Mukosa: ″Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Bangui″ | Afrika | DW | 20.12.2013
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Afrika

Mukosa: "Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Bangui"

Die Gewalt in der Zentralafrikanischen Republik eskaliert weiter. In der Hauptstadt Bangui begehen Milizen Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverstöße, sagt Christian Mukosa von Amnesty International im DW-Interview.

DW: Herr Mukosa, Sie waren zwei Wochen lang in der Zentralafrikanischen Republik unterwegs. Wie haben Sie die Situation dort erlebt?

Christian Mukosa: Die Lage der Menschenrechte in der Zentralafrikanischen Republik und insbesondere in der Hauptstadt Bangui ist sehr ernst seit dem Angriff am 5. Dezember diesen Jahres und nach den dann folgenden Vergeltungsschlägen. Wir von Amnesty International werten diese Ereignisse als Kriegsverbrechen und als Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die insbesondere am 5. und 6. Dezember in Bangui begangen wurden. Das war als die Anti – Balaka, diese mehrheitlich aus Christen bestehende Gruppe, die Stadt Bangui angegriffen und dabei 60 Menschen getötet haben. Und dann gab es die Vergeltungsschläge der Seleka, der Truppen der gegenwärtigen Übergangsregierung, bei denen ebenfalls hunderte Zivilisten starben, mehrheitlich Christen.

Wie erklären Sie sich die Tatsache, dass es in den letzten Wochen vermehrt Anschläge und Vergeltungsaktionen gegeben hat?

Einer der wichtigsten Gründe war der Angriff der Anti-Balaka auf die Stadt Bangui. Aber auch davor gab es schon Angriffe, so auch um den 2. Dezember herum auf die Stadt Bouali, wo die Anti-Balaka ein Fulani-Dorf angegriffen haben. Dabei haben sie Menschen getötet und viele verletzt, selbst Kinder im Alter von drei Jahren. Wir haben ungefähr zehn Kinder gesehen, die mit einer Machete am Kopf verletzt worden waren. Das ist eine der Ursachen der Probleme in den letzten Wochen.

Und leider antworteten die Truppen der Übergangsregierung, also die Seleka, mit Repressalien gegen die Bevölkerung, insbesondere gegen die Christen. Und das hat einen politischen Konflikt immer zu einem religiösen Konflikt werden lassen, in dem jetzt Muslime gegen Christen und Christen gegen Muslime stehen.

In einer Situation, in der Ex-Seleka, Selbstverteidigungs-Milizen und andere bewaffnete Gruppen Übergriffe begehen: Wie können die ausländischen Streitkräfte dem ein Ende bereiten?

Es ist wichtig festzuhalten, dass die Übergriffe von allen Seiten kommen, also sowohl von den Ex-Seleka als auch von den Anti-Balaka und anderen Gruppen. Es ist wirklich gut, dass die internationalen Kräfte einschließlich der französischen Truppen, die jetzt in Bangui ungefähr 1600 Soldaten ausmachen, und die afrikanische Eingreiftruppe mit weiteren 3500 Mann (und die bis zu 6000 werden sollen), dabei sind, die Gegner zu entwaffnen und die Zivilisten zu schützen.

Aber die Entwaffnung muss einhergehen mit dem Schutz der Entwaffneten und derjenigen Stadtviertel von Bangui, die als Brennpunkte gelten. Dazu gehören das Viertel Combattant am Flughafen, und die Stadtteile Miskine und PK5. Diese Viertel müssen mittels regelmäßiger Patrouillen gesichert werden, damit die Menschen Vertrauen haben und in ihre Häuser zurückkehren. Es sind ja zurzeit mehr als 200.000 Obdachlose in der Stadt unterwegs, darunter 40.000 auf dem Flughafengelände.

Bekommt die Bevölkerung die nötige humanitäre Hilfe?

Wir haben hunderte Menschen interviewt, darunter auch solche in den Flüchtlingslagern. Überall haben wir Frauen, Kinder und Männer getroffen, die uns berichteten, dass die humanitäre Lage mehr und mehr zu einer Katastrophe wird.

Über die allgemeine Menschenrechtslage hinaus geht es jetzt also ums Überleben, in erster Linie um den Zugang zu Lebensmitteln. Die Versorgung mit Medikamenten, die sanitäre Lage in den Flüchtlingslagern, alles das sind große Probleme.

Internationale und nationale Hilfe ist offenbar auf dem Weg, kommt aber sehr langsam. Die Vereinten Nationen, die internationalen und nationalen Nichtregierungsorganisationen müssen die Unterstützung schneller in die Wege zu leiten, um Menschenleben zu retten. Sonst könnten die Menschen, die nicht durch Macheten getötet wurden, an Krankheiten wie Durchfall und Cholera sterben.

Was muss jetzt am dringendsten geschehen?

Für uns bei Amnesty International geht es darum, zunächst Sicherheit zu gewährleisten und die Zivilisten zu schätzen, damit sie in ihre Häuser zurückkehren. Die Menschen haben uns gesagt, dass es ihr größter Wunsch sei, in ihre Häuser zurück zu kehren, doch sie haben Angst getötet zu werden. Und es gab ja tatsächlich Menschen, die versucht haben zurückzukehren und die getötet wurden. Die Sicherheit in der Stadt und auf dem Land muss oberste Priorität haben. Deshalb fordern wir die schnelle Stationierung eine Eingreiftruppe der Vereinten Nationen mit einem robusten Mandat nach Kapitel 7 der UN-Charta, das den Schutz der Zivilbevölkerung einschließt, nicht nur in Bangui, sondern im ganzen Land. Diese Truppe könnten den Weg bereiten für eine Aussöhnung und vor allem dafür sorgen, dass die humanitären Probleme gelöst werden.

Christian Mukosa arbeitet im Afrika-Programm von Amnesty International und ist Autor des aktuellen Berichtes zur Zentralafrikanischen Republik.

Das Interview führte Gaëtan Kpadjeba