Wie gefährlich sind Möwen? | Wissen & Umwelt | DW | 14.08.2015
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Wissen & Umwelt

Wie gefährlich sind Möwen?

Sie töten Haustiere und rauben Passanten ihre Sandwiches. Ist das noch normal - oder sollten aggressive Möwen getötet werden? In der aufgeheizten Debatte ruft der britische Premierminister zur Besonnenheit auf.

Es ist Sommer in Großbritannien und das Leben könnte so entspannt sein - doch einige Bewohner entlang der Küste trauen sich kaum noch auf die Straße. Sie fühlen sich von Möwen bedroht - in Landstrichen wie Cornwall, Wales und Schottland.

Seit Juni berichten britische Medien immer wieder über Angriffe von Silbermöwen. Die Vögel erreichen eine Flügelspannweite von über anderthalb Metern und können dann auch einen Erwachsenen schon einschüchtern.

Der kleine Yorkshire Terrier Roo hatte wahrscheinlich keine Ahnung was ihn traf, als er im Hinterhof seines Hauses in Cornwall plötzlich von einer Silbermöwe angegriffen wurde. Die Verletzungen durch die Schnabelattacke, die Roo auf seinem Schädel erlitt, waren so schwer, dass ihn ein Tierarzt einschläfern musste.

Nur Tage später wurde die Landschildkröte Stig ein Opfer der Möwen. Die Vögel drehten das Reptil auf den Rücken und pickten es von seiner weicheren Unterseite zu Tode.

Die britische Boulevardpresse - die dafür bekannt ist, ohne Hemmungen auf Politiker loszugehen - zeigte auch gegenüber den Möwen wenig Zurückhaltung: Die netteren Überschriften lauten: "Ratten mit Flügeln", während der "Scottish Express" von einem "Terrorregime bösartiger Möwen" berichtet und der "Daily Star" in einer Anspielung auf zwei einschlägige Horrorfilme von Alfred Hitchcock von "Psycho Möwen" schreibt.

Beschützende Eltern

Der Ornithologe und Sprecher der Königlichen Gesellschaft für Vogelschutz Tony Whitehead hält dagegen: Das Verhalten der Möwen sei überhaupt nicht bösartig.

"Es gibt zwei Ursachen für dieses Verhalten", sagte Whitehead der DW. "In dieser Zeit verteidigen die Möwen ihre Jungen, die gerade nestflüchtig werden. Einige Wochen lang sind sie extrem verteidigungsfreudig. Alles was eine Bedrohung für die Jungvögel darstellen könnte, werden die erwachsenen Möwen angreifen und vertreiben. Es ist möglich, dass das auch passiert ist als der Hund starb."

Und so war es auch bei Roos Frauchen und Herrchen. Die angriffslustige Möwe nistete auf dem Dach des Hauses. Die Situation spitzt sich in dieser Lage noch zu, wenn dann ein Jungvogel aus dem Nest fällt, und der neugierige Hund es beschnuppern will, sagt Whitehead. Möglicherweise war das auch hier der Fall.

Der zweite Grund, warum Möwen im Sturzflug auf Menschen niedergehen, ist einfach zu verstehen: Möwen, die angefüttert wurden, setzen Menschen mit Futter gleich. Ein Mann in Bath zeigte eine Möwe bei der Polizei an, die ihm sein Sandwich gestohlen hatte. Aber ein Vogel kann nicht zwischen Essen unterscheiden, das ihm angeboten wird, und Essen, das der Mensch noch für sich behalten will, sagt Whitehead.

Premierminister: "Wir haben ein Problem"

Nicht jeder bringt soviel Verständnis auf. Simon Prentis aus Gloucestershire in Südengland hat eine "Gull Awareness Group" gegründet - eine Bürgerinitiative, die gegen Möwen vorgehen will. Er sagt, wenn jetzt nichts gegen die Möwen unternommen werde, könnten sie eines Tages sogar Babys töten.

"Was für einen Unterschied stellt es denn für eine Möwe dar, ob ein Hund auf dem Rasen spielt, oder ein Baby?" fragt Prentis im "Daily Mirror". "Falls jemand ein schlafendes Kind in einem Kinderwagen kurze Zeit alleine lässt, kann das ganz schnell passieren. Ich wünsche es niemandem, aber es geht in diese Richtung."

Der 61-Jährige hat auch schon eine Petition gestartet, um die Forschung städtischer Möwen voranzutreiben.

Premierminister David Cameron rief zu einer umfassenden Debatte über die Möwenproblematik auf. Dem BBC-Lokalsender in Cornwall sagte er, nachdem er einiges über Vorfälle mit aggressiven Möwen gelesen habe, sehe er hier "ein echtes Problem".

Prof. Dr. Stefan Garthe am Wasser (Foto: Garthe).

Garthe: "Möwen haben keine Furcht vor Menschen."

Silbermöwen sind gefährdet

Es gibt auch schon Rufe nach einer großen Möwen-Keulung, aber - wie alle Wildvögel in Großbritannien - stehen Silbermöwen und alle Artverwandten dort unter Naturschutz. Obwohl ihre Anzahl in urbanen Räumen zunimmt, gehen die Bestände insgesamt zurück.

"Die Menschen bewegen sich immer mehr in die ursprünglichen Lebensräume, wo die Möwen brüten. Die Möwen gehen dann in die Städte und brüten dann zum Beispiel auf Flachdächern", sagt der Deutsche Ornithologe Stefan Garthe gegenüber der DW. "Möwen sind intelligente Nahrungsopportunisten und können gut auf Änderungen reagieren."

Vielleicht haben sie sich aber noch nicht gut genug angepasst. Die BBC berichtet, dass die Silbermöwenpopulation über die letzten 30 Jahre um die Hälfte eingebrochen sei. 2009 wurde die Silbermöwe auf die Rote Liste der vom Aussterben bedrohten Arten von "Conservation Concern" gesetzt. Das ist ein Projekt verschiedener Umweltschutzorganisationen.

Blogger James Common am Meer (Foto: James Common).

James Common ist am Meer aufgewachsen. Möwen gehören für ihn dazu.

Umweltaktivist und Blogger James Common ist entsetzt über die Rufe nach Keulung und die Art und Weise, wie die Medien das Thema behandeln.

"Solche schockierenden Horrorgeschichten zu verbreiten, mag ja geeignet sein, um die Menschen zu unterhalten - aber für mich ist das reiner Unsinn", sagt der 22-Jährige gegenüber der DW. "Es gab sogar eine Geschichte über eine Monster-Möwe, die eine Ratte gefressen hat. Ich verstehe bloß nicht, was daran eigentlich so schlecht sein soll."

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