Wie sich Kohlearbeiter auf den Ausstieg vorbereiten | Wissen & Umwelt | DW | 01.06.2018
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Klimawandel

Wie sich Kohlearbeiter auf den Ausstieg vorbereiten

In einigen Regionen Deutschlands ist die Kohleindustrie wichtigster Arbeitgeber. Menschen fürchten um ihre Arbeitsplätze und fordern Jobalternativen. Ein Besuch in der Braunkohlestadt Zeitz.

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Welche Zukunft für Kohlearbeiter?

Stephan Barth lenkt den Jeep über die hügelige Landschaft zu den Förderbändern, die frisch abgebaute Kohle transportieren. Er kontrolliert, ob die Bänder ordentlich laufen. Seit 2003 arbeitet er bei dem mitteldeutschen Braunkohleunternehmen Mibrag. Bei Wind und Wetter steht er im Tagebau, auch am Wochenende und nachts, egal ob die Sonne bei 35 Grad vom Himmel knallt oder der Schneeregen ins Gesicht peitscht. Es ist ein Knochenjob. Es ist sein Traumjob. Und er hat Angst, ihn zu verlieren. "Was ist, wenn hier Schluss ist?", fragt Barth. 

Kein anderes Land der Welt verbraucht so viel Braunkohle wie Deutschland – rund ein Viertel des deutschen Stroms wird aus der Braunkohle gewonnen. Doch die Braunkohle ist ein schmutziger Brennstoff. Ein Fünftel der gesamten CO2-Emissionen Deutschlands stammen von Kohlekraftwerken. Damit die Bundesregierung ihr Ziel, Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2030 zu halbieren, erreicht, muss es schnellstmöglich aufhören, Kohle für die Stromerzeugung zu verbrennen.

Wann genau der Kohleausstieg kommt und wie er gestaltet wird, darüber soll eine Kommission bis Ende 2018 entscheiden. Das Mandat der Kommission schreibt allerdings bereits fest, dass erst Arbeitsplätze gesichert werden müssen, bevor Kohlekraftwerke abgeschaltet werden. "Wir werden mit den Regionen sprechen, Alternativen für Beschäftigung herausarbeiten, und dann kann man auch den Ausstieg ins Auge fassen", sagte die Bundeskanzlerin Angela Merkel schon vor der Bundestagswahl 2017.

Doch obwohl die Regierung einen "sozialverträglichen" Kohleausstieg zugesichert hat, ist die Angst vor der Zukunft bei Barth und seinen Kollegen im mitteldeutschen Braunkohlerevier groß.

Braunkohle regional wichtigster Arbeitgeber

Etwa 50 Minuten Autofahrt südlich von Leipzig liegt die Stadt Zeitz, umgeben von zahlreichen Seenlandschaften, die von der langen Tradition des Braunkohleabbaus zeugen. Hier hat das Braunkohleunternehmen Mibrag seinen Hauptsitz. Und hier zeigt sich, wie wichtig die Braunkohle für manche Regionen Deutschlands ist.

Zu DDR-Zeiten war Zeitz eine Industriemetropole. Fabriken für Klaviere, Kinderwagen und Maschinen entstanden im Zuge der Industriellen Revolution. Heute ist davon nicht mehr viel übrig. Nach der Wende schloss ein Unternehmen nach dem anderen. Über 20.000 Arbeitsplätze gingen verloren. Die Einwohnerzahl hat sich seit 1989 halbiert, jedes dritte Haus steht leer, riesige Fabrikgebäude verfallen. Nur zwei große Unternehmen sind in Zeitz noch übrig. Der Lebensmittelhersteller Südzucker und das Braunkohleunternehmen Mibrag, wo Stephan Barth und etwa 2.000 weitere Menschen arbeiten.

Zeitz Kohleausstieg (DW/K. Wecker)

Nach der Wende ist die Hälfte der Bevölkerung Zeitz weggezogen. Heute steht jedes dritte Haus leer

"Braunkohle ist der wichtigste Arbeitgeber: guter Job, sichere Bezahlung. Das findet man hier in der Region nicht. Es gibt keine Alternativen", sagt Barth der DW. Seit seiner Ausbildung 2003 arbeitet er bei der Mibrag. Er hat vor kurzem ein Haus gebaut, eine Hypothek aufgenommen, sich für viele Jahre verschuldet. Wenn der Kohleausstieg kommt, wie soll er sein Haus abbezahlen? Rund um Zeitz gibt es keinen angemessenen Job für ihn, da ist er sich sicher. "Es wird vielleicht für vereinzelte, vielleicht für 10-15 Mann irgendwo was geben. Aber alle auf einmal, da gibt es hier in der Region keine Arbeitsplätze", sagt Barth.

Barth ist einer von 20.000 Menschen in Deutschland, die bei Braunkohleunternehmen angestellt sind. Verglichen mit den knapp 340.000 Arbeitsplätzen im Bereich der erneuerbaren Energien ist das relativ wenig. Doch für Zeitz bedeutet der Kohleausstieg den Wegfall wichtiger Arbeitsplätze – und einer tragenden Wirtschaftskraft. 

Im örtlichen Rathaus ist man sich schmerzlich bewusst, welche wichtige Rolle die Braunkohleindustrie für die Region spielt. Die Mibrag zahlt dem Burgenlandkreis, zu der die Stadt Zeitz gehört, jährlich 550 Millionen Euro an Steuern und macht damit 16% des Einkommens des Landkreises aus, so der Zeitzer Oberbürgermeister Christian Thieme. "Auf den Bund gesehen ist das nicht viel, doch regional betrachtet ist es eine Menge. Wenn das weg fällt, ist das ein maßgebender Einschnitt in die Wirtschaft", sagt er gegenüber der DW.

Klimaschutz für wen?

Obwohl sich die meisten Menschen in Zeitz einig sind, dass Braunkohle ein Klimakiller ist, haben sie es mit dem Kohleausstieg nicht eilig. Denn sie werden diejenigen sein, die die unmittelbaren Konsequenzen tragen müssen. Verloren haben sie schon einmal bei einem Umbruch, damals nach der Wende, als viele alte Betriebe schlossen. Jetzt soll also wieder ein Umbruch stattfinden, den sie eigentlich nicht wollen.

"Es ist schwierig, den Menschen vor Ort zu sagen, ihr verliert jetzt euren Job wegen des Klimaschutzes, weil Inselstaaten bereits untergehen. Das ist für die Leute hier sehr weit weg und scheint ungerecht", sagt Sabrina Schulz, Energieexpertin bei der Umweltorganisation E3G, gegenüber der DW.

Zeitz Kohleausstieg (DW/K. Wecker)

"Glück auf!" ist der typische Bergmannsgruß und Synonym für die lange Tradition des Kohleabbaus in Deutschland

"Ganz flapsig ausgedrückt: Warum machen wir Klimaschutz, wenn am Ende die Menschen nichts davon haben? Die Natur hat einen Wert an sich, aber dennoch muss die Politik Menschen eine Perspektive geben in dieser neuen Welt", so Schulz weiter.

Kohlearbeiter Barth wünscht sich ganz konkrete Maßnahmen. Ein neuer Industriezweig, Umschulungen, Weiterbildungen in Zeitz und Umgebung. Denn hier ist er verwurzelt. Für einen Job wegziehen, möchte er nicht. "Der Strukturwandel darf nicht nur auf dem Papier stattfinden, sondern auch hier in der Region. Wo man sagen kann, man hat Perspektiven für einen sicheren, gut bezahlten Job in der Region", sagt Barth.

Kein Plan ohne Ausstiegsdatum

Langsam beginnt die Suche nach Perspektiven in Zeitz. Im Zuge des Klimaschutzplans 2050 hat das Bundeswirtschaftsministerium Arbeitsgruppen in den vier Braunkohlerevieren Deutschlands einberufen. Im Helmstedter, Lausitzer, Rheinischen und Mitteldeutschen Revier sollen jeweils ein Zusammenschluss aus Braunkohleunternehmen, lokalen Politikern, Landkreisen, Universitäten und Organisationen Vorschläge liefern, welche Industrien man anstelle der Braunkohle vor Ort ansiedeln und so für einen nachhaltigen Ersatz der wegfallenden Arbeitsplätze sorgen könnte.

Zeitz Kohleausstieg (DW/K. Wecker)

Die Mibrag wird voraussichtlich bis 2035 im Tagebau Profen noch abbauen, dann ist die Stätte erschöpft

Für die Region rund um Zeitz hat sich Jörn-Heinrich Tobaben der Verantwortung gestellt. Er leitet den Arbeitskreis für die mitteldeutsche Braunkohleregion, in seinem Büro in Leipzig werden Zukunftsideen gesammelt. Es fallen viele Schlagwörter: Autonomes Fahren, Drohentechnologie, 3D-Druck, Biotech-Unternehmen, stoffliche Verwertung von Kohle. "Wir gestalten den Prozess technologieoffen. Prinzipiell ist viel möglich, alles was Menschen Arbeit bringt", sagt Tobaben, Geschäftsführer der Metropolregion Mitteldeutschland Management GmbH, gegenüber der DW.

Noch stehe die Ideensuche ganz am Anfang und seiner Meinung nach wird sie auch erst richtig in Schwung kommen, wenn die Bundesregierung sich zu einem Ausstiegsdatum durchringt. Denn dann hätten die Braunkohleunternehmen Planungssicherheit, wüssten, ob sich bestimmte Investitionen wie ein neuer Bagger oder neue Filteranlagen für saubere Luft lohnen würden. Dann hätte die Arbeitsgruppe auch eine Deadline, auf der sie hinarbeiten könne. "Zurzeit kann man gar nicht planen", sagt Tobaben.

Das heißt für den Kohlearbeiter Barth und seine Kollegen, dass ihre Zukunft noch etwas länger ungewiss bleiben wird. 

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