Wie Erdogan die türkische Lira zum Absturz bringt | Europa | DW | 04.06.2021
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Geldpolitik

Wie Erdogan die türkische Lira zum Absturz bringt

Die türkische Regierung bekommt die Turbo-Inflation nicht in den Griff. Trotzdem fordert Erdogan niedrige Leitzinsen von der Zentralbank. Eine verhängnisvolle Geldpolitik: Die Talfahrt der türkischen Lira geht weiter.

Dass sich die türkische Wirtschaft in einem desolaten Zustand befindet, ist nichts Neues: Seit über zwei Jahren ist die türkische Lira unaufhaltsam im Sinkflug. Wie fragil die Währung ist, zeigt die Reaktion auf ein Interview des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan diese Woche mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender TRT. Nur eine Satz genügte, um die türkische Lira auf ein neues Tief zu befördern.

Er, Erdogan, fordere Zinssenkungen und habe mit dem Notenbankchef Sahap Kavcioglu bereits geredet. "Wir müssen die Zinsen auf jeden Fall senken", sagte der Präsident sehr bestimmt. Gleich im Juli oder August wolle man diesen Schritt einleiten. Eine Aussage, die sich unmittelbar auf dem Devisenmarkt bemerkbar machte: Noch in der Nacht nach dem Interview musste man für einen Dollar zeitweise bis zu 8,80 Lira bezahlen, für einen Euro sogar 10,60 Lira. Das war mehr als jemals zuvor.

Türkei Istanbul | Geldwechselgeschäft | Türkische Wirtschaft

Die türkische Lira befindet sich im freien Fall.

Erdogans verhängnisvolle Niedrigzinspolitik

Erdogan gilt als Befürworter eines niedrigen Leitzinses. Der Präsident erhofft sich, dass Kredite so billiger werden, was im Endeffekt das Wirtschaftswachstum ankurbelt. An sich kein schlechtes Rezept, nur stimmen die Voraussetzungen dafür nicht. Denn seit Monaten zieht die Inflation in der Türkei an - die Verbraucherpreise sind in den letzten Monaten stetig angestiegen. In den meisten Volkswirtschaften ist es üblich, in Zeiten der Inflation den Leitzins zu erhöhen.

Der Journalist und Wirtschaftsexperte Erdal Saglam ist nicht überrascht, dass nur eine einzige Aussage ausreichte, um die Lira zum Absturz zu bringen. "Die Inflation in der Türkei ist wieder auf 17 Prozent angestiegen. Der Aufwärtstrend hält an. Auf der ganzen Welt ist zuletzt die Inflation angestiegen und überall denkt man eher an Zinserhöhungen. Das ungewöhnliche Bekenntnis der Türkei zu Zinssenkungen - trotz steigender Inflation - löst unweigerlich Panik aus", so Saglam.

Die Zentralbank in den Fängen Erdogans

Für viele Zuschauer war das Fernsehinterview außerdem der endgültige Beweis dafür, dass der Präsident dem Notenbankchef Anweisungen gibt und somit geldpolitische Entscheidungen der Zentralbank mitgestaltet - üblicherweise handelt die Notenbank unabhängig von der Politik.

Nicht aber in der Türkei: In der jüngsten Vergangenheit setzte der türkische Präsident die türkische Notenbank immer wieder unter Druck. Regelmäßig ließ er hohe Beamten der Zentralbank entlassen, weil sie sich weigerten, den Leitzins zu senken. Zuletzt ließ er den Vizechef der türkischen Zentralbank, Murat Cetinkaya, seines Amtes entheben. Zehn Tage zuvor musste bereits Notenbankchef Naci Agbal dran glauben. Er ersetzte ihn durch Sehap Kaviolgu - ein ehemaliger Abgeordneter der türkischen Regierungspartei AKP. In nur 20 Monaten wurde zum dritten Mal der Notenbankchef ausgewechselt.

Türkei | türkischer Zentralbankpräsident Naci Agbal

Auch den dritten Notenbankchef, Naci Agbal, entlässt Erdogan in kürzester Zeit

"Die ständigen Wechsel im Vorstand der Zentralbank in den letzten zwei Jahren verbreitete auf den Märkten den Eindruck, dass der Notenbankchef sofort entlassen wird, sofern er nicht nach dem Willen des Präsidenten handelt (…) Daher reagieren die Märkte jetzt ängstlich", meint auch Saglam. 

Die ständigen Wechsel an der Spitze der Notenbank führen offensichtlich zu einer undurchsichtigen Geldpolitik : Ende letzten Jahres erhöhte die türkische Zentralbank überraschender Weise den Leitzins kräftig, um die Turbo-Inflation in den Griff zu bekommen. Zuvor musste die Zentralbank seit Juli 2019 nach dem Willen des Präsidenten den Leitzins schrittweise von 24 auf 8,25 Prozent senken.

Ausländische Investoren sind skeptisch

Saglam ist der Auffassung, dass diese unübersichtliche Währungspolitik ausländische Investoren abschrecke. "Die Türkei ist ein Land mit einem hohen Außenhandelsdefizit und daher auf ausländisches Kapital angewiesen. Es ist zwingend notwendig, rationale Richtlinien anzuwenden, um den Fluss ausländischer Geldquellen aufrecht zu halten." Um das zu erreichen, was Erdogan anstrebt - nämlich hohes Wirtschaftswachstum - müsse der Fluss ausländischer Ressourcen wiederhergestellt werden, so Saglam.

Eine weitere Kontroverse trug zuletzt dazu bei, dass die türkische Bevölkerung Vertrauen in die Geldpolitik der türkischen Regierung und der ihr nahestehenden Zentralbank verloren hatte: Die türkische Regierung verkaufte Devisenreserven im Wert von 128 Milliarden US-Dollar; im Prinzip handelt es sich um ein legitimes Mittel einer Zentralbank, um Währungsschwankungen auszugleichen oder die nationale Währung zu stabilisieren.

Türkei | CHP Vorsitzender | Kemal Kilicdaroglu

128 Milliarden US-Dollar. Die Regierung habe Währungsreserven verschwendet, sagt die Opposition

Wo sind die 128 Milliarden Dollar?

Genau dafür sei das Geld auch ausgegeben worden, rechtfertige sich Präsident Erdogan. Doch die Opposition verdächtigt Erdogan und die Regierung, die Devisen auf illegalem Wege und im Verborgenen verkauft zu haben. Ein Verdacht, der sich aus Sicht der Opposition dadurch erhärtete, dass der Verkauf der Devisenreserven nicht von der dafür vorgesehen Zentralbank, sondern vom Finanzministerium durchgeführt wurde - das Ministerium wurde zum Zeitpunkt des Verkaufs von Erdogans Schwiegersohn Berat Albayrak geleitet.

Aber auch, wenn beim Verkauf der Währungsreserven alles richtig gelaufen sein sollte: Den beispiellosen Absturz der Landeswährung konnte auch diese Aktion nicht beenden.

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