Wie der Giro d′Italia Werbung für Israel machen soll | Sport | DW | 03.05.2018
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Giro d'Italia

Wie der Giro d'Italia Werbung für Israel machen soll

Für Israel ist es das größte Sportereignis in der Geschichte des Landes: Der Giro d'Italia startet in Jerusalem. Die Regierung hofft auf ein unbeschwertes Sportfest, doch der Nahostkonflikt lässt sich nicht ausblenden.

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Historischer Start des Giro in Israel

Seit Tagen läuft im israelischen Radio Werbung für das zweitwichtigste Radrennen der Welt. Für Israel ist der Start des Giro d'Italia im eigenen Land noch mehr: Es ist das größte Sportereignis in der Geschichte des Staates, der gerade 70 Jahre alt geworden ist. Ran Margaliot ist der Manager der Israel Cycling Academy, dem einzigen Profiteam des Landes. Für den Start beim Giro erhielt das Team eine Wild Card. Israel sei anders, meint der frühere Profi. Die Fahrer würden an Orten vorbeifahren, an denen vor Tausenden Jahren die Geschichte der Juden begann. Auch topographisch habe das Land viel zu bieten: Wüste, Berge, Wälder und das Meer. Margaliot sagt: "Für uns ist es eine wunderbare Gelegenheit, der Welt unser Land zu präsentieren."

Israel ist ein kleines Land. Und mit Blick auf seine Nachbarländer isoliert. Der sportliche Blick geht daher in Richtung Europa. Dass nun der Giro nach Israel kommt, macht Ran Margaliot sehr stolz. Geht es nach dem israelischen Teammanager, wird der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern während der Rennen keine Rolle spielen. "Wir wollen allen Radfahrern der Welt das Land aus einer anderen Perspektive präsentieren", sagt Margaliot. "Wir wollen nicht immer der Ort sein, von dem aus politischer Sicht berichtet wird, sondern wollen zeigen, dass es hier auch ein normales Leben gibt."

Tony Martin: "Man hört viel Schlimmes über Gaza"

Israel - Radrennen Giro d'Italia in (Hammer)

Das Israel Cycling Academy Team: "Wir wollen nicht der Ort sein, von dem nur politisch berichtet wird"

Ein berechtigtes Interesse und sicher kein falscher Ansatz. Schließlich wird der Giro in 197 Ländern übertragen, die Veranstalter rechnen weltweit mit bis zu einer Milliarde Zuschauern. Das Radrennen, das auf israelischem Boden in drei Etappen von Jerusalem (Auftaktzeitfahren) über Haifa und Tel Aviv (2. Etappe) sowie Be'Er Sheva bis nach Eilat (3. Etappe) führt, als Schaufenster Israels. Mit Werbespots und Kampagnen versucht Israel bereits seit Jahren, mehr europäische Touristen anzulocken. Der Giro dürfte sich in diese Strategie einfügen. Und das lässt sich das Land etwas kosten: Fast 28 Millionen Euro zahlen die Gastgeber für den Ausflug des Giro nach Israel, heißt es beim israelischen Tourismus-Ministerium. Ein Viertel davon trägt die Regierung, den Rest zahlen Sponsoren. Das Ziel: Werbung für Israel und ein möglichst unbeschwertes Bild des Landes.

Aber stimmt dieses Bild? Der vierfache Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin kommt mit einem mulmigen Gefühl nach Israel: "Klar hört man viel Schlimmes über Gaza. Ich muss mich da auf die Organisatoren verlassen, dass die eine gute Einschätzung der Gefahrenlage machen. Was in den letzten Monaten hier passiert ist, konnte leider niemand vorhersehen", sagt er und meint damit auch die geplante Verlagerung der US-Botschaft in den Giro-Startort Jerusalem und die damit verbundenen Spannungen zwischen Israelis und Palästinensern. Und mitten durch diese Auseinandersetzungen soll eine bunte Werbekolonne radeln? Das gefällt einigen Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch gar nicht. Und manche Kritiker befürchten auch Protest oder sogar eine Gefahr für den Giro, zumal ein Radrennen letztlich kaum zu schützen sei. "Leidtragende sind wir Sportler", fürchtet der deutsche Profi Robert Wagner. "Es sollte der Sport im Vordergrund stehen, aber das wird es leider nicht." Selbst die Diskussionen um die ungeklärte Doping-Affäre von Giro-Favorit Chris Froome treten in den Hintergrund.

Das Ziel: schöne und gewaltfreie Bilder von der Strecke

Radsport 2018 GIRO D'ITALIA in Israel (Getty Images/AFP/T. Coex)

Fahrt ins Ungewisse: Geht es beim Giro in Israel nur um sportliche Leistungen?

Und selbst die israelische Regierung sorgte für Unruhe: Als die italienischen Organisatoren des Giro den Start in Jerusalem bekanntgaben, sprachen sie von West-Jerusalem. Eine übliche Bezeichnung, denn den Osten der Stadt beanspruchen auch die Palästinenser. Israels Sportministerin Miri Regev war außer sich. Es gebe nur ein unteilbares Jerusalem und das liege in Israel. Regev drohte den Organisatoren, die staatlichen Fördergelder zu streichen. Wenige Tage später sprachen die Giro-Planer nur noch von "Jerusalem". Der Auftakt des Giro, ein Zeitfahren in Jerusalem, wird übrigens nur durch den Westen der Stadt führen. Die Sicherheitslage: angespannt. Was aber nichts mit dem Giro zu tun hat, sondern mit der allgemeinen Situation in Israel. Die israelische Polizei setzt auf Überwachungskameras, Helikopter und Anti-Terror-Einheiten. Ein großes Aufgebot für möglichst schöne und gewaltfreie Bilder von der Strecke.

Im Vorfeld des Rennens hatten mehrere Fahrer Bedenken wegen der Sicherheitslage geäußert. Und der Nahostkonflikt lässt sich in diesen Tagen nur schwer verdrängen. An der Grenze zwischen dem Gazastreifen und Israel kommt es seit Wochen zu heftigen Zusammenstößen zwischen Israelis und Palästinensern. Dutzende Palästinenser wurden getötet. Der Deutsche Rüdiger Selig will sich dennoch auf die positiven Aspekte des Rennens konzentrieren. Er fährt für das Team Bora-hansgrohe. Jerusalem und die historische Altstadt: Das sei etwas Besonderes. Die Stimmung in Israel: etwas anderes als Europa. Seligs Teamchef Ralph Denk wird für eine Stadtrundfahrt durch Jerusalem wohl keine Zeit haben. Der große logistische Aufwand des Giro-Starts in Israel beschäftigt ihn sehr. "Normalerweise ist es mein Job als Teammanager, dafür zu sorgen, dass sich die Rennfahrer in Ruhe auf so große Ereignisse wie den Giro vorbereiten können", sagt Denk. "Deshalb ist der Start außerhalb schon etwas aufwendig."

Bis zu 40 Grad in der Wüste Negev

GIRO d'ITALIA 2011 - 9. ETAPPE 2011 am Ätna (picture-alliance/Augenklick/Roth)

Temperatursturz? Der Weg zurück ins kühlere Italien ist eine Herausforderung für die Physis der Fahrer

Und die Fahrer erwartet ein dichtes Programm: Nach dem Einzelzeitfahren in Jerusalem und der Etappe von Haifa nach Tel Aviv geht es auf dem dritten Tagesabschnitt von Be'er Sheva nach Eilat mitten durch die Wüste Negev. Die Temperaturen könnten auf bis zu 40 Grad steigen. Denk sagt: "Das ist alles zusätzlicher Stress für die Fahrer." Die klimatischen Bedingungen - ein echter Kontrast zu denen im noch frühlingshaften Italien. Ralph Denk fordert, dass seine Fahrer die Regenerationszeiten genau einhalten. Das Ziel: Bloß keine grippalen Infekte durch den Temperaturunterschied. 

Am Montag werden die Teams und ihre Ausrüstung nach Catania geflogen. Sieben Flugzeuge stehen auf dem Flughafen Uvda, nördlich von Eilat bereit, während ein zweiter Versorgungstross schon in Italien auf die Fahrer wartet. Schon einen Tag nach dem Flug warten dann die Hügel von Sizilien auf die Fahrer.

Benjamin Hammer ist Korrespondent im ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv.

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