Wie sieht das Leben für schwarze Menschen in Deutschland wirklich aus? | Deutschland | DW | 26.05.2020
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Diversity-Tag

Wie sieht das Leben für schwarze Menschen in Deutschland wirklich aus?

People of Color sind die sichtbarste Minderheit in Deutschland. Aber wie schwarze Menschen Rassismus und Diskriminierung erleben, ist kaum erforscht. Der Afrozensus will das ändern.

Neulich beobachtete ich nach dem Einkaufen am Arnimplatz im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg folgende Szene: Ein Mann war ohnmächtig geworden - vielleicht hatte er zu viel getrunken oder Drogen genommen. Zwei Polizisten versuchten, ihn vom Bürgersteig wegzubewegen. Als ich vorbeiging, bemerkte ich einen dritten Polizisten. Er war schwarz. Ich musste zweimal hinschauen und lächelte dann leicht. Zum Glück lächelte er zurück, sodass es nicht peinlich wurde. Es war das erste Mal, dass ich in Berlin einen schwarzen Polizisten sah.

In Deutschland sind schwarze Menschen vor allem im Niedriglohnsektor überrepräsentiert. Das sei ein Beispiel für strukturellen und institutionellen Rassismus, sagt Poliana Baumgarten, eine deutsche afro-brasilianische Filmemacherin. In ihren Arbeiten beschäftigt sie sich vor allem mit Rassismus und Diskriminierung. "Es zeigt, dass schwarze Frauen einfach keine Chance haben, an Jobs zu kommen, in denen sie irgendeine Art von Würde erfahren."

Datenmangel erschwert Antidiskriminierungsarbeit

Rassistische Diskriminierung nimmt in Deutschland weiter zu. Im Jahr 2018 gab es laut Kriminalstatistik fast 20 Prozent mehr rassistische Übergriffe als im Jahr 2017. Das ist dokumentiert. Allerdings fehlen Daten, mit denen die Antidiskriminierungsstelle des Bundes erkennen kann, wie sich Rassismus auf betroffene Personengruppen auswirkt, denn es werden keine Informationen über ethnische Zugehörigkeit erhoben.

Das sei ein Problem, sagt Rassismusforscher Daniel Gyamerah. Seiner Ansicht nach müssten Daten gezielter erhoben und eingesetzt werden, um die Diskriminierung von Menschen afrikanischer Abstammung zu bekämpfen. "Sie werden als Schwarze angesehen und erleben Rassismus gegen Schwarze - aber dazu gibt es keine Forschung", erklärt Gyamerah.

Daniel Gyamerah, Vorstand von Each One Teach One e.V. (Séverine Lenglet)

Daniel Gyamerah vom Verein "Each One Teach One"

In Deutschland lebt mehr als eine Million Menschen afrikanischer Abstammung. Um ihre Erfahrungen mit Diskriminierung statistisch zu erfassen, entstand das Projekt Afrozensus.

"Der Afrozensus ist eine Grundlage für die Zukunft. Unser Ziel ist es nicht, schwarze Menschen von anderen Ethnien oder Communities zu unterscheiden - sondern zu zeigen, dass es Überschneidungen gibt", sagt Gyamerah.

Den Afrozensus finanziert die Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Erhoben werden neben den demografischen Daten - Alter, Geschlecht, Behinderung - vor allem Diskriminierungserfahrungen. Außerdem werden die Teilnehmenden nach ihrem gesellschaftlichen Engagement und ihren Erwartungen an den Gesetzgeber befragt. Ziel ist es, Strategien gegen rassistische Diskriminierung und zur Unterstützung schwarzer Menschen zu entwickeln.

"Die Daten werden uns ermöglichen, das Thema Diskriminierung im öffentlichen Diskurs sichtbarer zu machen", sagt Sebastian Bickerich, Pressesprecher der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

Vermächtnis des Nationalsozialismus

Es ist unmöglich, in Deutschland über Rassismus zu diskutieren, ohne den Nationalsozialismus zu erwähnen. Die Auswirkungen der Nazizeit auf die deutsche Gesellschaft sind noch immer spürbar. Einige Experten betrachten die Unfähigkeit, Rassismus im öffentlichen Diskurs angemessen zu thematisieren, als eine Folge der nationalsozialistischen Rassentheorien.

Es gibt die Vorstellung, dass "durch die Anerkennung von Unterschieden ethnischer Gruppen ebendiese Unterschiede gefördert werden", sagt Sarah Chander, die unter anderem für das Europäische Netzwerk gegen Rassismus gearbeitet hat.

"Wir müssen die sozialen Unterschiede anerkennen, die uns zusammen mit der ethnischen Zugehörigkeit zugeschrieben werden", sagt Chander. "Wir können nicht einfach hoffen, dass es diese Unterschiede nicht gibt, nur weil man nicht darüber spricht."

Daniel Gyamerah stimmt zu. "Die Verantwortung der gesamten Gesellschaft in Bezug auf den Nationalsozialismus ist unermesslich. Das heißt aber auch, dass die Folgen des deutschen Kolonialismus oft vernachlässigt werden."

Überlebende Herero nach der Flucht durch die Wüste (public domain)

Zehntausende Menschen der Volksgruppen Herero und Nama fielen dem Völkermord in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika zum Opfer

Gyamerah nennt Kolonialismus und Nationalsozialismus "rassistische Kontinuitäten". Deutsche verübten den ersten Völkermord im 20. Jahrhundert. Zwischen 1904 und 1908 wurden zehntausende Nama und Herero in Deutsch-Südwestafrika - dem heutigen Namibia - ermordet, nachdem sie sich gegen die Kolonialherrschaft aufgelehnt hatten. Und obwohl mehrere deutsche Politiker den Völkermord anerkannt haben, steht eine offizielle Entschuldigung noch aus. Zahlreiche Straßen in Deutschland tragen noch immer die Namen von Personen, die man als Massenmörder bezeichnen würde.  

"Der Schwerpunkt der Aufarbeitung liegt auf dem Nationalsozialismus. Die kollektive Verantwortung ist dort so groß, dass es für die Gesellschaft schwierig ist, andere Ereignisse in der deutschen Geschichte anzuerkennen", sagt Gyamerah. "Der deutsche Kolonialismus und Rassismus gegenüber Schwarzen werden im öffentlichen Diskurs nicht beachtet."

Rassismus-Erfahrungen aufdecken

Beim Integrationsgipfel am 2. März 2020 hinterfragte Bundeskanzlerin Angela Merkel, warum Menschen afrikanischer Abstammung selbst dann, wenn sie in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, beweisen müssen, dass sie Deutsche sind. Es war das erste Mal seit Jahren, dass jemand mit Regierungsverantwortung in dem Zusammenhang den Ausdruck "schwarz" benutzte.

"Angela Merkel sagt das Gleiche, was wir seid 30 Jahren sagen, dadurch haben wir eine größere Reichweite bekommen", sagt Maisha-Maureen Auma, Professorin für Kindheit und Differenz (Diversity Studies) an der Hochschule Magdeburg-Stendal. "Lange Zeit war das ein Tabu, weil Rassismus mit Ausländerfeindlichkeit in einen Topf geworfen wurden - was in gewisser Weise auch der Person die Schuld gibt, die diskriminiert wird", erklärt sie.

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Afro.Deutschland

Die Deutschen haben zwar erkannt, dass Rassismus ein Thema ist, "aber sie haben immer noch Vorbehalte, bestimmte Gruppen von Menschen in ihrer Umgebung zu haben", so Sebastian Bickerich. Wie sich diese Vorbehalte auf schwarze Menschen auswirken, könnte der Afrozensus klären. Wer teilnehmen möchte, kann sich online für die Umfrage anmelden. Die Initiatoren wollen mit den Ergebnissen, die Ende des Jahres veröffentlicht werden sollen, politische Entscheidungsträger zum Handeln anregen.

Für Deutschlands People of Color wird es um mehr gehen als nur um Zahlen. Es wird auch eine Gelegenheit sein, Einblicke in den Umgang mit Diskriminierung zu bekommen, sagt Daniel Gyamerah.

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