″Wunderkind″ Carlsen erobert Schach-Thron | Sport | DW | 22.11.2013
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Sport

"Wunderkind" Carlsen erobert Schach-Thron

Der erst 22-jährige Norweger Magnus Carlsen ist der neue Schach-Weltmeister. Im zehnten Spiel der Schach-WM im indischen Chennai genügt Carlsen ein Remis gegen den Titelverteidiger Viswanathan Anand.

Magnus Carlsen hat den bisherigen Weltmeister Viswanathan Anand bezwungen und sich zum neuen Schach-Champion gekrönt. Von insgesamt zehn Partien gewann der Herausforderer drei und besiegte den 43 Jahre alten Inder mit 6,5 zu 3,5 Punkten. Im entscheidenden Duell ließ Carlsen mit Weiß den Titelverteidiger mit den schwarzen Figuren gar nicht erst Druck aufbauen. Die letzte Partie dauerte rund vier Stunden und 45 Minuten und endete mit einem Remis. Carlsen kassierte gut eine Million Euro. Lediglich der Russe Garri Kasparow war bei seinem Titelgewinn 1985 noch einige Monate jünger als Carlsen.

Lässig und souverän spielte der Norweger während des gesamten Turniers den fast doppelt so alten Inder an die Wand und sorgte mit Aussagen wie "Es gab nicht viel nachzudenken, die Züge haben sich von selbst aufgedrängt" für Aufsehen. Dabei legte der neue Schach-Star Geduld und Ausdauer an den Tag und übertrumpfte damit die Erfahrung seines Gegners. Zehn Spiele lang hatten sich beide gegenüber gesessen, in Hemd und Sakko, der Inder griff gern zu einer Tasse Tee. Während sich Anand oft die Haare raufte, gab sich Carlsen fast gelangweilt. "Wenn man sich Magnus' Haltung anschaut, könnte man denken, er schlafe gleich ein", sagte der deutsche Bundesliga-Schachspieler Dennis Abel bei "Zeit Online". Viele Experten hatten ihn vor dem Turnier in der Favoritenrolle gesehen. Und so agierte Carlson auch: mit dem Selbstvertrauen des aktuellen Weltranglisten-Ersten.

Norwegen feiert sein neues Idol

In seiner Heimat löste Carlsen einen regelrechten Schach-Hype aus. Und das in Norwegen, einer Wintersportnation! Das ganze Land ist laut Carlsens Manager Espen Agdestein im Schach-Fieber: "Die Angestellten arbeiten nicht mehr, die Studenten studieren nicht mehr, in den Schulen lassen die Lehrer den Fernseher laufen", sagte Agdestein der "Zeit". Der staatliche Fernsehsender NRK feierte beste Quoten und einen Marktanteil von 40 Prozent am Vormittag.

Magnus Carlsen posiert mit Schauspielerin Liv Tyler. (Foto: EPA/JASON SZENES)

Gefragtes Fotomodell: Carlsen posiert mit Liv Tyler

In einer aktuellen Umfrage wurde Carlsen sogar nach den Langläufern Petter Northug und Marit Bjørgen auf Platz drei der Top-Athleten des Landes gewählt. Auch der sechsfache Olympiasieger im Biathlon, Ole Einar Bjørndalen, verfolgt mit seinen Kollegen gespannt jede Partie im Trainingslager. "Carlsen ist eine Klasse für sich", sagt Bjørndalen in der Zeitung VG: "Ich habe keine Worte dafür, wie er das macht. Ich hoffe, er gewinnt." Carlsen selbst kann die ewig gleichen Fragen schon jetzt nicht mehr hören. "Hat man Mozart jemals gefragt, wie er das macht? Es würde mich sehr beeindrucken, wenn er eine Antwort darauf hätte."

Das Gegenteil eines Nerds

Carlsen läutet eine neue Ära ein, denn so hat man einen Schachspieler noch nie gesehen: Vermarktet wie ein Popstar, in Szene gesetzt von der Modewelt, angefragt als Schauspieler. Magnus Carlsen entstaubt die Schachwelt und macht sie auch für seine Generation interessant. Dank seines geschickten Managements verdient er bereits jetzt ordentlich, sein Jahresgehalt soll bei über einer Million Euro liegen. Dass er es mal so weit bringen würde, hatten seine Eltern allenfalls vage gehofft. Mit fünf Jahren konnte der Sohn der beiden Ingenieure, der in einem wohlhabenden Vorort Oslos aufwuchs, angeblich bereits alle Länder der Erde aufzählen - samt Hauptstädten und Einwohnerzahlen.

Magnus Carlsen und Vasilios Kotronias in jungen Jahren bei der Schacholympiade

Manches ändert sich nie: Carlsens Gegner raufen sich die Haare - schon von früh an

Mit acht begann er sich für Schach zu interessieren. Fünf Jahre später wurde Carlsen Großmeister, triumphierte gleich bei seinem ersten internationalen Turnier reihenweise über gestandene Profis und kündigte an, Weltmeister werden zu wollen. Es folgten Siege über Siege, mit 19 Jahren erklomm er erstmals die Spitze der Schach-Weltrangliste. Er bekam Spitznamen wie "Mozart des Schachs" oder "Das kleine Arschloch" verpasst, weil er manchmal recht unverschämt daher kam. Auf die WM in Indien bereitete sich Carlsen akribisch vor: Drei Monate lang trainierte er in Norwegen bis zu zehn Stunden täglich für seinen großen Traum. Den hat er acht Tage vor seinem 23. Geburtstag erreicht.

Anand muss bittere Niederlage einstecken

Für Anand endet eine Erfolgsserie. 2007 löste er den Russen Wladimir Kramnik als Schach-Weltmeister ab. Der "Tiger von Madras" verteidigte seinen Titel bei der WM 2008 in Bonn gegen Kramnik, 2010 in Sofia gegen den Bulgaren Wesselin Topalow und 2012 in Moskau gegen den Weißrussen Boris Gelfand. In seinem Heimatland Indien wurde er mehrfach mit dem "Schach-Oskar" ausgezeichnet und unter anderem 2007 zum indischen Sportler des Jahres gewählt. Anand lebte in Indien, auf den Philippinen, in Spanien und in Deutschland, wo er in der Schach-Bundesliga für den OSG Baden-Baden spielt.

Kirsan Ilumzhinov and Viswanathan Anand mit dem Siegerpokal. (Foto: Vladimir Vyatkin/RIA Novosti)

Im vergangenen Jahr ging der Titel noch an Anand (r.)

In Indien ist Anand wie Carlsen in Norwegen ein Superstar. Seine Erfolge trugen dazu bei, dass Schach auf dem Lehrplan steht: 1,65 Millionen junge Inder lernen nun an ihren Schulen Schach. "Früher waren das nur ein paar Querköpfe an der Uni, heute ist der Sport etwas für alle Kinder", erklärt Rektorin Nandita. Das Gupta von der Global Indian International School im nordindischen Noida. Anand sorgt in Indien regelmäßig für Schlagzeilen. 2010 war er Teil eines Weltrekordes, als 20.480 Menschen gleichzeitig Schach spielten - an weißen und schwarzen Tischen, die auf einem Sportplatz zu 64 Feldern angeordnet waren. Entsprechend groß war die Erwartungshaltung vor der Heim-WM, auf die sich Anand in einer Eigentumswohnung im hessischen Bad Soden vorbereitete. Und er schien bereits zu ahnen, dass es eine fast unmögliche Mission würde: "Es wird sehr schwer", sagte er, "aber ich bin bereit für alles."