Zettels Traum: Der Dichter Arno Schmidt | Kultur | DW | 18.01.2014
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Kultur

Zettels Traum: Der Dichter Arno Schmidt

Arno Schmidts Fangemeinde feiert ihn als einen der bedeutendsten Schriftsteller der deutschen Nachkriegszeit. Doch seine Werke kennen die wenigsten. An diesem Samstag wäre der Autor 100 Jahre alt geworden.

Bargfeld wäre nur ein kleines Kaff unter Tausenden in Deutschland, unbekannt gelegen in der Nähe von Hannover, Niedersachsen, umgeben von eher karger Landschaft. Langweilig, stünde hier nicht das Wohnhaus eines vermeintlichen Einsiedlers, der zu den wichtigsten deutschen Nachkriegsautoren gehört und dessen Werke zu den Klassikern der Moderne gezählt werden: Arno Schmidt.

Haus von Arno Schmidt in Bargfeld (Foto: gemeinfrei)

1958 zieht Arno Schmidt nach Bargfeld

Ein unfreundlicher, überheblicher Zeitgenosse, unnahbar und überschätzt, sagen diejenigen, denen der Schriftsteller die kalte Schulter zeigte. Nie wieder in seinem Leben habe er einen so beeindruckenden Menschen erlebt, sagt Jan Philipp Reemtsma. Schmidt sei "ein sehr freundlicher, zugewandter und höflicher Mensch" gewesen, so der Literaturprofessor, Millionär und späte Mäzen Schmidts. Reemtsma besuchte den Schriftsteller häufig in Bargfeld, in den 1970er Jahren, er hatte gerade begonnen "Zettel’s Traum" zu lesen.

Der Buchhalter verfasst Kriegsstatistiken

Es ist Arno Schmidts Monumentalwerk: acht Bücher in einem, 1334 Seiten lang, dreispaltig, mit Schreibmaschine und von Hand verfasst. "In dem Werk kommt ja mehrfach vor, dass er nur eingeschränkt dazu kommt, die Bücher zu schreiben, die er schreiben will, weil immer sehr viel Brotarbeiten zu tun sind", erinnert sich Reemtsma. Er macht dem Schriftsteller das Angebot, ihn mit 350.000 D-Mark zu unterstützen, "um sein Leben freier zu gestalten". Schmidt nimmt an, unter der Bedingung, ein neues Buch zu schreiben. "Er war da Puritaner; das nimmt man dann, wenn man dafür etwas leistet", so sein Förderer, der bis heute die in Bargfeld ansässige Arno-Schmidt-Stiftung finanziert.

Cover Arno Schmidt Zettel’s Traum (Foto: S. Fischer Verlag)

Arno Schmidt wurde 1914 in Hamburg als Sohn eines Polizeibeamten geboren, später zog er mit der Mutter ins sächsische Görlitz und legte dort das Abitur ab. Es folgte eine kaufmännische Lehre, nach der Ausbildung die Arbeit als Buchhalter in einer Textilfabrik. Hier lernt Schmidt seine spätere Frau Alice kennen, die er 1937 heiratet und die ihn bis zu seinem Tod 1979 als Sekretärin bei seinen literarischen Arbeiten unterstützt. 1940 wird er zur Wehrmacht eingezogen, verbringt bis 1945 die meiste Zeit in Schreibstuben und verfasst Kriegsstatistiken. Aus dieser Zeit stammen Schmidts erste Gedichte und Erzählungen, die aber größtenteils erst nach seinem Tod veröffentlicht wurden.

Anerkennung für seine Arbeit

Nach Kriegsende muss er wenige Monate in britische Gefangenschaft, danach ziehen die Schmidts in die Lüneburger Heide und leben wie die meisten Deutschen zu dieser Zeit in bitterer Armut. Trotzdem beschließt Arno Schmidt, sein Geld fortan als freier Schriftsteller zu verdienen, das karge Nachkriegsleben verarbeitet er in der Erzählung "Brand’s Haide". Es entstehen die ersten beachteten Werke: "Leviathan", "Enthymesis" und "Gadir", die vom Rowohlt Verlag veröffentlicht werden.

Arno Schmidt (Foto: Imago/Teutopress)

Macht sich Notizen: Arno Schmidt

1950 wird Arno Schmidt der "Große Akademie-Preis für Literatur" der Mainzer Akademie verliehen, die mit 2000 D-Mark dotierte Auszeichnung sorgt für ein wenig finanzielle Entspannung. In dieser Zeit wird das Ehepaar in die französische Besatzungszone umgesiedelt, eine Erfahrung, die der Schriftsteller wenig später in "Die Umsiedler" verarbeitet. Es folgen in den 1950er Jahren die Erzählung "Seelandschaft mit Pocahontas" sowie die Romane "Das steinerne Herz" und "Die Gelehrtenrepublik". Um Geld zu verdienen, nimmt Schmidt Auftragsarbeiten von verschiedenen Verlagen an, übersetzt zeitgenössische Romane aus dem Englischen.

120.000 Zettel in einem Kästchen

Arno Schmidt mit seinem Zettelkasten (Foto: picture-alliance)

Schmidt mit seinem Zettelkasten

Seine eigenen Werke sind keine Bestseller, werden aber immer häufiger von der Kritik beachtet. Sein Humor kommt an und seine Gabe, sich detailliert mit dem Alltag in der noch jungen Bundesrepublik zu beschäftigen. Kleinteilig beschreibt er das Leben seiner Mitmenschen, ohne großen Kontakt zu ihnen zu pflegen. Es überfordere ihn, ließ er wissen.

Schmidt hält sich immer weniger an die deutsche Rechtschreibung, vielmehr erfindet er einen eigenen, ungewöhnlichen Schreibstil, spielt mit Worten und Kalauern, orientiert sich an Dialekten. Er überträgt die Psychoanalyse Sigmund Freuds auf die Literatur, schreibt Science Fiction und beginnt in den 1960er Jahren, an seinem literarischen Vermächtnis zu schreiben. "Zettel’s Traum" wird nach mehrjähriger Arbeit fertig, 120.000 Notizzettel hat Schmidt darin verarbeitet.

Das Andenken pflegen

Die Kritik stürzt sich auf das Werk, von "genial" bis "Blödsinn" ist alles dabei und man brauche schon ein umfassendes Literaturwissen, um das Buch zu verstehen. "Unsinn", meint Jan Philipp Reemtsma. Man müsse auch nicht alles gelesen haben, um jeden Halbsatz in "Faust II" genau auf seine Ursprünge zurück verfolgen zu können oder Thomas Manns "Doktor Faustus" gut zu finden, so der Professor. "Natürlich können sie den Roman lesen, ohne dauernd die Nachschlagewerke zu bemühen oder die Originaltexte - und das kann man bei "Zettel’s Traum" genauso."

Mit der Stiftung in Bargfeld, die seit 1983 alle Rechte an Schmidts Werken besitzt, will Reemtsma das Andenken an den Schriftsteller pflegen, auch international. "Er ist mittlerweile in sehr viele Sprachen übersetzt worden, etwa in die wichtigsten europäischen Sprachen." Im Gegensatz zu Deutschland würden Schmidts Werke im Ausland allerdings anders aufgenommen, so Reemtsma. "Die deutsche Rezeption konzentriert sich auf die scheinbar sonderbaren Seiten des Autors. In anderen Ländern wird gesagt: Was ist eigentlich passiert, dass wir diesen Autor erst so spät, nämlich nach seinem Tode, kennen lernen?" Arno Schmidt werde, so Jan Philipp Reemtsma, "in Zukunft immer ein bedeutender Name in der deutschen Literatur sein."

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