Wind- und Solarenergie überholen Atomkraft | Wissen & Umwelt | DW | 21.03.2018
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Wissen & Umwelt

Wind- und Solarenergie überholen Atomkraft

Inzwischen gibt es weltweit mehr installierte Wind- und Solarkraft als Atomenergie. Der Boom der Erneuerbaren wurde teilweise nicht richtig prognostiziert. Könnten die Gründe dafür politisch sein?

2017 hatte es auch die Photovoltaik (PV) geschafft: Mit einer weltweiten installierten Leistung von rund 402 Gigawatt (GW) liegt auch sie jetzt vor der Atomkraft, die eine global verfügbare Erzeugungskapazität von 353 GW hat. 

Die Windkraft hatte schon 2014 die Atomenergie überholt und verfügte Ende 2017 über eine weltweit installierte Leistung von 539 GW.

2017 wurden nach Angaben der World Wind Energy Association (WWEA) weltweit Windkraftanlagen mit einer Kapazität von 52,6 GW neu aufgestellt. Nach neuesten Schätzungen von Solar Power Europe kamen vergangenes Jahr Photovoltaikanlagen mit einer Kapazität von 98,9 GW hinzu.

Der Anschluss von neuen Atomreaktoren ans Netz ist im Vergleich dazu bescheiden: Nach Angaben von Mycle Schneider, Herausgeber des World Nuclear Industry Status Reports, wuchs die weltweite Produktionskapazität der Atomkraft in 2017 um 2,7 GW.

Dynamik und Potential von Erneuerbaren bewusst ignoriert?

In den bisherigen Szenarien der Internationalen Energieagentur (IEA), dem jährlich erscheinenden Word Energy Outlook (WEO), wurde die Zukunft der Erneuerbaren konstant unterschätzt. Der bisher erfolgte Zuwachs von Wind-und vor allem Solarenergie in der Realität war deutlich schneller und höher als in den IEA- Ausblicken angegeben. Gleichzeitig blieb ein angenommener Boom der Atomkraft weltweit aus.

In ihrem Outlook von 2010 ging die IEA zum Beispiel davon aus, dass weltweit weniger als 10 GW an Photovoltaik-Kapazitäten pro Jahr aufgestellt würden. Ende 2017 hätte dann die global installierte Solar-Kapazität bei nur etwa 85 GW gelegen, rund 315 GW weniger als es am Ende dann waren. 

Auch bezüglich der Atomkraft zeichnete die IEA in der Vergangenheit stets ein ganz anders Bild: 2010 gingen die IEA-Experten im Outlook davon aus, dass Ende 2017 Atomkraftwerke mit einer Kapazität von rund 470 GW weltweit Strom produzieren würden, über 110 GW mehr als es heute in der Realität sind.

In den nachfolgenden Jahren verlaufen die Trends der IEA-Ausblicke bei der Photovoltaik und Atomstrom ähnlich wie eine Dokumentation  über die Qualität der Ausblicke von europäischen Wissenschaftlern und der Energy Watch Group belegt: Der jährliche Zubau von neuen Photovoltaikanlagen steigt bei den IEA-Ausblicken kaum an und die Aussichten auf den Zubau von weiteren Atomreaktoren sind weltweit gut.

"Die IEA hat in der Vergangenheit systematisch die Kostenreduktion erneuerbarer Energien und die Kosten fossiler und atomarer Energien unterschätzt", sagt die Energieökonomin Prof. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Die Potentiale von erneuerbaren Energien seien so weitestgehend ignoriert worden. "Wohl aus politischen und wirtschaftlichen Gründen wurden weder die externe Kosten fossiler Energien noch die Kostensteigerungen der Atomenergie berücksichtigt. Die fossile und atomare Industrie hat ein Interesse, dass die Kosten von erneuerbaren Energien künstlich hoch gerechnet werden, damit politische Maßnahmen zu ihren Gunsten beeinflusst werden", sagte Kemfert gegenüber der DW.

Andere Energieexperten teilen diese Einschätzung. "Es wurde im Prinzip diktiert wie viel Atomkraft in den Szenarien der IEA zu sein hat", sagt Sven Teske gegenüber der Deutschen Welle. "Inoffiziell wurde mir das gesagt." Teske ist Direktor am Institut für Sustainable Futures an der University Sydney und berät den Weltklimarat (IPCC).

Zuvor war Teske Energiexperte bei Greenpeace International und verantwortlich für die viel beachteten Energy [R]evolution Szenarien, die in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahr (DLR) erstellt wurden.

Die IEA handelt "im Auftrag der OECD-Regierungen, die sie letztendlich beaufsichtigen", erklärt Hans-Josef Fell, Präsident der Energy Watch Group. "Wir sehen, dass diese Regierung noch immer sehr stark am fossilen Energiesektor festhalten und diese politischen Vorgaben fließen natürlich bei der Auftragsvergabe ein", so Fell gegenüber der DW.

Fell bezeichnet die weltweite Wirkung durch die IEA-Szenarien als fatal. "Es ist wahrscheinlich, dass diese Szenarien eine Hauptschuld daran tragen, dass die Weltgemeinschaft in den letzten zehn bis 20 Jahren nicht intensiv genug auf Erneuerbare Energien setzte. Es wurde das Bild gezeichnet, dass diese zu teuer sein, zu teuer werden und nicht schnell genug wachsen können."

Die IEA spricht in diesem Zusammenhang von einem "häufigen Missverständnis", dass durch die vergangenen WEO-Ausblicke entstanden sei. "Dies sind Szenarien und keine Prognosen und Vorhersagen", so Pressesprecher Jon Custer gegenüber der DW.

Bei den neueren IEA-Szenarien sieht Custer allerdings "durch kontinuierliche Kostensenkungen bei den Technologien und einer beispiellosen Marktdynamik in China" einen "Wendepunkt" bei der Photovoltaik, eine "neue Ära mit "optimistischere Prognose für Photovoltaik".

Energieexperte Teske zeigt sich hoffnungsvoll, "dass bei der IEA etwas passiert, auch wenn sie natürlich versuchen weiter nach hinten zu rechnen". Wenn die IEA-Experten ihre Simulationsprogramme mit den "realen Preisen für erneuerbare und fossile Energien füttern, dann kann nichts anderes herauskommen als dass wir bei 80 bis 100 Prozent Erneuerbaren innerhalb einer Generation ankommen", betont Teske.

Die Lappeenranta University of Technology (LUT) in Finnland, hatte in einer Studie zur Klimakonferenz die Kosten der globalen Energiewende bereits für alle Weltregionen genau simuliert und festgestellt, dass eine Stromversorgung zu 100 Prozent mit Erneuerbaren Energien im Vergleich zum heutigen System sogar günstiger ist.

Atomkraft nur noch für die Bombe?

Energieexperten sind sich einig, dass Atomkraft im Vergleich zu den Erneuerbaren zu teuer ist und aus ökonomischer Sicht keine Zukunft mehr hat: In einem aktuellen Bericht dokumentiert Fell die Kostenexplosionen bei der Atomkraft und auch die Sicherheitsmängel bei der neuesten Reaktorgeneration.

Indien, Saudi Arabien, Türkei und auch Großbritannien halten jedoch weiter an den Neubauten von Atomkraftwerken fest. "Die haupttreibende Kraft hinter den neuen Atomreaktoren ist die Atombombe und der Wunsch zur Atombombe", erklärt Fell. 

Wissenschaftler von der Universität Sussex sehen dies ähnlich und bezeichnen in ihrer Studie über die britische Atompolitik den Bau von neuen Reaktoren als eine Quersubventionierung des militärischen Atomprogramms: Die Aufrechterhaltung des zivilen Atomprogramms auf Kosten der Stromkunden hätte den Vorteil den Verteidigungshaushalt zu entlasten.

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