Daten in Gefahr: Warum Deutschland sich jetzt befreien muss
17. März 2026
Auf Dokumente und Datensätze, die in deutschen Rathäusern sowie von Verwaltungen auf Länder- oder Bundesebene erstellt werden, haben nicht nur die zuständigen inländischen Behörden Zugriff. Denn deutsche Behörden nutzen überwiegend Computerprogramme, deren Anbieter meist in den USA sitzen. Datenschützer sehen darin eine kritische Abhängigkeit, die sich durch den US-Cloud-Act ergibt, den Donald Trump in seiner ersten Amtszeit 2018 unterzeichnete.
Per Dekret oder Präsidentenerlass kann die US-Regierung demnach auf deutsche Daten zugreifen, wenn diese in einem digitalen Speicherplatz in den USA liegen. Das gilt auch für im Ausland gespeicherte Daten, wenn die Server dort US-Firmen oder deren Tochtergesellschaften gehören.
Das Zentrum für digitale Souveränität der öffentlichen Verwaltung, kurz ZenDiS, will Lösungen bieten, um die Abhängigkeiten von großen US-Tech-Konzernen wie Microsoft zu verringern. Daher entwickelt das in Bochum angesiedelte Unternehmen digitale Alternativen zu den US Produkten.
"Potenziell sind alle Daten gefährdet, die auf US-Datenbanken liegen", sagt ZenDiS-Sprcher Lutz Niemeyer. ZenDiS ist ein 100-prozentiges Tochternehmen der Bundesverwaltung - schließlich habe der Staat, so Niemeyer, "die Pflicht dafür zu sorgen, dass kritische Daten, die die Bürgerinnen und Bürger dem Staat anvertrauen, geschützt liegen".
Druckmittel: Anweisungen an US-Tech Unternehmen
Der Fall des Richters Nicolas Guillou vom Internationalen Strafgerichtshof mache auf dramatische Weise deutlich, was passieren kann, wenn jemand bei der US-Regierung in Ungnade fällt. Nachdem das Gericht einen Haftbefehl gegen Israels Ministerpräsidenten Netanjahu wegen des Verdachts auf Kriegsverbrechen im Gaza-Streifen erlassen hatte, folgten umgehend Sanktionen aus den USA.
So wurden die Konten des französischen Richters bei Amazon und PayPal geschlossen. Selbst Hotelbuchungen in Europa über ein US-Reisebüro waren nicht mehr möglich, da US-Unternehmen ihre Beziehungen zu Personen abbrechen müssen, wenn diese mit Sanktionen der US-Regierung belegt werden.
Ein Druckmittel der US-Regierung könne nach Niemeyer auch sein, die Tech-Firmen anzuweisen, keine Updates mehr zu liefern. Zum Beispiel keine Sicherheits- oder Funktions-Updates für die Software, mit der Verwaltungen hierzulande arbeiten. "Dann sind wir ganz schnell an einem Punkt, wo wir nicht mehr handlungsfähig wären als Staat." Und zwar von der Kommune bis in die Chefetagen des Kanzleramts.
Open Source als Lösung
Bei ZenDiS hat man darum eine Alternative gesucht, um sich aus der US-Abhängigkeit zu befreien. Die gefundene und auf den Markt gebrachte Lösung heißt Open Desk. Diese Kollaborationssoftware umfasst verschiedene Open Source-Komponenten, bei denen also der Quellcode offen liegt. Mit dieser Art Baukasten können Nutzer zwischen IT-Lösungen, IT-Komponenten und Anbietern wählen.
Entwickelt hat ZenDiS diese Software nicht selbst, sondern das 40-köpfige Team hat bestehende Angebote auf dem deutschen und europäischen Markt aufgespürt und zu einem Paket gebündelt, das als Schnittstelle funktioniert. Oder wie es Pamela Krosta-Hartel formuliert: "Wir docken die verschiedenen Einzellösungen an und verdrahten sie."
Krosta-Hartl ist eine von zwei Geschäftsführern und fungiert als Chief Technology Officer (CTO).
Auch Unternehmen möchten digital souverän werden
Gegründet wurde ZenDiS 2022, wobei eine Anschubfinanzierung des Bundes in Höhe von 34 Millionen Euro geholfen hat. Mittlerweile hat diese "Bundes GmbH der besonderen Art" über 160.000 Lizenzen von Open Desk verkauft. Im vergangenen Jahr belief sich der Umsatz auf 18 Millionen Euro, wobei die Hälfte aus dem Verkauf der Lizenzen stammt.
Auch in der Privatwirtschaft besteht ein großes Interesse, sich aus der US-Abhängigkeit zu befreien, insbesondere in kritischen Sektoren wie etwa der Finanzdienstleistungsbranche. Allerdings, so Niemeyer, dürfe man als Bundes-Unternehmen nur 20 Prozent der Umsätze aus der Privatwirtschaft generieren. Aber man suche mittlerweile nach Vertriebspartnern, "die unsere Lösungen dann für die Privatwirtschaft bezugsfähig machen, ohne dass wir ganz direkt involviert sind."
Über Kunden spricht man bei ZenDiS nicht gern. Neben den Landes- und Bundesbörden seien in den letzten Monaten viele bekannte Unternehmen auf sie zugekommen, sagt Krosta-Hartl. Unlängst habe unter anderem auch ein Gespräch mit einem großen spanischen Telefonanbieter stattgefunden. "Es geht also weit über die Grenzen Deutschlands hinaus."
Sorgen bereitet Datenschützern ein Abschluss, den Deutschlands größter Stromerzeuger, RWE, vor ein paar Wochen mit Amazon getroffen hat. Kernpunkt des Deals: Dafür, dass Amazon Strom von RWE bezieht, speichere Amazon im Gegenzug Daten von RWE und stelle außerdem seine KI zur Verfügung.
"Grundsätzlich bewerten wir nicht, wenn Unternehmen untereinander Kooperationen schließen", betont Krosta-Hartl. Aber wenn man es abstrakt betrachte, dann gebe es beim Einsatz von US-Cloud-Diensten letztlich erhebliche Risiken. Zumal unter dem Aspekt der politischen Erpressbarkeit.
"Wir sehen heute, dass das durchaus auch keine abstrakte Gefahr ist, wenn wir sehen, welche Themen Donald Trump verknüpft, um seine Interessen durchzusetzen", so Krosta-Hartl. Er agiere zudem sehr eng verwoben mit der US-Tech-Industrie. Insofern müsse das Thema digitale Souveränität immer mit in die Risikobewertung von Unternehmen einfließen.