Wie zwei Super-Münzen die US-Wirtschaft retten könnten | Wirtschaft | DW | 02.04.2020
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Finanzhilfen gegen Corona

Wie zwei Super-Münzen die US-Wirtschaft retten könnten

Mit zwei Billionen Dollar will die US-Regierung die Wirtschaft vor den Folgen des Corona-Virus schützen. Dabei ächzt das Land schon jetzt unter einem riesigen Schuldenberg. Eine alte Idee erlebt nun ein Comeback.

In Zeiten wie diesen muss man kreativ werden, um zu überleben. Nicht umsonst drängt Rashida Tlaib zu ungewöhnlichen Maßnahmen. Vor wenigen Tagen hat die demokratische Kongressabgeordnete aus Michigan einen Gesetzentwurf im Repräsentantenhaus eingebracht, der die Folgen des Corona-Virus für US-Bürger abfedern soll: Ein bedingungsloses Grundeinkommen, das zwölf Monate lang ausgezahlt werden soll. Der Vorschlag selbst klingt erstmal nicht abwegig, die Finanzierung dahinter aber ist kurios. Tlaib will zwei Platinmünzen prägen lassen - mit einem Gegenwert von zwei Billion Dollar. 

Es ist eine der bizarrsten Ideen, die derzeit zur Rettung der amerikanischen Wirtschaft diskutiert wird. Denn während einige noch über die Höhe der Rettungs- und Konjunkturpakete streiten, warnen andere schon längst vor der entstehenden Finanzlast. Das erste Mal in der Geschichte der USA könnten die Schulden dieses Jahr die Marke von 25 Billionen Dollar knacken. Allein die Finanzhilfen gegen Corona kosten mehrere Billionen Dollar. Weil die amerikanische Regierung aber nicht einfach neues Geld über die Notenbank drucken darf, um solche unvorhergesehen Ausgaben zu finanzieren, gibt sie normalerweise Anleihen am Finanzmarkt aus. Eine Gesetzeslücke, auf die auch Demokratin Tlaib hinweist, macht derzeit aber noch einen anderen Weg möglich.

Keine neue Idee

Im Gegensatz zu Münzen aus Kupfer, Silber oder Gold darf der US-Finanzminister nämlich Münzen aus Platin drucken lassen. Diese könnte er dann zum gesetzlichen Zahlungsmittel erklären. Das steht so in einem Gesetz aus dem Jahr 1997, das eigentlich für Gedenkmünzen und Sammlerstücke geschaffen wurde. Aussehen und Nennwert der Münze sind dabei keine Grenzen gesetzt. Einzige Voraussetzung: Es muss Platin darin enthalten sein.

Rashida Tlaib, hier auf einer Veranstaltung im Juli 2018 in Dearborn, Michigan

Rashida Tlaib, hier auf einer Veranstaltung im Juli 2018 in Dearborn, Michigan

Eine Platinmünze im Wert von einer Billion Dollar wäre also theoretisch möglich. Die Regierung könnte das Geldstück dann einsetzen, um es bei der US-Notenbank zu hinterlegen. Damit könnten die USA einen Teil ihrer eigenen Schulden zurückkaufen oder eben neue Schulden finanzieren. In Zeiten von Corona müssten die Regierung also keine neuen Verbindlichkeiten aufnehmen.

Die Idee stammt noch aus Zeiten der Finanzkrise. Schon damals wurde über ein Krisenvehikel diskutiert, um die Schuldenlast zu dämpfen. Regierung und Notenbank lehnten das Konzept allerdings ab. Und auch dieses Mal stehen die Chancen schlecht, dass die Platinmünze Realität werden könnte. "Einfach eine Billion-Dollar-Münze prägen, um die Regierung zu finanzieren? Das klingt wie aus einer schlechten Simpsons-Folge", sagt Donald Marron, Direktor für Wirtschaftspolitik am Urban Institute, einer unabhängigen Denkfabrik in Washington.

Warnendes Beispiel: Simbabwe

Obwohl die Herstellung der Münze eine wörtlich und technisch korrekte Auslegung des Gesetzes ist, wäre die Umsetzung ein wenig vorbildlicher Umgang mit dem amerikanischen Recht. "Wer so Regierung und wirtschaftliche Angelegenheiten regelt, erweckt nicht gerade Vertrauen", mahnt Marron. Hinzu käme die Gefahr der Inflation. Billionenbeträge auf Zahlungsmitteln erinnern eher an die Weimarer Republik oder an Simbabwe. Dort wurden 2009 Scheine mit einem Wert von 100 Billionen Simbabwe-Dollar ausgegeben, die Folge: eine Inflationsrate von 90 Trilliarden Prozent.

Hyperinflation zum Anfassen: 100 Billionen Simbabwe-Dollar-Schein von 2009

Hyperinflation zum Anfassen: 100 Billionen Simbabwe-Dollar-Schein von 2009


Die Gefahr einer Inflation sei weitgehend unbegründet, argumentieren wiederum Befürworter der Platinmünzen. Prominentester Verfechter: Der Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugman. In Zeiten wie diesen, in der die herkömmliche Geldpolitik versage, sei es egal, ob der Staat seine Ausgaben über neue Schulden finanziere oder mit der Schaffung neuer Banknoten, sagt er. Aufgrund der schwachen Konjunktur komme das Geld sowieso nur langsam im Wirtschaftskreislauf an.

Falls die Preise dennoch stärker stiegen als gewünscht, könne die Zentralbank durch geldpolitische Maßnahmen gegensteuern. Auch die Regierung hätte fiskalpolitische Möglichkeiten. Länder wie Japan beweisen außerdem, dass eine Inflation nicht grundsätzlich Folge sein muss. Eine Teuerung gab es dort trotz Ausweitung der Geldmenge nicht.

Wirtschaftspolitik-Experte Marron wiederum ist überzeugt, dass die Platinmünzen in naher Zukunft keinen Erfolg haben werden. "Das ist zwar ein lustiges Nebenthema in ansonsten harten und beunruhigenden Zeiten", sagt er. Im derzeitigen politischen Umfeld aber sehe er keine Umsetzungschance. Um die Corona-Krise zu bewältigen bliebe ja nach wie vor das Mittel der Staatsanleihen. "Damit sind die USA derzeit auch ziemlich erfolgreich."

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