Zwei Dekaden Rechtsstreit wegen zwei Sekunden Beat - Plagiate in der Musik | Musik | DW | 30.12.2018
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Musik

Zwei Dekaden Rechtsstreit wegen zwei Sekunden Beat - Plagiate in der Musik

Adele, Beyoncé, Ed Sheeran. Sie alle waren schon einmal konfrontiert mit Plagiatsvorwürfen. Der Rechtsstreit zwischen Kraftwerk und Pelham ist noch in vollem Gang. Was bedeuten Gerichtsentscheidungen für die Kreativität?

"Gestohlen haben alle, aber die Großen haben genial gestohlen", sagte einst der amerikanische Komponist und Dirigent Leonard Bernstein. Gemeint hatte er den Musikklau, bei dem ein Komponist musikalisches Material eines anderen Komponisten in seinem eigenen Werk benutzt. Bernstein wies darauf hin, dass bei den "Großen" das dabei entstandene neue Werk einen hohen kreativen Eigenanteil enthalte. Zwar bezog er sich auf die Großen der Klassik; tatsächlich aber passiert dies in sämtlichen Musikgenres. Melodien, Harmoniefolgen oder charakteristische Rhythmen werden wiederverwendet, und zwar oftmals ohne den Urheber um Erlaubnis zu fragen. Seit Jahrzehnten beschäftigt das Gerichte; die Streitwerte werden dabei immer höher. 

Kraftwerk vs. Pelham

Aktuell streiten die Band Kraftwerk und der Rap-Künstler Moses Pelham vor Gericht. Dieser hatte zwei Sekunden aus dem Kraftwerk-Titel "Metall auf Metall" entnommen und sie als Endlosschleife dem für Sabrina Setlur produzierten Track "Nur mir" unterlegt.

Porträt des Künstlers Moses Pelham. (picture alliance/dpa/U. Deck)

Angeklagter Pelham

Der Fall beschäftigt die Gerichte seit über 20 Jahren und liegt inzwischen beim Europäischen Gerichtshof. Erst kürzlich hatte eine Gutachter des EuGH die Urheber-Position gestärkt: Die Kopie und der Gebrauch von Teilen eines Tonträgers in einem anderen Lied sei ein Eingriff in die Rechte des Herstellers und ohne dessen Erlaubnis zu verbieten, heißt es. Bindend ist die Beurteilung für EuGH-Richter zwar nicht, doch häufig folgen sie ihr. 2019 soll das Urteil fallen. 

Davon betroffen wird ein ganzes Musikgenre sein: Beim Sampling, dem ausdrücklichen Entnehmen und Wiederverwenden von Fremdmaterial, liegt der ganze Sinn im Kopieren. Die bisherigen Urteilssprüche in diesem Zusammenhang fielen in den verschiedenen Instanzen jeweils unterschiedlich aus. Ein Hinweis, dass Gerichte vielleicht nicht der beste Ort sind, die Grenzen der Kreativität zu ziehen? 

Promis auf der Anklagebank 

Die Columbia Law School in New York hat über 100 Fälle dokumentiert, in denen es um Musikplagiate geht. Der berühmteste und längste Fall betraf einen Beatle: Ganze 27 Jahre lang wurde über "My Sweet Lord" von George Harrison gestritten. Am Ende wurden 1,6 Millionen Dollar an Tantiemen an die Band "The Chiffons" fällig, weil Harrison einen ihrer Songs kopiert hatte. 

Andere Größen hat es ebenfalls erwischt. Vorlage für den "Folsom Prison Blues" von Johnny Cash soll der "Crescent City Blues" von Gordon Jenkins gewesen sein. Cash musste 100.000 US-Dollar an den Urheber zahlen. 

Glimpflich ging dafür der Streit um Led Zeppelins Stück "Stairway to Heaven" aus, das mit 500 Millionen Dollar Einnahmen eines der erfolgreichsten Lieder aller Zeiten ist. Hier wurde die Band nicht wegen Plagiats verurteilt. 

Popstar Shakira traf es härter: 2014 urteilte ein US-Bundesgericht, die Sängerin habe illegal gehandelt, als sie 2010 das Lied "Loca con su Tiguere" des dominikanischen Sängers Ramón Arias Vásquez zur Grundlage ihres Hits "Loca" machte.

Und auch der deutsche Rapper Bushido wurde verurteilt: Er musste an die französische Gothic-Band Dark Sanctuary einen Schadenersatz in Höhe von mehr als 60.000 Euro zahlen. Er habe 16 Titel von ihnen unerlaubt verwendet und als seine eigenen ausgegeben, so das Gericht. 

Die Plagiatsfälle und -Vorwürfe in der Musikbranche sind kaum zu überblicken: Zu den Angeklagten zählen auch Bob Dylan, Paul Simon, Adele, Rihanna, Madonna, Beyoncé oder die Bands The Beach Boys, Nirvana und Coldplay.

Schwarz-weiß-Aufnahme von George Harrison aus dem Jahr 1964. (picture alliance/Everett Collection)

Schuldig gesprochen: Beatle George Harrison

Büchse der Pandora: Geklautes Feeling

Meist geht es bei diesen Streitfällen um geklaute Melodien, und beim Nachweis setzt man inzwischen auch Softwares ein, die Plagiate erkennen sollen.

Bei einem prominenten Fall ging es jedoch um etwas Abstrakteres: den Groove, den Vibe oder das Feeling eines Songs. So mussten Robin Thicke & Pharrell Williams 2015 7,4 Millionen Dollar (rund 6,9 Millionen Euro) an die Nachkommen der Soul-Legende Marvin Gaye zahlen, weil ihr Lied "Blurred Lines" dem Gaye-Song "Got to Give It Up" aus den 70er-Jahren zu sehr ähnelte. Sollte dies zum Präzedenzfall werden, wären die Folgen unabsehbar. 

2018 legten Gayes Erben nach und verklagten auch den Sänger Ed Sheeran um ganze 100 Millionen Dollar (rund 86 Millionen Euro). Bei seinem Hit "Thinking out Loud" aus dem Jahr 2014 - mit mehr als zwei Milliarden Abrufen auf YouTube einer der meist gehörten Songs aller Zeiten - soll Sheeran Rhythmus und Melodie des Songs "Let's Get It On" von Marvin Gaye aus dem Jahr 1973 verwendet haben. Es ist nicht das erste Mal, dass der 27-jährige britische Megastar mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert ist. 

Kreativität nicht erschöpft

Rechtsstreits häufen sich in der Musikindustrie, weil heute alles jederzeit abruf- und überprüfbar sei, erklärte der amerikanische Musikwissenschaftler Nate Sloan im Deutschlandfunk

Seit etwa 70 Jahren gibt es Popmusik. Im Vergleich zu anderen Musikgenres entsteht sie nach relativ engen stilistischen Kriterien. Geht so das musikalische Material inzwischen aus? "Ich glaube nicht", so Sloan weiter. "Mathematisch gesehen gibt es noch unzählige Möglichkeiten, wie Töne für Melodien und Songs arrangiert werden können." 

ESC: massentauglich und eingängig muss es sein

Aber: "Pop muss eingängig, massentauglich und leicht zu verstehen sein", fügt der Musikwissenschaftler hinzu. Um­ das zu erreichen, wird sie meist in Teams entwickelt. Das schließt zwar das Entstehen von originellen Ideen nicht aus, diese aber einzelnen Personen zuzuordnen fällt zunehmend schwerer. 

Ein Vorzeigebeispiel der Kreativitätsfabriken unserer Zeit liefert der Eurovision Song Contest (ESC), für den viele Länder alljährlich enorm hohe Summen ausgeben. Manchmal arbeiten Komponisten und Produzenten in Songwriting-Camps zusammen und nehmen oft mehr oder weniger denselben Ansatz: Der Song muss auf Anhieb gefallen und einem mehrheitsfähigen Musikgeschmack entsprechen, jedoch auch ein originelles Element enthalten.

ESC-Siegerin Netta mit kleiner Israel-Flagge in der Hand. (picture-alliance/dpa/M. Ulander)

Nettas Beitrag klang erfrischend originell. War er es wirklich?

Auch der ESC musste sich mit Musikplagiatsfragen auseinandersetzen. "Glorious", der Song, mit dem die Band Cascada im Jahr 2013 Deutschland vertrat, ähnele zu sehr Loreens "Euphoria", dem Vorjahressieger aus Schweden. "Kein Plagiat", lautete jedoch das Urteil der Gutachter. Auch der aktuelle Song "Toy", mit dem die Israelin Netta den ESC 2018 gewonnen hat, soll ein Plagiat sein, lautete der Vorwurf der Universal Music Group. Netta soll sich beim Hit "Seven Nation Army" der Band White Stripes bedient haben. Der Preis wurde Netta jedoch nicht aberkannt, und der ESC wird wie erwartet 2019 in Tel Aviv ausgetragen.

Im Jazz gelten wiederum andere Regeln als bei der Popmusik. Die Stilkriterien sind hier breiter und die Verwendung von Fremdmaterial weitaus weniger restriktiv. Kein Jazzkünstler wird heute beschrieben ohne dass die Namen von fünf, sechs anderen Künstlern fallen, die ihn beeinflusst haben sollen.

Leonard Bernstein lehnt rauchend an einem Türrahmen. (Historical Archives of the New York Philharmonic )

Geklaut haben sie alle, sagte Leonard Bernstein. Nur: Einige machten es besser.

"Auf der Schulter von Giganten..."

Bleibt die Frage: Wo endet die Inspiration, und wo beginnt das Plagiat? Werden künftig genaue Kriterien festgelegt, damit Künstler wissen, was sie dürfen und was nicht? Und wenn ja, entsteht dann eine neue Welle der Kreativität? Oder werden in immer weiteren Streitereien die Grenzen verwischt, die Unsicherheit größer und die Kreativität gebremst?

Dass alles besser und klarer wird, scheint zweifelhaft. Das Plagiatsproblem betrifft auch andere Bereiche der Kunst, das akademische Leben und die Wissenschaft. Dabei ist es, um es mit den Worten des berühmten englischen Physikers Isaac Newton zu sagen, in der Kunst nicht wesentlich anders als in der Wissenschaft: "Wenn ich ein wenig weiter blicken konnte, liegt es daran, dass ich auf der Schulter von Giganten stehen durfte."

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