Wie Gebärdensprachler in der Pandemie kreativ wurden | Kultur | DW | 22.09.2021
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Gebärdensprache

Wie Gebärdensprachler in der Pandemie kreativ wurden

Die Pandemie hat Gehörlose vor neue Probleme gestellt. Zum Internationalen Tag der Gebärdensprache zeigt sich, wie sie darauf reagiert haben.

In der Corona-Pandemie haben viele von uns notgedrungen neue Wege der Kommunikation beschritten: digitale Arbeitsbesprechungen, virtuelle Klassenzimmer oder Treffen mit Freunden und Familie - die meisten von uns haben die Nase inzwischen voll davon.

Gehörlose Menschen stellen Videokonferenzen und insbesondere das Tragen von Masken vor ganz andere Herausforderungen. "Durch die Maskenpflichtwird die Kommunikation erschwert", sagt Stefan Palm-Ziesenitz, Vorsitzender des Hamburger Gehörlosenverbandes, im Gespräch mit der DW.

Gehörlose Menschen könnten sich auch beim Tragen von Masken mit Hilfe der Gebärdensprache über alltägliche Dinge verständigen, "aber mit den Hörenden funktioniert die Kommunikation mit aufgesetzten Masken so gut wie nicht", sagt er.

Stefan Palm-Ziesenitz, Vorsitzender des Gehörlosenverbandes Hamburg, steht draußen mit einem Mundschutz, auf dem steht: Lautsprache zwecklos! Gebärde bitte mit mir.

"Mit den Hörenden funktioniert die Kommunikation mit aufgesetzten Masken so gut wie nicht", sagt Stefan Palm-Ziesenitz

Stefan Palm-Ziesenitz, heute Ende 50 und von Geburt an gehörlos, bittet Hörende deshalb, ihre Masken vor dem Sprechen abzunehmen, damit er ihre Lippen lesen und ihre Mimik sehen kann. In den meisten Regionen ist es erlaubt, die Maske beim Gespräch mit Hörgeschädigten für die Dauer des Gesprächs in der Öffentlichkeit abzunehmen.

Gebärden modifizieren sich

Der Boom der Videokonferenzen hat sich nachhaltig auf die Gebärdensprachen ausgewirkt. Laut einem Artikel im "Scientific American" aus dem vergangenen Februar haben sich die Gebärden modifiziert, um die Einschränkungen der Videokommunikation auszugleichen.

Zwar haben Videokonferenzen für Gebärdensprachler den Vorteil, dass sie einander sehen können - allerdings schränkt die begrenzte Größe der Bildschirme und Video-Fenster die normalerweise über Bewegungen vermittelte Ausdrucksfähigkeit ein.

Video ansehen 04:10

Experteninterview zum Thema Gehörlosigkeit

"Der Gebärdenraum ist sehr groß", sagte Michael Skyer, gehörloser Dozent für Gehörlosenbildung am Rochester Institute of Technology, im "Scientific American". "Viele Gebärden können in den Dimensionen des 'Zoom-Bildschirms' zwar leicht oder normal erzeugt werden - viele können es aber genauso auch nicht."

Ein Beispiel ist das Zeichen für "Körper" in der Amerikanischen Gebärdensprache (ASL): Es erfordert eigentlich eine ausladende Bewegung von den Schultern zu den Hüften, was in den kleinen Fenstern am Computer kaum möglich ist.

Zeichen mit den Fingern sind digital kaum erkennbar

Darüber hinaus sind kleinere Zeichen mit nuancierten Bewegungen, die nur mit den Fingern ausgeführt werden, auf winzigen Bildschirmen nicht so deutlich erkennbar. Auch frontale Bewegungen sind schwierig zu entziffern. Deshalb haben auch neue Zeichen Eingang in die Gebärdensprachen gefunden.

Die weltweit mehreren hundert Gebärdensprachen sind, wie alle anderen Sprachen auch, immer im Fluss und passen sich den jeweiligen Umständen und der Zeit an. Auch ohne Pandemie gibt es Hürden: US-Amerikaner, die ASL beherrschen, verstehen zum Beispiel die britische Gebärdensprache nicht. Die Internationale Gebärdensprache erleichtert zwar die Kommunikation zwischen Gehörlosen auf globalen Konferenzen, gilt aber als rudimentär.

Gesellschaft öffnet sich

Der 23. September ist der internationale Tag der Gebärdensprache. Die deutsche Gebärdensprache wurde erst im Jahr 2002 im Behindertengleichstellungsgesetz gesetzlich anerkannt. In das nationale Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen wurde sie sogar erst im März 2021.

Auf der deutschen UNESCO-Website heißt es, dass sie "erfolgreich zwischen gehörlosen und hörenden Menschen vermittelt und die gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen, kulturellen oder politischen Leben unabhängig von den technischen Kommunikationsmitteln sicherstellt".

Dennoch klaffe zwischen Anspruch und Wirklichkeit nach wie vor eine große Lücke, sagt Stefan Palm-Ziesenitz. Zwar sei die Akzeptanz für Gehörlose in der Gesamtgesellschaft ebenso gewachsen wie die Zahl der Hörenden, die Gebärden-Sprachkurse belegten. Trotzdem würden sich etwa Fernsehsender immer noch schwer damit tun, Gebärdendolmetscher einzusetzen.

Nach Angaben der deutschen UNESCO-Kommission wird die deutsche Gebärdensprache von über 80.000 Gehörlosen genutzt, darüber hinaus auch von Kindern gehörloser Eltern oder von Menschen mit Cochlea-Implantaten.

Gebärdensprache ist "unglaublich sinnlich"

"Viele glauben, dass Gebärdensprache eine vereinfachte Form des Ausdrucks ist, also, wenn man 'Schwimmen' darstellen will, dass man eben Schwimmbewegungen macht und dass man nur bedingt Dinge ausdrücken kann", sagt Kristine Funkhauser der DW.

Das Gegenteil sei der Fall: "Man kann alles ausdrücken, jedes abstrakte Thema, jedes kleinste Gefühl." Kurz vor dem Ausbruch der Pandemie hatte die Opernsängerin mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, die ihre Stimme belasteten. Funkhauser beschloss kurzerhand, Gebärdensprache zu studieren, um Dolmetscherin zu werden.

Die Opernsängerin Kristine Funkhauser lächelt

Die Opernsängerin Kristine Funkhauser studiert Gebärdensprache

Mimik unter Kontrolle

Inzwischen tritt sie neben dem Studium wieder auf, aktuell im Musical "Anatevka (Fiddler on the Roof)" am Westdeutschen Theater Hagen. Ihr Beruf sei für das Dolmetschen eine gute Grundlage: "Die Sprache ist unglaublich sinnlich. Und sie liegt mir, weil ich sehr viel gestikuliere."

Beim Dolmetschen müsse sie sich deshalb manchmal zügeln, gerade weil die Mimik in der Gebärdensprache eine besondere Funktion einnehme. "Im Alltag ziehe ich häufig die Augenbrauen hoch, aber in der Gebärdensprache bedeutet das, eine Frage zu stellen - also muss man das im Griff haben."

Wichtig sind direkter Blickkontakt und gutes Licht

Stefan Palm-Ziesenitz wurde in den 1960er Jahren als Sohn hörender Eltern geboren und arbeitet heute als Filmeditor für eine Produktionsfirma, die Online-Filme in Gebärdensprache erstellt.

"Ich habe mich damals mit meinen Eltern in Lautsprache verständigt", erzählt er. Nach seiner Geburt sei seinen Eltern gesagt worden, dass sich die Lautsprache für Gehörlose am besten eigne. Die Gebärdensprache sei damals als "Affensprache" verpönt gewesen. "Meine Eltern sprachen sehr langsam, damit ich von den Lippen ablesen konnte." Die Gebärdensprache erlernte er erst mit 16 Jahren.

Sein Rat für hörende Menschen, die mit Gehörlosen kommunizieren wollen: "Direkter Blickkontakt, gute Lichtverhältnisse, langsam und in kurzen Sätzen sprechen. Und schreiben Sie Dinge auf Papier, wenn es schwierig wird."

Deutsche Adaption: Torsten Landsberg

Audio und Video zum Thema