Wie ernst ist Irans Drohung mit Urananreicherung? | Asien | DW | 09.06.2018
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Asien

Wie ernst ist Irans Drohung mit Urananreicherung?

Teheran droht mit der Wiederaufnahme der Urananreicherung im großen Stil, nachdem die USA aus dem Atomabkommen ausgestiegen sind. Abrüstungsexperte Oliver Thränert erläutert technische und politische Hintergründe.

Iran Urananreicherungsanlage Isfahan (Imago)

Urananreicherungsanlage Isfahan (Archivbild)

DW: Der Iran behauptet, er habe die nötigen Vorbereitungen für die Produktion von weiteren Zentrifugen zur Urananreicherung getroffen. Da geht es zum einen um die sogenannte "alte Baureihe" IR-1, von denen rund 5000 unter IAEA-Aufsicht in der Anlage in Natans stehen. Angeblich ist der Iran auch in der Lage, die schneller rotierenden Zentrifugen neueren Typs zu bauen. Wie realistisch ist es, dass der Iran diese Zentrifugen in ausreichender Qualität und Quantität herstellen kann?

Oliver Thränert: Dazu dürfte der Iran grundsätzlich in der Lage sein. Seine Ingenieure hatten noch vor Unterzeichnung des Atomabkommens die Zentrifugen der älteren Baureihe, auch in größerer Anzahl, in Betrieb gehabt und bereits Routinen entwickelt, und sie hatten auch mit Zentrifugen modernerer Baureihen Erfahrungen gesammelt. Von daher ist das rein technisch gesehen für den Iran keine große Herausforderung, die sich da stellt.

Natürlich können in jeder Urananreicherungsanlage immer wieder Fehler und Störungen auftreten, bei der Massenproduktion der Zentrifugen und vor allen Dingen beim Massenbetrieb, das ist keine Frage. Aber vom Grundsatz her ist das für Iran keine unüberwindliche Hürde.

Hat der Iran das Abkommen durch seine jüngsten Schritte im Bereich Uran-Anreicherung gebrochen?

Nein, denn es werden jetzt erst Vorbereitungen dafür getroffen, und die Europäer haben ja auch schon signalisiert, dass alles was Iran bis jetzt macht, mit den Bestimmungen des Atomabkommens vereinbar ist, und das hat ja auch die IAEA bestätigt. Allerdings, wenn der Iran jetzt moderne Zentrifugen herstellen würde, wäre das nach meiner Interpretation nicht mit dem Abkommen vereinbar. Er darf zwar Forschung und Entwicklung an moderneren Zentrifugentypen durchführen, aber mit dem Testen dieser Zentrifugen erst nach acht Jahren beginnen. Und beim Ausfall von Zentrifugen dürfen sie nur durch die gleichen, also vom alten Typ IR-1, ersetzt werden. 

Oliver Thränert Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin (Körber-Stiftung/Marc Darchinger)

Oliver Thränert: Jüngste Ankündigungen Irans nicht zuletzt innenpolitisch motiviert

Iran hat also die technischen Fähigkeiten und das Know-how und dank seiner Uran-Vorkommen auch den Rohstoff für eine Anreicherung im größeren Stil als bislang erlaubt. Wie weit wäre er denn damit von einer einsatzfähigen Atomwaffe entfernt?

Das bedürfte natürlich noch einmal erheblicher Schritte. Vor dem Abschluss des Atomabkommens hatte der Iran sein Uran bis zu 20 Prozent angereichert, die höchste Anreicherung, die er erzielt hat. Er müsste jetzt, wenn er sich tatsächlich in Richtung Atomwaffenherstellung bewegen wollte, einen höheren Anreicherungsgrad erzielen. Das ist mit den Zentrifugen, die sie haben beziehungsweise die sie bauen wollen, grundsätzlich möglich. Aber auch damit müssten sie natürlich im Umgang gewisse praktische Erfahrungen sammeln.

Und vor allem: Wenn sie das im größerem Umfang und im industriellen Maßstab tatsächlich tun wollten, während die Inspektoren noch im Iran an den entsprechenden Einrichtungen ihrer Tätigkeit nachgehen, würde das natürlich sofort erkannt und hätte dann wahrscheinlich auch die entsprechenden internationalen Konsequenzen zur Folge.

Vom hochangereicherten Uran ist es dann noch ein ziemlich großer Schritt, um tatsächlich eine Atomwaffe herzustellen. Allerdings hat der Iran offenbar entsprechende Blaupausen erhalten und in der Vergangenheit weitreichende Schritte unternommen, um Atomsprengköpfe herzustellen. Aber auch da kommt es natürlich darauf an, solche Dinge möglichst zuverlässig herzustellen und auch zu testen, wie das Nordkorea vorgemacht hat.

Der letzte Schritt ist dann die Konstruktion eines Sprengkopfs, der als Nutzlast einer ballistischen Rakete zuverlässig funktionstüchtig ist. Natürlich gibt es Atombomben, die mit Flugzeugen transportiert werden können, aber dafür müsste man die gegnerische Luftabwehr überwinden, um die Bombe ins Ziel zu bringen. Das ist für ein Land wie Iran sehr schwierig, dessen Kampflugzeuge beispielswiese gegenüber Israel und der dortigen Luftabwehr eine sehr geringe Eindringwahrscheinlichkeit haben.

Iran Religionsführer Ali Khamenei (Leader.ir)

Chamenei: Iran darf nicht unter Sanktionen und Begrenzung des Atomprogramms leiden

Warum unternimmt der Iran diese indirekten Drohgebärden, indem er auf seine Uranreicherungskapazitäten verweist? Was will er damit bewirken?

Die Iraner versuchen Druck auf die Europäer auszuüben, damit diese sich dafür einsetzen, dass iranische Ölexporte weiterhin getätigt werden können. Sie wollen klarmachen: Wenn es tatsächlich dazu kommt, dass sich die Europäer wegen der amerikanischen Sanktionsdrohungen aus dem Iran-Geschäft zurückziehen und die Erdölexporte nicht ermöglicht werden können, dann gibt es für Iran nur noch wenig Gründe, sich an das Atomabkommen zu halten. Das aktuelle Verhalten des Iran mag aus den Augen der EU als kontraproduktiv gesehen werden, aber dahinter steckt nicht zuletzt iranische Innenpolitik.

Irans Führer Chamenei erklärte vor kurzem, der Iran werde niemals tolerieren, dass er gleichzeitig unter Sanktionen wie unter nuklearen Restriktionen "zu leiden" hätte. Inwiefern "leidet" der Iran unter den Auflagen für sein Atomprogramm?

Das ist für den zivilen Bereich nicht der Fall. Iran hat ja derzeit nur einen einzigen Atomreaktor in Betrieb, nämlich den in Buschehr. Der wird mit Brennstäben aus Russland beliefert. Insofern gibt es momentan aus Sicht der zivilen und friedlichen Nutzung der Kernenergie für Iran keine Notwendigkeit, selber Uran anzureichern. Natürlich führen die Iraner an, sie wollten weitere Reaktoren bauen und dafür müssten sie auch über die Technologie zur Urananreicherung verfügen. Aber das ist alles Zukunftsmusik.

Oliver Thränert ist Leiter des Think Tanks am Zentrum für Sicherheitsstudien der ETH Zürich

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