Wie viel Strom braucht Deutschland? | Wirtschaft | DW | 01.07.2021
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Energiewende

Wie viel Strom braucht Deutschland?

Mittelfristig will Deutschland klimaneutral werden. Die Frage ist nur: Wie groß muss dafür der Ausbau bei regenerativen Energien sein? Das hängt davon ab, wie viel Strom künftig gebraucht wird.

Deutschland will mehr tun fürs Klima. Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts im März hat die Bundesregierung verkündet, bis 2030 sollen die CO2-Emissionen um 65 Prozent gegenüber dem Niveau des Jahres 1990 sinken und nicht - wie vorher geplant - um 55 Prozent. Dafür braucht es mehr Strom aus erneuerbarer Energie als bisher geplant.

Das Ziel hört sich erst einmal vielversprechend an, der Teufel aber liegt im Detail. Denn je nachdem wie hoch der Stromverbrauch für 2030 geschätzt wird, ergeben sich ziemlich andere Dimensionen, in denen Wind- und Sonnenkraftanlagen ausgebaut werden müssen, um das 65-Prozent-Ziel zu erreichen.

Bisher geht das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) davon aus, dass sich der Stromverbrauch in den nächsten neun Jahren nicht wesentlich verändern wird und bei rund 580 Terawattstunden (TWh) bleibt. Schaut man in die Vergangenheit, erscheint das nicht falsch. "In den letzten zehn, 20 Jahren war der Stromverbrauch relativ konstant", sagt Johannes Wagner vom Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln (EWI). "Wir hatten über einen langen Zeitraum einen Bruttostromverbrauch von etwa 600 Terawattstunden. Der ging nur 2020 relativ stark runter aufgrund von Sondereffekten durch Corona."

Brauchen wir 2030 doch mehr Strom?

Was aber in der Vergangenheit galt, muss nicht für die Zukunft gelten. Verschiedene Experten gehen davon aus, dass die bisherige Planung der Bundesregierung zu zurückhaltend ist. Selbst SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz kritisierte unlängst indirekt seinen Ministerkollegen Peter Altmaier (CDU): "Wer behauptet, dass der Stromverbrauch bis 2030 gleichbleibt, belügt sich selbst und das Land".

Infografik Erneuerbare Energien

Was also, wenn der Stromverbrauch gar nicht gleich bleibt, sondern steigt? Vielleicht sogar stark steigt? Das ist nämlich das Szenario, von dem verschiedene Energieexperten ausgehen. "Die Expertenkommission zum Monitoring der Energiewende, der ich angehöre, hat einen Wert zum Stromverbrauch abgeschätzt, der signifikant über dem der Bundesregierung liegt", sagt Veronika Grimm, Mitglied des Sachverständigenrats der Regierung ("Wirtschaftsweisen"). "Wir bewegen uns rund um einen Wert von 650 TWh und sind damit noch am unteren Rand des Spektrums," so Grimm im Gespräch mit der DW.

Bei der Denkfabrik Agora Energiewende schätzt man den Stromverbrauch im Jahr 2030 ebenfalls auf 650 TWh. Das EWI rechnet damit, dass in neun Jahren 685 TWh verbraucht werden. Der Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE) geht von 745 TWh im Jahr 2030 aus und das Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme (ISE) rechnet sogar mit einem Stromverbrauch von 780 TWh in 2030. Also 70 bis 200 TWh mehr, als das Wirtschaftsministerium prognostiziert.

E-Autos, Wärmepumpen und Elektrolyseure fressen Strom

Mehr Strom wird laut den Experten vor allem deswegen gebraucht, weil der Verkehr auf E-Mobilität umgestellt werden muss und Gebäude anders beheizt werden müssen, beispielsweise mit Wärmepumpen, die wiederum Strom brauchen. Außerdem wird sich die Industrie von fossilen Energieträgern abwenden und auf synthetische Energieträger, sprich Wasserstoff umstellen müssen. Für die Herstellung von grünem Wasserstoff (Elektrolyse) braucht es auch wiederum große Mengen Strom.

"Allein das Ziel der Bundesregierung, bis zum Jahr 2030 Elektrolyse-Kapazitäten von fünf Gigawatt zu schaffen, bringt ja einen ganz erheblichen Strom-Mehrbedarf mit sich. Dafür muss man ungefähr 20 Terawattstunden Strom zusätzlich veranschlagen", sagt Grimm, die auch einen Lehrstuhl an der Universität Erlangen-Nürnberg hat. Das entspricht mehr als einem Sechstel des gesamten in 2020 produzierten Stroms aus Windenergie.

Wasserstoff Elektrolyse P2G

Veronika Grimm: "Wenn man möchte, dass die Wasserstoff-Wirtschaft schnell hoch läuft und die Technologie kompetent schnell entwickelt wird, dann sollte man im Übergang durchaus pragmatisch sein, viele Farben des Wasserstoff zulassen und dann auf grünen Wasserstoff wechseln, wenn er umfangreich verfügbar ist."

Mehr Energieeffizienz reicht nicht

Es wird also mehr Strom verbraucht werden. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch Effizienzgewinne, die den Stromverbrauch senken. Die Bundesregierung hatte sich in diesem Bereich das Ziel gesetzt, durch mehr Energieeffizienz den Stromverbrauch bis 2020 um zehn Prozent und bis 2050 um 25 Prozent gegenüber 2008 zu senken. Diese Effizienzgewinne können aber den Mehrbedarf an Strom nicht ausgleichen, meinen die Energieexperten.

So heißt es beispielsweise vom BEE: Zwar nehme der klassische Stromverbrauch wegen der sehr ambitionierten Effizienzziele um 48 TWh ab. "Der zusätzliche Strombedarf von 205 TWh im Wärme- und Verkehrssektor […] überkompensiert jedoch diesen Rückgang, sodass der gesamte Bruttostromverbrauch bis 2030 um rund 174 TWh steigt."

Außerdem würden große, volkswirtschaftlich hoch rentable Effizienzpotenziale bislang nicht systematisch genutzt, obwohl bereits heute marktreife Technologien bereitstehen würden, lautet die Kritik von Agora Energiewende. "Die Reduktion des Stromverbrauchs bleibt bislang deutlich hinter den Ambitionen zurück."

Infografik Bruttostromerzeugung in Deutschland 2020 DE

Wie groß muss der Ausbau der Erneuerbaren Energien sein?

Wie viele neue Windräder und Photovoltaik-Anlagen Deutschland braucht, hängt davon ab, wie sich der Hunger nach Strom entwickeln wird. Geht man von der relativ niedrigen Stromschätzung von Agora Energiewende aus, dann müsste Deutschland bis 2030 jährlich ungefähr zehn Gigawatt Photovoltaik, 1,7 Gigawatt Wind an Land und vier bis fünf Gigawatt Wind auf See ausbauen. "Das ist ungefähr vergleichbar mit dem, was wir in den vergangenen Jahren in den Rekord-Ausbaujahren hatten", sagt Mara Kleiner von der Agora Energiewende. "Also machbar."

Allerdings lag der Ausbau in den vergangenen Jahren sowohl bei der Photovoltaik als auch im Windenergiebereich deutlich unter diesen Rekordwerten. Er müsste also deutlich an Fahrt gewinnen, so Kleiner.

Es werde durchaus herausfordernd und man werde viele Hebel in Bewegung setzen müssen, um den Ausbau der erneuerbaren Energien deutlich zu forcieren, sagt auch die Sachverständige Veronika Grimm. Vor allem bei der Windenergie an Land kommt es immer wieder zu Protesten der Anwohner. "Deswegen müssen wir uns auch stärker noch auf den Offshore-Ausbau konzentrieren", so Grimm. Wobei auch der nicht unproblematisch ist, da neue Stromleitungen durch Deutschland gebaut werden müssen, die ebenfalls auf Widerstand stoßen.

Geplante Stromtrassen, die den windreichen Norden mit dem energiehungrigen Süden von Deutschland verbinden, stoßen auf viel WiderstandDeutschland | Demo gegen Suedlink-Stromtrasse

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Nur zusammen klappt die Energiewende

Und alleine wird es wohl auch nicht gehen. "Aktuell exportiert Deutschland Strom ins Ausland", sagt Wagner vom EWI, "mittelfristig muss damit gerechnet werden, dass Deutschland erstmal zum Netto-Importeur wird."

Das zeigt schon das Beispiel Industrie. Hier wird die Produktion von grünem Wasserstoff nicht schnell genug hochgefahren werden können, glaubt Grimm. "Wir müssen parallel den Import von grünem Wasserstoff vorbereiten", meint Grimm. Da gebe es schon verschiedene Projekte mit Marokko, Chile, Australien und anderen EU-Ländern. Außerdem müsse auch übergangsweise auf blauen Wasserstoff zurückgegriffen werden. Also auf Wasserstoff, der aus Erdgas produziert wird, wobei die CO2-Emissionen eingefangen und eingelagert werden können.

Zuerst einmal aber wird das Wirtschaftsministerium den künftigen Strombedarf neu berechnen. Denn inzwischen hält auch Kanzlerin Angela Merkel die bisherigen Annahmen, dass sich der Strombedarf nicht erhöht, für "wahrscheinlich nicht zukunftsfähig". Wann die neue Prognose öffentlich wird, ist noch nicht bekannt gegeben. Im Juli aber soll es Entscheidungen zum Klimaschutz auf EU-Ebene geben. An die müssen dann die EU-Länder ihre eigenen Maßnahmen anpassen.

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