Zoff beim ″Spiegel″: Ruhe vor dem nächsten Sturm? | Kultur | DW | 03.09.2013
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Zoff beim "Spiegel": Ruhe vor dem nächsten Sturm?

Eigentlich soll der neue Chefredakteur des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" Ruhe ins zerstrittene Haus bringen. Doch bevor er sein Amt überhaupt antrat, hat er selbst mit einer Personalie für jede Menge Ärger gesorgt.

Verletzungen kurieren, Ruhe reinbringen, nach vorne schauen. Klingt nach Fußballtrainer nach einem verlorenen Spiel. Doch in diesem Fall geht es um eine Redaktion - nicht irgendeine, sondern die des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel", einer Art Institution in der deutschen Medienlandschaft. "Die Redaktionskonferenz am Montag (02.09.2013) war ein Werben um Ruhe, um Schauen nach Vorne und Gelassenheit", sagt Stefan Grimberg. Er ist Medienjournalist beim "Norddeutschen Rundfunk" (NDR) in Hamburg und kennt die Situation bei den Kollegen bestens. Was war passiert? Worum geht es und um wen?

Der neue Spiegel-Chefredakteur Wolfgang Büchner (Foto: dpa)

Der neue "Spiegel"-Chefredakteur Wolfgang Büchner

Es geht vor allem um Wolfgang Büchner. Noch bevor er am 1. September seinen neuen Job als "Spiegel"-Chefredakteur antrat, brachte er mindestens den halben Spiegel-Verlag gegen sich auf. Mit Nikolaus Blome als seinem Stellvertreter wollter er offenbar Schwung in den Laden bringen. Blome ist derzeit stellvertretender Chefredakteur von Deutschlands größtem Boulevardblatt, der "BILD"-Zeitung. Das mit dem Schwung hat jedenfalls funktioniert. Nur nicht wie gewünscht.

Unterschiedliche Galaxien

Die "BILD" spaltet, gerne und immer wieder. Zuletzt hatte sie mit einer ressentimentgeladenen Griechenland-Kampagne für Aufregung gesorgt. Vor dem Hintergrund der Schuldenkrise des Landes war von "Pleitegriechen" die Rede, die ihre Inseln verkaufen sollten. Der Spiegel griff die Kampagne auf und kritisierte sie scharf. Nicht das erste Mal, dass der "Spiegel" die "BILD" attackierte. "Vor zwei Jahren hat der 'Spiegel' eine Titel-Geschichte über die 'BILD'-Zeitung gemacht. Damals bezeichnete der 'Spiegel' die 'BILD' als 'Brandstifter'', erinnert sich Astrid Corall, Redakteurin beim NDR. "Das ist dann die Frage: Einer von der 'BILD'-Zeitung soll nun beim 'Spiegel' arbeiten und Einfluss haben? Das ist für viele aus der alten Mannschaft problematisch, das kann man verstehen", findet sie.

Porträt von Nikolaus Blome (Foto: Karlheinz Schindler)

Noch bei der "BILD": Nikolaus Blome

Die "Spiegel"-Mitarbeiter gingen auf die Barrikaden, was im vorliegenden Falle keineswegs ein Mäuseaufstand ist, denn die Angestellten halten über die Mitarbeiter Kommanditgesellschaft - kurz Mitarbeiter KG - 50,5 Prozent der Anteile. Ein Kompromiss wurde gefunden: Demnach wird Nikolaus Blome zum 1. Dezember nicht stellvertretender Chefredakteur, sondern lediglich Mitglied der Chefredaktion. Zudem wird er das "Spiegel"-Hauptstadtbüro leiten. Doch dass nun mit dem gefundenen Kompromiss Ruhe herrscht, glaubt Astrid Corall nicht. "Dafür ist beim' Spiegel' zu viel Porzellan zerschlagen worden."

Um zu verstehen, warum es für einen Sturm der Entrüstung sorgt, wenn ein exponierter "BILD"-Mann zum "Spiegel "geht, muss man wissen, dass zwischen den beiden Blättern nicht Welten, sondern Galaxien liegen: Stephan Weichert, Professor für Journalistik in Hamburg, formuliert es so: "Die 'BILD' steht für eine traditionell regierungskonforme, zentristische Linie, während der 'Spiegel' nach wie vor eine eher tendenziell linke, dem aufklärerischen Ideal folgende, politik-kritische Linie hat."

Wandel in der Medienbranche

Mehrere Ausgaben der BILD-Zeitung (Foto imago stock&people)

Viele Bilder, plakative Überschriften: die "BILD"-Zeitung

Doch der Streit um "BILD"-Mann Blome verstellt den Blick auf einen weit tiefer liegenden, strukturellen Konflikt. Der betrifft nicht nur den "Spiegel", sondern die gesamte Medienbranche. Die Rede ist vom Paradigmenwechsel infolge der digitalen Revolution: Während die Auflagen der Print-Medien sinken, werden Online-Nachrichtenportale immer beliebter. Das Problem: Sie bringen den Verlagen kaum Geld in die Kassen. Gewinne werden zumeist immer noch mit den gedruckten Ausgaben verdient. Auch beim gedruckten "Spiegel" und "Spiegel Online" ist das so, obwohl Letzterer zu den Marktführern im Bereich Online-Nachrichten in Deutschland gehört.

Alle Beobachter bestätigen, dass die Kluft zwischen Onlinern und Printleuten beim "Spiegel" tief ist: Zugespitzt formuliert, schreiben die einen drei Artikel die Woche, die anderen drei im Monat, verdienen aber ein Vielfaches. Stefan Grimberg bestätigt, dass es vor allem um Geld geht, und da hört der Spaß bekanntlich auf. "Nach wie vor ist der Kuchen beim 'Spiegel' üppig." Doch vom Gewinn und von der Mitbestimmung über die Mitarbeiter KG profitieren ausschließlich die Angestellten des gedruckten "Spiegel". "Die anderen 'Spiegel'-Töchter bleiben außen vor, obwohl sie zur Bekanntheit des 'Spiegel' eine Menge beitragen", erläutert Medienexperte Grimberg.

Die Grenzen verschwimmen

Screenshot Offener Brief Jeff Bezos

Offener Brief an Amazon-Gründer Jeff Bezos

Online oder Print, politisch links oder rechts, boulevardesk oder investigativ - die altbekannten Lager im Journalismus verschwimmen. Und damit auch die vermeintlichen Gewissheiten: Die konservativ-bürgerliche "Frankfurter Allgemeine Zeitung" greift der vermeintlich linken "Frankfurter Rundschau" unter die Arme. In den USA kauft ein Protagonist der New Economy, kein geringerer als Amazon-Gründer Jeff Bezos, das Traditionsblatt "Washington Post". Und ein Aufschrei bleibt aus, im Gegenteil. Mit "Dear Jeff" beginnt ein offener Brief des "Post"-Journalisten und zweifachen Pulitzerpreisträgers Gene Weingarten an den neuen Besitzer. Stephan Weichert differenziert: "Im Fall des 'Spiegel' und der Personalie Blome geht es um eine politische Ideologie, im Fall Bezos geht es um etwas ganz anderes. Er wird nicht Chefredakteur, sondern Besitzer."

Die Hausaufgabe für den neuen "Spiegel"-Chefredakteur Wolfgang Büchner könnte ungleich schwieriger sein. Die besteht nach Meinung von Medienjournalist Stefan Grimberg darin, das - wie er sagt - "Schisma zwischen Print und Online" zu überwinden. Doch erst einmal steht Mitte September eine außerordentliche Versammlung der Mitarbeiter KG an. Da könnten die Streitigkeiten noch einmal hochkochen, mutmaßt Astrid Corall. "Alles in allem war das kein guter Start."

Die Redaktion empfiehlt