. Der nun entstandene Schaden sei weitaus größer als der Nutzen durch die Kraftwerke. Negi fordert Nachbesserung bei den Vorschriften: Bisher müssten nur Projekte mit einer Leistung ab 25 Megawatt eine Prüfung auf Umweltverträglichkeit durchlaufen. Auf dem Papier wies das Rishiganga-Projekt nur knapp die Hälfte auf und war somit ausgenommen.

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Seit Tagen versuchen Einsatzkräfte in diesen Tunnel vorzudringen, der zu einem jetzt zerstörten Wasserkraftwerk gehört, um Verschüttete zu finden.

Grenzen der Wasserkraft erreicht

Alleine im Bundesstaat Uttarakhand seien Wasserkraftwerke mit einer Gesamtleistung von 7000 Megawatt in Betrieb bzw. im Bau, sagt Sunita Narain vom Zentrum für Wissenschaft und Umwelt in Neu Delhi gegenüber der Agentur Thomson-Reuters. Man müsse den Ausbau der Wasserkraft in der fragilen Himalaya-Region begrenzen, insbesondere vor dem Hintergrund der Klimawandels, der zusätzliche Instabilität des Ökosystems mit sich bringe. Wissenschaftler des Wadia Institute of Himalayan Geology (WHIG) fanden heraus, dass die acht Gletscher des oberen Rishiganga-Einzugsgebietes in weniger als drei Jahrzehnten über zehn Prozent ihrer Masse verloren haben.

Erdrutsche, Sturzfluten und das Brechen von natürlichen Dämmen sind in der betroffenen Region nichts Ungewöhnliches. Solche Naturkatastrophen entzögen sich der Kontrolle der Regierung, sagt  Jigmet Takpa vom indischen Umwelt- und Forstministerium. Regierung und Bevölkerung müssten "gemeinsam Strategien zur Schadensbegrenzung entwickeln", etwa indem Wohnbauten nicht in der Nähe von Flussbetten errichtet würden. Die Bereitstellung von Elektrizität sei jedenfalls für das Wohlergehen der Bevölkerung von großer Bedeutung, so Takpa gegenüber Thomson-Reuters. Auch der Chefminister von Uttarakhand, Trivendra Singh Rawat, mahnte, das Unglück nicht als "Stimmungsmache gegen Entwicklung" zu nutzen.

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Zerstörter Damm des Wasserkraftwerks Tapovan im Bundesstaat Uttarakhand

Besser Solarenergie fördern

Für Himanshu Thakkar, Koordinator der zivilgesellschaftlichen Organisation "South Asia Network on Dams, Rivers and People" (SANDRP), zeigt der Vorfall allerdings einmal mehr, welche fatale Folgen Wasserkraftprojekte haben können. Der Bau an sich müsse nicht unbedingt der Auslöser sein, dennoch wirkten sich Abholzung, Tunnelbauten und die Zerstörung der natürlichen Umgebung negativ aus. Außerdem: "Indiens Wasserkraftprojekte sind nicht einmal wirtschaftlich rentabel. Das sicherste Zeichen dafür ist der massenhafte Ausstieg des Privatsektors aus dem Bereich", sagt er der DW. Als Alternative zur Wasserkraft rät Thakkar zu Solar- und Windenergie. "Wasserkraft ist eine sehr zerstörerische Energiequelle. Daher sollte sie nicht als saubere oder grüne Quelle betrachtet werden", so der Umweltschützer.

Die Frage bleibt, warum sich ein Stück vom Gletscher ausgerechnet im kalten Februar löste - wenn dies die Ursache für die Verwüstungen in den Flusstälern war. Manche Geologen meinen, es habe sich um einen Felsabbruch gehandelt, der große Mengen Eis und Schnee mit hinuntergezogen habe. Wie auch immer: Die Dorfbewohner Singh und Kundan sehen in dem Unglück in ihrem Dorf die Antwort der Natur auf die Sorglosigkeit der Regierung. "Wir werden unseren Kampf gegen den Ausbau der Wasserkraft auf demokratische Art und Weise und vor Gericht fortsetzen", kündigen sie an.

 

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