Wie viel soziale Verantwortung haben Unternehmen? - Ein Vergleich | Wirtschaft | DW | 06.05.2007
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Wirtschaft

Wie viel soziale Verantwortung haben Unternehmen? - Ein Vergleich

Wie wird soziale Verantwortung von Unternehmen in verschieden Erdteilen wahrgenommen? DW-WORLD hat verglichen und gibt Einblicke in unterschiedliche Unternehmenskulturen.

Kind schiebt Baukarre

Kinderarbeit gehört vielerorts noch zum Alltag und zeugt von sozialer Verantwortungslosigkeit von Unternehmern

Die Arbeitsminister der G8-Staaten diskutieren in Dresden über die sozialen Auswirkungen der Globalisierung und die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen. Die bis zum Dienstag (8.5.) dauernde Konferenz im Rahmen der EU-Ratspräsidentschaft wird von Arbeitsminister Franz Müntefering geleitet und steht unter dem Motto "Kräfte bündeln für ein soziales Europa - für eine soziale Welt". Wie sieht es aber mit der in der globalisierten Welt aus? Gelten etwa in Lateinamerika oder in den arabischen Ländern die gleichen Maßstabe wie in Deutschland oder in den USA? Wie wird CSR (Corporate Social Responsibility = soziale Verantwortung von Unternehmen) von Unternehmern in verschieden Erdteilen wahrgenommen? Ein Überblick:

Deutschland

Deutschland hat einen guten Ruf zu verlieren. Es gibt eine gute alte Tradition, dass sich Unternehmen um die Belange der Menschen im Lande kümmern. Christlich oder sozialethisch motivierte Unternehmen sahen es schon im 19. Jahrhundert als ihre Pflicht an, den Arbeitern nicht nur Lohn, sondern auch Renten und andere Sozialleistungen zur Verfügung zu stellen. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als es der Wirtschaft so richtig gut ging, bekam die Marktwirtschaft das Attribut "sozial" versehen. Und im Grundgesetz wurde verankert, dass Eigentum verpflichtet und sein Gebrauch zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen soll. So entstand ein spezielles "Modell Deutschland" - ein öffentlicher und lebendiger Dialog zwischen Unternehmern, Verbänden, Gewerkschaften und Politikern.

Das Image der deutschen Wirtschaft wurde in den letzten Jahren jedoch ziemlich ramponiert. 2006 hatten nur noch 32 Prozent der Westdeutschen eine gute Meinung vom deutschen Wirtschaftssystem, in Ostdeutschland sogar nur 18 Prozent. Doch der Globalisierung sei Dank, ist das Thema CSR inzwischen über alle Ländergrenzen geschwappt und auch für deutsche Unternehmen wieder zu einem Muss-Thema geworden. Auch wenn die Umsetzung noch hakt. Und dass, obwohl inzwischen an vielen Universitäten zum Thema CSR geforscht wird, dutzende PR-Agenturen auf den Zug aufgesprungen sind und Unternehmen beraten, wie sie möglichst laut und effektiv sagen sollen, dass sie viel Gutes tun.

Nun hat die Bundesregierung das Thema auf die Agenda genommen. Sie will die gut drei Millionen Unternehmen dazu drängen, sich stärker in gesellschaftlichen, sozialen und ökologischen Belangen zu engagieren. Am Ende soll eine Selbstverpflichtung oder ein Gesetz stehen.

Kay-Alexander Scholz

USA

Die Idee, dass Firmen auch Verantwortungen tragen, die nichts mit Gewinn oder den Interessen der Aktionäre zu tun haben, ist in den USA sehr weit verbreitet und gleichzeitig sehr umstritten. Viele Firmen vertreten die Meinung, dass private Unternehmen nicht nur die gesetzlich vorgeschriebenen Arbeitsbedienungen für ihre Mitarbeiter einhalten sollten, sondern sich auch für das allgemeine Wohl der Gesellschaft und Umwelt einsetzen sollten. Andere Unternehmen sagen, dass einzeln Firmen sich auf das Geschäftliche konzentrieren müssen, um möglichst viele Leute zu beschäftigen, was dem Wohl der Gesellschaft auch hilft. Es gibt allerdings Schnittstellen zwischen den beiden Meinungen: Zum Beispiel profitieren Firmen von ihrer Wohltätigkeit durch Steuerbegünstigungen.

Sean Sinico

Lesen Sie weiter über soziale Verantwortung in lateinamerikanischen Unternehmen.

Lateinamerika

Das Thema "soziale Verantwortung" kommt in Lateinamerika sehr langsam voran. Es ist zwar nicht gänzlich unbekannt, aber die Praxis der Firmen ist wenig konsequent. Wenn von einer systematischen sozialen Verantwortung die Rede ist, so wird diese eher in den großen nationalen und internationalen Firmen umgesetzt. In mittleren und kleinen Firmen hängt die soziale Verantwortung vor allem von der Einstellung der Eigentümer ab. Und nur in Ausnahmefällen sind diese bereit und willens, eine solche Verantwortung zu übernehmen.

Ein interessanter Aspekt, obwohl marginal, ist die Kontrolle sozialer und ökologischer Standards durch europäische Zertifizierungs-Agenturen, die "Labels" an sozial und ökologisch arbeitende Unternehmen bzw. deren Produkte verleihen. Einige Firmen haben auch angefangen, dieses Instrument als Marktzutrittsargument in Europa und in den USA zu benutzen.

Auf institutioneller Ebene wird das Thema "soziale Verantwortung" seit einiger Zeit von der Interamerikanischen Entwicklungsbank (BID) verfolgt. Die BID hat Ende 2006 die 4. Interamerikanische Konferenz über Soziale Verantwortung in Salvador, Brasilien, organisiert. Die Konferenz trug den Titel "ein gutes Geschäfts für alle", was auch die Stoßrichtung der BID widerspiegelt.

Pablo Kummetz

Brasilien

"Soziale Verantwortung von Unternehmen" war das Thema der ersten Lateinamerika-Reise von Bundespräsident Horst Köhler im März 2007. In São Paulo (Brasilien) besuchte er Prensas Schuler, eine Niederlassung eines deutschen Unternehmens. Vorstandsvorsitzender Paulo Tonicelli zeigte ihm Beispiele des sozialen Engagements seiner Firma: Gesundheitsstation fürs Stadtviertel, Finanzierung einer Schule für Armenkinder, Renovierung einer Polizeistation, Unterstützung eines Waisenhauses, Gewinnbeteiligung für Mitarbeiter etc.

Köhler war überrascht. "Sind Ihre Gewinne so hoch, dass Sie sich das alles leisten können?", fragte er. In Deutschland höre er immer, so etwas sei im harten internationalen Wettbewerb nicht möglich. Tonicelli antwortete, er könne den Nutzen der einzelnen Maßnahmen nicht messen, aber die Motivation der Mitarbeiter führe zu besseren Ergebnissen. Außerdem, fügte er hinzu, sei es "im sozialen Kontext Brasiliens nicht angenehm, auf einer Insel des Wohlstands zu leben".

In Brasilien ist das Thema CSR in den Chefetagen angekommen. Nach einer Studie des unternehmensnahen Institus Ethos in São Paulo konzentrieren sich die CSR-Maßnahmen in der größten Wirtschaft Lateinamerikas auf folgende Bereiche: Umwelt (25%), Menschenrechte und Arbeitsbeziehungen (21%), Ethik und Transparenz (16%), Dialog mit der Gesellschaft (11%), Verbraucherschutz (9%) und Corporate Governance (9%).

Geraldo Hoffmann

Lesen Sie weiter über sozialen Verantwortung in arabischen Unternehmen.

Arabische Länder

Dem Staat kommt bei der Sicherung der Grundversorgung der Bevölkerung in den meisten arabischen Ländern eine zentrale Bedeutung zu. In den reichen Golfstaaten übernimmt der Staat diese Funktion vollständig.

Bei der Wahrnehmung der sozialen Verantwortung gibt es große Unterschiede zwischen den arabischen Ländern. Viele arabische Großunternehmen wissen um die Bedeutung der sozialen Akzeptanz und versuchen deshalb, sich an direkten karitativen Aktivitäten sowie an einer Vielzahl von Kultur-, Sozial- und Umweltprojekten zu beteiligen.

Andere unterstützen Bildungsoffensiven an Schulen und Universitäten. Beispielsweise gründete der bekannte ägyptische Milliardär Samih Sawiris eine private Stiftung zur Förderung der humanen Entwicklung der ägyptischen Gesellschaft.

Wo der Staat nicht in der Lage ist, die soziale Grundversorgung zu gewährleisten, werden diese sozialen Aufgaben entweder durch andere Familienmitglieder oder von organisierten Interessensgruppen wie den Muslimbrüdern in Ägypten übernommen.

Die meisten kleinen und mittelständischen Unternehmen in den arabischen Ländern sind im Besitz einzelner Familien; deshalb tragen diese automatisch Verantwortung für deren Mitarbeiter.

Loay Mudhoon

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