Zanele Muholi fotografiert queeres Leben in Südafrika | Kultur | DW | 26.11.2021
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Diverses Leben

Zanele Muholi fotografiert queeres Leben in Südafrika

Die Fotografien von Zanele Muholi zeigen schwarze LGBTQ-Identitäten in Südafrika. Nun sind sie in einer Ausstellung im Berliner Gropius Bau zu sehen.

Eine Person steht auf einer Wiese und blickt in die Ferne. Ihr Geschlecht ist unbestimmt. Auch ihr Gesichtsausdruck lässt sich nicht genau zuordnen. Aber eines ist klar: Die Person ist schwarz. Mehrdeutigkeit, insbesondere in Bezug auf das Geschlecht der porträtierten Personen, ist das Markenzeichen von Zanele Muholis Fotografie, die bis zum 13. März 2022 im Gropius Bau in Berlin zu sehen ist.

LGBTQ-Identitäten in Südafrika: Kampf um authentisches Leben

Seit den frühen 2000er Jahren arbeitet Muholi unermüdlich daran, LGBTQ-Identitäten in Südafrika zu porträtieren, um aufzuzeigen, wie queere und trans Menschen weiterhin darum kämpfen, ein authentisches Leben zu führen, während sie in einer stark polarisierten Gesellschaft Diskriminierung, Hass und Verbrechen ausgesetzt sind.

"Die Fotografie hat mir ermöglicht, mich selbst auf eine Art und Weise auszudrücken, die mir mit einem anderen Medium nicht zugänglich gewesen wäre", sagte Muholi letztes Jahr in einem Interview in der Tate Modern in London. "Was am meisten zählt, ist der Inhalt: Wer ist auf dem Bild zu sehen, und warum sind sie dort?". Auch selbst vor der Kamera zu posieren, hat Muholi dabei geholfen, sich mit der eigenen Geschichte und dem damit verbundenen Schmerz auseinanderzusetzen. 

Fotos von Zanele Muholi

Mehrdeutigkeit ist das Markenzeichen von Zanele Muholi

"In meiner Welt ist jeder Mensch schön. Es ist die Freundlichkeit und das, was von Innen kommt, was schön ist. Es ist nicht die äußere Schicht", sagte Muholi einmal auf die Frage, welche Rolle Schönheit bei der Darstellung schwarzer LGBTQ-Identitäten spielt. "Es geht nicht um Schönheit an sich, sondern um die Notwendigkeit, die Lebenswirklichkeiten von Menschen zu dokumentieren, die es verdienen, gehört zu werden."

Schwarze Ästhetik im modernen Zeitalter

1972 in der Nähe der südafrikanischen Großstadt Durban geboren, ist Muholi - mithilfe der visuellen Kunst, die sich auf politischen Aktivismus stützt - zu einer führenden Persönlichkeit in der Diskussion über Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung in Südafrika geworden. Vor allem aber drücken Muholis Werke Zuversicht, Freude und Überzeugung in Bezug auf queere und trans-schwarze Identitäten aus.

Zanele Muholi identifiziert sich als nicht-binär, also nicht ausschließlich als männlich oder weiblich, und vermeidet die Pronomen "sie" oder "er". Muholis Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, darunter 2013 mit dem Index on Censorship Award, 2016 mit dem renommierten französischen Chevalier de l’Ordre des Arts et des Lettres und 2018 mit dem Honorary Fellowship der Royal Photographic Society in Großbritannien.

Auf einem Bild sieht man einen schwarzen Jungen, der seinen Bruder wegträgt, daneben ein junges schwarzes Mädchen. Unter dem Bild steht der Schriftzug: To honour the youth wo gave their lives

Symbol des Soweto-Aufstands: das Bild des Schülers Hector Pieterson, der von seinem Bruder weggetragen wird

Zanele Muholi war knapp vier Jahre alt, als der Soweto-Aufstand in der Nähe von Johannesburg losbrach. Schätzungsweise 176 Schulkinder wurden vom südafrikanischen Apartheidregime unter der Führung der südafrikanischen National Party erschossen, weil sie gegen die Durchsetzung der Sprache Afrikaans in den Schulen protestiert hatten.  

Die Bilder von Schmerz und Tod gingen rasch um die Welt und gaben der globalen Boykottbewegung gegen das südafrikanische Apartheidregime damals Auftrieb. Im Gegensatz zu diesen Fotos, die die schwarzen Opfer der rassistischen Politik Südafrikas zeigen, ist Muholis zeitgenössische Arbeit Teil einer Bewegung der Selbstermächtigung mithilfe der Kunst in Südafrika. 

Foto von Zanele Muholi: Zwei schwarze Menschen umarmen sich. Die Person links trägt eine Kette mit einem Kreuz.

Muholis Werke zeigen gleichermaßen die Verletzlichkeit und den Stolz homosexueller und trans Menschen

Muholis Arbeit wurde jedoch auch schon von schwarzen Südafrikanern kritisiert, darunter von der ehemaligen Ministerin für Kunst und Kultur Lulu Xingwana, die eine Ausstellung mit Muholis Fotografien in Johannesburg verließ und sie als "unmoralisch, beleidigend und gegen den Aufbau der Nation gerichtet" bezeichnete.

Ein Anstieg brutaler Hassverbrechen im Jahr 2021

Obwohl Südafrika im Jahr 2006 das erste afrikanische Land war, das die gleichgeschlechtliche Ehe legalisierte, war das Jahr 2021 von einer Welle brutaler Hassverbrechen und Morden an Mitgliedern der LGBTQ-Gemeinschaft geprägt. Aktivisten und Nichtregierungsorganisationen wie die Heinrich-Böll-Stiftung beklagen die Untätigkeit der Regierung und fordern den Staat auf, das Gesetz zur Verhinderung und Bekämpfung von Hassverbrechen und Hassreden zu verabschieden, das erstmals 2016 entworfen wurde aber bis dato immer noch nicht endgültig verabschiedet werden konnte.

Trotz alledem bleibt Zanele Muholis Blick auf Südafrika positiv: "Wir sind ein schönes Land. Wir haben auch die großartigsten und schönsten Menschen. Wir leben noch immer und haben die Hoffnung, dass wir eines Tages alles endlich richtig machen werden", sagt Muholi.

Zanele Muholi bei der Arbeit: Muholi fotografiert eine junge schwarze Person, die auf einem Baumstamm steht

Gefühl der Verbundenheit mit dem Publikum: Muholi fordert die Porträtierten oft auf, direkt in die Kamera zu schauen

Stephanie Rosenthal, die Generaldirektorin des Gropius Bau Museums in Berlin, teilt diesen Optimismus und sagt, Muholis Arbeit zeige, "wie Heilung, Empathie und Empowerment trotz kollektiver Traumata wirken können und wie Fotografie zugleich ein Mittel der Reparatur und des Aktivismus sein kann".

Muholi betont ebenso die Bedeutung der Heilung durch die fotografische Arbeit. In einem Interview mit der Village Voice in New York aus dem Jahr 2021 sagte Muholi, dass schließlich jeder "Leichen im Keller" habe: "Ich bin nur ein Mensch mit Problemen, und ich habe beschlossen, nicht zu einem Psychologen zu gehen, sondern stattdessen die Fotografie zu nutzen."

Adaption: Maria John Sánchez

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