Wo ist Boris Johnson? | Europa | DW | 07.12.2019
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Wahl in Großbritannien

Wo ist Boris Johnson?

In seinem Wahlkreis sind viele sauer auf Boris Johnson. Er lässt sich in dem ärmlichen Bezirk in Westlondon kaum blicken. Und Labour kämpft, um ihm das Mandat abzunehmen – es wäre eine schwere Schlappe für den Premier.

Boris Johnsons Wahlkreis liegt zwischen den beiden Enden der U-Bahn Picadilly Line- auf der einen Seite das etwas wohlhabendere Uxbridge, der Flughafen London Heathrow am anderen Ende. Hier wohnt nicht das Establishment, sondern hier wohnen Londons schlechter Verdienende: Taxifahrer, Krankenschwestern, Lehrer, Verkäuferinnen. Viele fühlen sich von ihrem Kandidaten, dem Premierminister aus der Oberschicht, schlecht vertreten.

Wahlkampf in der Baptistenkirche

In der ärmlichen Baptistenkirche von Yiewsley, zwischen Halal-Metzgereien und Billig-Supermärkten hält Pastor Richard Blake-Lobb am Abend die traditionelle Fragerunde mit allen Kandidaten für die Wahlen ab. "Es ist ein wichtiger Teil der Basisdemokratie für unsere Bürger", erklärt er. 2017 sei Boris Johnson noch gekommen, diesmal habe er abgesagt und nur einen Brief geschickt. "Ich verstehe die Sorgen der örtlichen Bewohner", liest der Geistliche daraus vor, unter höhnischem Gelächter im Saal. Johnson verspricht auch ein neues Krankenhaus für den Bezirk. "Ich glaube kein Wort davon", tönt ein Zwischenrufer und hat damit weitere Lacher auf seiner Seite. 

Hier in Yiewsley hat Boris Johnson ein Glaubwürdigkeitsproblem. Und weil die Kandidatin der Liberalen zurückzog, die Grünen den Wahlkampf nicht ernst nehmen und der betagte Brexiteer von Ukip keinen geraden Satz mehr heraus bringt, verläuft die Front hier zwischen dem abwesenden Premier und dem neuen Star der Labour-Partei in Uxbridge, Ali Milani. Er ist gerade 25 Jahre alt, war Studentenführer, stammt aus einer iranischen Flüchtlingsfamilie und wuchs in einer Sozialsiedlung um die Ecke auf. "Boris Johnson hat nie einen Tag wie wir gelebt", sagt Milani, der sich als der wahre lokale Kandidat präsentiert. "Ich komme von hier, ich laufe durch unsere Straßen. Wir haben es satt, nur die Startrampe für die Downing Street Nr. 10 zu sein".

Labour will den Wahlkreis

Johnsons Mehrheit in seinem Wahlkreis liegt gerade bei 5034 Stimmen, eine Wählerwanderung von fünf Prozent würde reichen, um ihm den Sitz abzunehmen. "Lasst uns Geschichte schreiben", ruft Ali Milani in den Raum, "lasst uns zum ersten Mal einem Premierminister das Mandat abnehmen". Der Labour-Kandidat setzt nicht nur auf die Unzufriedenheit der Leute: "Wir versuchen so viele junge Wähler wie möglich zu mobilisieren." Eine neue Generation darf zum ersten Mal wählen und könnte mehrheitlich gegen Brexit und die Tories stimmen.

Wahkampf in London (DW/B. Wesel)

Labour-Star Ali Milani fordert den Premierminister heraus

Am anderen Ende des Spektrums aber tritt hier Alfie John als unabhängiger Kandidat an. Er ist Anfang 20 und macht irgendetwas mit Informationstechnologie (IT): "Ich verkaufe einen Algorithmus", sagt er mysteriös. Abgesehen davon kämpft er für den Brexit, und die Tories sind ihm zu lahm. "Ich will einen No-Deal, einen harten Brexit nach WTO-Regeln." Auch wenn er nicht so genau weiß, was das ist. "Aber es wird uns nicht Schlechtes passieren", sagt er. Das Gerede von Lasterstaus und Wirtschaftsproblemen sei nur Angstmache.

Glorreiche britische Exzentrik

In wohl kaum einem anderen Land der Welt wäre so ein Podium denkbar: Zwischen dem ernsthaft kämpfenden Labour-Kandidaten und dem etwas verschrobenen Grünen sitzen "Graf Mülleimer" in voller Montur, und ein Kandidat namens William Tobin. Er will nicht gewählt werden, sondern möchte nur seine Botschaft über das total unfaire Wahlsystem verbreiten. Zum einen, weil nur der Erstplatzierte ins Parlament einzieht und die Mehrheit der Stimmen immer wegfällt. Zum anderen, weil Exil-Briten wie er und die 3,5 Millionen EU-Bürger im Land nicht mit wählen. Weil er aber nicht abstimmen, aber antreten dürfe, sitze er jetzt als Protestkandidat auf dem Podium.

Wahlkampf in London (DW/B. Wesel)

Die unabhängigen Kandiaten - "Graf Mülleimer" (Binface) und William Tobin

Graf Mülleimer aber, hinter dessen Karnevalskostüm sich der Kabarettist John Harvey verbirgt, macht sich seit Jahrzehnten den Spaß, als außerirdischer Scherzbold die britischen Wahlen aufzulockern. Er ist in anderer Maske schon bei John Major, David Cameron und Theresa May aufgetreten. "Ich fordere die blonde Kanone Boris Johnson heraus. Und ich will eine Trillion Pfund mehr für das Gesundheitssystem", macht er sich über die Wahlversprechen der Tories lustig.

Bei der letzten Wahl bekam er in Uxbridge 249 Stimmen. Und es ist ein Schauspiel, wie Pastor Blake Lobb ernsthaft und ohne eine Mine zu verziehen, das Mikrophon zwischen Mülleimer, Außenseiter Tobin, dem Labour Kandidaten, dem redenden Ukipper und dem chaotischen Grünen hin und her gehen lässt - alles mit äußerster Fairness.

Brexit oder die wahren Sorgen der Leute

Eine Runde zum Thema Brexit darf nicht fehlen. Ali Milani erklärt die verworrene Position von Labour, lässt aber die geplante Neuverhandlung mit der EU weg und konzentriert sich auf das zweite Referendum. Er hat sich in den letzten Monaten schnell zum Politikprofi entwickelt. Und Mülleimer bringt das Publikum zum Lachen: "Ich wusste, dass Brexit mit Theresa May eine Drecksshow wird. Jetzt will ich ein Referendum über ein zweites Referendum". Der Grüne ist wie zu erwarten gegen den Brexit, auch aus Umweltgründen, und der Ukip-Mann natürlich dafür.

London Flughafen Heathrow (picture-alliance/dpa/H. McKay)

Der Lärm vom Flughafen Heathrow spielt für den Wahlkreis von Boris Johnson eine große Rolle

Als der Moderator aber schließlich die Fragen der Leute vorliest, wird deutlich, dass es hier um andere Dinge geht. Vor allem die geplante Erweiterung von Heathrow treibt die Bürger auf die Palme, denn sie leben direkt neben Lärm und Dreck des Flughafens. Boris Johnson hatte bei der letzten Wahl großspurig erklärt, er werde sich eher vor einen Bagger legen, als der Erweiterung zuzustimmen. Aber dann flog er am Tag der Abstimmung im Unterhaus kurzfristig nach Afghanistan. "Wenn Boris sich vor die Bagger legt, wäre es das einzig gute Argument für den Ausbau", spottet der Kabarettist in der Mülleimermaske.

Corbyn-Krise bei Labour-Wählern

Die Liste der lokalen Sorgen ist lang: In Uxbridge solle die einzige örtliche Polizeistation geschlossen werden - ein Alptraum. Was ist gegen die Epidemie von tödlichen Messerstechereien in London zu tun? Gerade seien nebenan in Hillingdon zwei junge Männer gestorben. Im Bezirkskrankenhaus fehlen Ärzte und Pflegekräfte: "Die Tories haben 40.000 Krankenschwestern versprochen, aber wo sollen die herkommen?", ruft einer aus dem Saal. Die örtlichen Schulen seien nach Jahren der Kürzungen auf "Hungerdiät", klagt der Rektor. Kandidat Milani verspricht ihm das Blaue vom Himmel. Unter Labour werde Schluss damit sein, dass Schulen ihre Bücher und Ausflüge per "Crowdfunding" bei den Eltern finanzieren müssten.

Wahkampf in London (DW/B. Wesel)

Nicky Crowther fürchtet, dass Labour keine Chance hat

Aber der Schulmann legt den Finger auch auf die zentrale Wunde der Labour Kampagne: "Ich bin von Natur aus ein Labour-Wähler. Aber diesmal habe ich Zweifel, Jeremy Corbyn ist ein schlechter Parteiführer. Es ist eine Frage der Glaubwürdigkeit." Tatsächlich war kein Labour-Kandidat je so unbeliebt wie Corbyn, der als zu linksextrem und als schwach gilt. Er könnte die Partei einen Wahlsieg kosten - ein Sieg, der angesichts der Querelen und des Rechtsrucks bei den Tories, eigentlich möglich wäre.

Nachher schlauer?

"Es war eine wirklich gute, nützliche Debatte, aber ich war geschockt, dass Boris Johnson nicht gekommen ist. Er ist mein Abgeordneter. Er hält hier keine Sprechstunden ab, antwortet nicht auf Briefe, bezieht nur sein Gehalt. Ich werde für Labour stimmen, weil sie die besseren Antworten haben", sagt eine der Zuschauerinnen am Ende.

Ihre Sitznachbarin aber glaubt nicht an den großen Umschwung: "Für jede Stimme, die Boris Johnson hier verliert, gewinnt er eine dazu, einfach weil er ein Promi ist. Er ist jugendlich und verantwortungslos, aber er ist eben eine Berühmtheit". Dagegen werde der Labour Kandidat keine Chance haben, fürchtet Nicky Crowther. In seinem Schlusswort unkt auch Ali Milani: "Wir werden am Freitag, den 13. Dezember aufwachen, und dann wollen wir nicht von Boris Johnson regiert werden." Die Umfragen aber deuten derzeit eher darauf, dass es doch so kommen wird. 

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