Wie impfbereit sind die Menschen in Europa? | Europa | DW | 17.01.2021
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Corona

Wie impfbereit sind die Menschen in Europa?

Seit Dezember werden Menschen in Europa gegen Corona geimpft. Die Bereitschaft schwankt zwischen Pragmatismus und Skepsis. Das zeigt der Blick auf ausgewählte europäische Staaten in allen Himmelsrichtungen.

Frankreich

Skepsis ist das Wort der Stunde: Gleich mehrere Umfragen zeigen, dass nur 40 Prozent der Französinnen und Franzosen bereit wären, sich impfen zu lassen. Laut Opposition und führenden Ärzteverbänden verschlimmert die misslungene Impfkampagne der französischen Regierung die Situation: Während es in Deutschland schon in der ersten Woche nach dem Impfstart über 200.000 Impfungen gab, waren es in Frankreich gerade mal einige Tausend. Genaue Zahlen können nicht geliefert werden, denn offizielle Erhebungen gibt es bislang ebenso wenig wie flächendeckende Impfzentren. Hinzu kommt ein Kommunikationschaos. Die Impfkampagne der Regierung sah zunächst vor, im Januar und Februar erst einmal ältere Menschen in Pflegeheimen und älteres Personal vor Ort zu impfen. Nach massiver Kritik wurde der Personenkreis schließlich erweitert, zum Beispiel auch auf Menschen über 75 Jahre, die nicht in Heimen leben, sowie weiteres Gesundheitspersonal. Die Impfkampagne droht zu einer weiteren Panne im Kampf gegen Corona zu werden: Im Frühjahr mangelte es an Masken und Schutzkleidung, auch für Klinikpersonal. Im Herbst waren die Testlabore komplett überlastet.

Großbritannien

Eigentlich gehören die Briten europaweit zu denjenigen, die am wenigsten an der Corona-Impfung zweifeln: Zwei Drittel der Bevölkerung, so zeigen unter anderem Umfragen des Nachrichtenmagazins Spiegel, wollen sich impfen lassen. Boulevardmedien haben den 8. Dezember gar zum "V-Day" erklärt, in Anlehnung an den "VE (Victory in Europe) Day", mit dem am 8. Mai der Sieg über Nazideutschland gefeiert wird. "V" steht für vaccination, also Impfung, denn am 8. Dezember wurde der BioNTech-Pfizer-Impfstoff zum ersten Mal offiziell verabreicht. Gerade aber gegen diesen Impfstoff scheint an einigen Stellen nun der Widerstand zu wachsen. Der Guardian berichtete Anfang dieser Woche über mehrere Fälle, in denen sich Menschen nicht mit dem deutsch-amerikanischen Produkt impfen lassen wollten, sondern auf "die englische" Variante warten wollten. Gemeint ist damit ein von der Universität Oxford und dem schwedisch-britischen Pharmakonzern AstraZeneca entwickelter Impfstoff. Dieser wurde Anfang Januar im Vereinigten Königreich zum ersten Mal geimpft. In der EU ist er noch nicht zugelassen.

Großbritannien Coronavirus Covid-19 Impfung

Die 90-Jährige Britin Margeret Keenan war der erste Mensch, der ausserhalb klinischer Tests gegen Corona geimpft wurde

Italien

Regierungskrise hin oder her: Beim Impfen legt sich das Land mächtig ins Zeug. Nur zwei Wochen nachdem die EU-Mitgliedsstaaten damit begonnen haben ihre Bürger gegen das Coronavirus zu impfen, hatte Italien bis Dienstagmorgen bereits 718.797 Menschen geimpft - mehr als jedes andere Land in der EU. Obendrein geschieht das mit Stil. Bis zum Februar sollen landesweit 1500 Impfzentren an den Start gehen. Sie alle sind nach Entwürfen des Mailänder Stararchitekten Stefano Boeri gestaltet, als temporäre Pavillons aus ökologischen Materialien, auf dem Dach jeweils eine Primel.  Die Blume, die als erste nach dem Winter blüht, ist das Symbol der italienischen Impfkampagne. Große Bedenken aus Sicht der Bevölkerung gibt es nicht. Obwohl Impfgegner der Bewegung "No Vax" vor allem über die Sozialen Netzwerke allerlei Falschinformationen über die Impfstoffe verbreiten, zeigt die Kampagne der Regierung in Rom Wirkung. Laut einer Studie der Kantar Group, eines der größten Marktforschungsunternehmen der Welt, wollen sich inzwischen fast 70 Prozent der Bevölkerung impfen lassen. Auch dies ist ein Spitzenwert in Europa.

Österreich

Die Impfbereitschaft in der Alpenrepublik befindet sich auf einem Schlingerkurs: Noch bis weit in den Herbst hinein war laut einer Befragung der Universität Wien fast die Hälfte der Bevölkerung bereit, sich impfen zu lassen. Inzwischen ist die Zahl derjenigen, die sich generell vorstellen könnten sich impfen zu lassen, auf rund ein Drittel gesunken.  Die Zahl derjenigen, die sich "ganz sicher" gegen Corona impfen lassen wollen, liegt sogar nur bei 17 Prozent. Eine Impfpflicht, wie sie in Deutschland vom bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) angedacht worden war, wird von der Regierung in Wien abgelehnt. In den Ländern Steiermark und Oberösterreich wird diese zumindest allerdings erwogen. Hintergrund der Debatte sind auch die schleppend verlaufenden kostenfreien Massentest, denen weit weniger Menschen teilnahmen als erhofft. Am Mangel an Impfdosen sollten die Impfungen indes nicht scheitern: Bundeskanzler Sebastian Kurz hatte erst vor Kurzem öffentlichkeitswirksam verkündet, es stünden schon im Januar fast eine Millionen Impfdosen zur Verfügung. Impfkommissionen in den einzelnen Bundesländern sollen diese Planung nun konkretisieren. Auch angesichts der Skepsis der Bevölkerung eine Mammutaufgabe.

Österreich Coronavirus Massentests

Wenig los bei den Massentests: Ähnlich wie hier im Voralberg fiel das Interesse am Angebot im ganzen Land mäßig aus

Schweden

Eine ganze Reihe tragischer Unglücksfälle aus der Vergangenheit sorgen dafür, dass sich Schwedinnen und Schweden große Sorgen wegen der anstehenden Impfung machen. Als 2009 die Schweinegrippe grassierte, ließen sich fünf Millionen Menschen, rund die Hälfte der Bevölkerung, dagegen impfen. Verabreicht wurde der Wirkstoff Pandemrix des britischen Pharmaunternehmens GlaxoSmithKline. Die Impfkampagne wurde zum Desaster: Vor allem viele Kinder und junge Erwachsene unter 30 Jahren vertrugen die Spritze nicht. Rund 500 von ihnen entwickelten Narkolepsie, eine chronische Nervenkrankheit, durch die Betroffene keine Kontrolle mehr über Wachen und Schlafen haben. Ausgerechnet Anders Tegnell, heute Staatsepidemiologe und "Erfinder" des schwedischen Corona-Sonderweges, war damals Chef der Infektionsschutzabteilung bei der Sozialbehörde und damit verantwortlich für das, was heute als einer der größten Medizinskandale Schwedens gilt. Die starken Bedenken sind messbar: Laut einer aktuellen Umfrage des renommierten Meinungsforschungsinstitut Novus aus Stockholm haben fast 60 Prozent der Schwedinnen und Schweden starke Vorbehalte gegen eine Impfung oder wollen sich gar nicht impfen lassen.

Spanien

Spanien gehört zu den europäischen Ländern, die am stärksten von der Pandemie betroffen sind. Seit Beginn der Pandemie wurden landesweit über 2,2 Millionen Infektionen nachgewiesen. Das sind mehr als in Deutschland, einem Land mit 33 Millionen mehr Einwohnern. Auch deswegen steht die spanische Bevölkerung einem Impfstoff gegen COVID-19 positiv gegenüber. Laut einer aktuellen Studie der öffentlichen Stiftung für Wissenschaft und Technologie (FECYT) wollen sich fast 70 Prozent der Spanierinnen und Spanier impfen lassen. Grundsätzlich sieht man Impfungen im Land pragmatisch, die Quote der Standardimpfungen gehört zu den höchsten der Welt. Auch die Grippeimpfung nehmen laut OECD-Statistik jedes Jahr rund 55 Prozent der Spanier über 65 Jahre in Anspruch, Deutschland erreicht in dieser Altersgruppe nur eine Quote von 35 Prozent. Einen Sonderweg schlägt das Land bei Bürgern ein, die sich nicht gegen Corona impfen lassen wollen. Diese werden in einem Register erfasst. Laut Gesundheitsminister Salvador Illa ist das Register nicht öffentlich zugänglich. Allerdings würden die Daten "europäischen Partnern" zur Verfügung gestellt.

Impfstart in Europa - Tschechien Andrej Babis Impfung

Andrej Babis zuerst: Der tschechische Ministerpräsident wurde als erster in seinem Land geimpft

Tschechien und Slowakei

Die beiden Nachbarländer teilen nicht nur eine lange Geschichte. Auch die Skepsis gegenüber den Corona-Impfungen ist gleich groß. Laut einer Umfrage der slowakischen Akademie der Wissenschaften liegt die Ablehnung in beiden Ländern bei etwa 45 Prozent. Jeweils ein Drittel der Befragten gab an, dass Covid-19 nicht schlimmer einzuschätzen sei als eine Grippe und die Epidemie lediglich Teil eines weltweiten Bemühens um verpflichtende Impfung sei. Knapp 39 Prozent glauben sogar, dass die Zahlen der Toten absichtlich überhöht würden. Nach anfänglichem Zögern versuchen die Regierungen in Prag und Bratislava inzwischen gehörig gegenzusteuern. Der populistische tschechische Ministerpräsident Andrej Babis ließ sich öffentlichkeitswirksam Ende Dezember gar als Erster in seinem Land impfen. Zur Begründung erklärte er, er habe im Fernsehen eine Frau gesehen, die gesagt habe, sie wolle mit der Impfung "auf Babis warten". In der Slowakei wollte man den Start der offiziellen EU-Impfkampagne am 27. Dezember nicht abwarten und legte schon einen Tag vorher los.

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