Zentralafrikanische Republik: Wenn Religion zur Waffe wird | Afrika | DW | 22.12.2013
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Afrika

Zentralafrikanische Republik: Wenn Religion zur Waffe wird

In der Zentralafrikanischen Republik lebten Christen und Muslime einst weitgehend friedlich miteinander. Inzwischen tobt zwischen ihnen ein Bürgerkrieg, dessen Wurzeln jedoch mit Religion nichts zu tun haben.

"Ndele ist nicht weit" heißt ein kleiner Laden in Miskine, einem geschäftigen Stadtviertel in Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik. Gebetsketten und Ausgaben des Korans liegen zum Verkauf aus. Ndele, das ist der Name einer Stadt im Norden des Landes, 650 Kilometer von Bangui entfernt. Von dort kamen die Rebellen der muslimischen Séléka, die im März Bangui erobert und die alte Regierung gestürzt hatten.

Der Stadtteil Miskine war bislang die Heimat der muslimischen Minderheit im überwiegend katholischen Bangui. Unweit der Moschee stehen drei Kirchen. Christen und Muslime in Miskine lebten vor dem Putsch friedlich miteinander. Heute ist der Stadtteil Schauplatz eines Bürgerkrieges, in dem christliche und muslimische Milizen sich bekämpfen und gegenseitige Massaker begehen.

Eine Grenze mitten durchs Land

Die Frage der religiösen Zugehörigkeit sei nicht Grund für die Auseinandersetzungen gewesen, sagt Ahmet Adam, Sohn des Imams der großen Moschee in Miskine. "Es handelt sich nicht um einen Konflikt zwischen Muslimen und Christen. Wir sind eine Nation." Grund des Putsches sei die Ungleichbehandlung gewesen: "Vorher wurden wir Muslime in der Hauptstadt als Ausländer betrachtet. Aber wir haben auch Rechte."

Ahmet Adam vor einer Moschee Foto: Simone Schlindwein

Ahmet Adam vor der Moschee in Miskine

Muslime machen nur 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung der Zentralafrikanischen Republik aus. Die meisten von ihnen leben im äußersten Norden des Landes, jenseits der Sümpfe, die sechs Monate im Jahr nicht passierbar sind. Der Norden gilt als unterentwickelte Enklave in einem ohnehin armen Land. Keine Schulen, keine Krankenhäuser, keine Straßen. Weil die Hauptstadt Bangui fast 10 Tagesreisen entfernt liegt, orientieren sich die Menschen nach Norden, zum Sudan oder zum Tschad. Sie gehen in der sudanesischen Stadt Nyala ins Krankenhaus und schicken ihre Kinder auf Koranschulen in Karthum. Mitten durch die Zentralafrikanische Republik zieht sich die kulturelle Grenze zwischen der muslimischen Sahelzone und dem christlichen Subsahara-Afrika.

Diese Grenze wurde nun verschoben: Im März hatte die Séléka, eine Allianz verschiedener muslimischer Rebellengruppen aus dem Norden des Landes, die Hauptstadt an der südlichen Landesgrenze erobert und die Regierung von Präsident François Bozizé gestürzt. Séléka-Führer Michel Djotodia ernannte sich zum Staatschef. Er ist der erste Muslim an der Spitze des Landes.

Neue Machthaber, neue Probleme

Nouredim Adam Foto: Simone Schlindwein

Nouredin Adam, als er noch Innenminister war

Der Bruder von Ahmet Adam war bei der Rebellion dabei: Nouredin Adam war einer der mächtigsten Séléka-Kommandeure. Bis vor kurzem hatte er den Innenministerposten der neu einberufenen Regierung inne. "Die Zentralafrikanische Republik ist eines der am wenigsten entwickelten Länder der Welt. Dabei ist es ein reiches Land." Deswegen habe die Séléka die Rebellion gestartet, sagt Nouredin Adam. Der ehemalige Präsident Bozizé habe nichts für das Volk getan: "Er behandelte die Bevölkerung schlecht. Er ließ Menschen umbringen und verhaften. Er hatte keine Visionen." All das wollten die Séléka-Regierung und General Adam anders machen - und sie wollten den unterentwickelten Norden aufbauen und für die Rechte ihrer Volksgruppe kämpfen.

Doch die Machtnahme der Séléka brachte neue Probleme mit sich: Die Kämpfer plünderten fast jedes Haus, jede staatliche Infrastruktur. Eine Übergangsregierung wurde einberufen. Doch die Regierung unter dem neuen Präsidenten Michel Djotodia war gelähmt, der ohnehin schwache Staat nur noch eine leere Hülle. In den Ministerien waren nicht einmal mehr Tische und Stühle übrig, um irgendwelche Amtsgeschäfte zu tätigen. Es kam zu Machtkämpfen innerhalb der Séléka-Führung. General Adam wurde abgesetzt. Auch, weil er stets kritisiert hatte, dass der Präsident seine Kämpfer nicht im Griff habe.

Gegenrebellion vom Ex-Präsidenten

Flüchtlingslager in der Zentralafrikanischen Republik Foto: SIA KAMBOU/AFP/Getty Images

Tausende Menschen sind auf der Flucht

Die Unsicherheit nutzte der von der Séléka geschasste Ex-Präsident François Bozizé: Aus dem Exil im Nachbarland Kamerun heraus mobilisierte er christliche Milizen in der Zentralafrikanischen Republik, damit diese gegen die muslimischen Rebellen vorgehen. Das war nicht schwer: Jede Familie in Bangui berichtete von Plünderungen. Die Christen fühlen sich als Opfer, als Unterdrückte - von den neuen, muslimischen Herrschern.

Sowohl die alten als auch die neuen Herrscher instrumentalisieren die Gläubigen im Land für ihren Machtkampf. Sie mobilisieren die Massen, indem sie Muslime und Christen gegeneinander aufstacheln. Leidtragend ist am Ende die Bevölkerung - egal, welcher Religion sie angehört.

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