Wie das Bauhaus nach Maria Laach kam | Kunst | DW | 22.12.2019
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100 Jahre Bauhaus

Wie das Bauhaus nach Maria Laach kam

In einem Kloster in der Eifel, weit weg von Weimar und Dessau, lebt das Bauhaus weiter. Hier werden die Entwürfe von Theodor Bogler wieder hergestellt. Er war Mönch und einer der bekanntesten Keramiker des Bauhauses.

Fünfzehn Benediktinermönche versammeln sich zum Mittagsgebet im Chor der Abtei Maria Laach, einem Juwel der romanischen Architektur. Imposant füllt ihr Gesang das historische Gemäuer. Die Wallfahrtskirche Maria Laach ist ein beliebtes Ausflugsziel. Ihre Lage am größten See der Vulkaneifel zieht nicht nur Pilger an, sondern auch viele Touristen. Auch solche, die sich für Religion gar nicht interessieren, sondern für modernes Design.

Seit zwölf Jahren ist das Kloster die Heimat von Stephan Oppermann, der in Maria Laach Bruder Stephan heißt. Der 32-Jährige verfolgt hier aber nicht nur eine religiöse Mission. Er kümmert sich in Maria Laach auch um das Erbe des Bauhauses. Seit rund elf Jahren werden unter seiner Aufsicht in einer kleinen Werkstatt Keramiken in der Tradition des Bauhauses hergestellt, nach Vorlagen von Theodor Bogler.

Bruder Stephan mit Keramiken von Theodor Bogler in in der Manufaktur Maria Laach. (DW/S. Oelze)

Bruder Stephan kümmert sich um die Produktion der Bogler-Keramiken

Bogler ging zuerst ans Bauhaus und dann ins Kloster

Sein Lebensweg führt Theodor Bogler allerdings nicht direkt ins Kloster. Er macht einen Umweg übers Bauhaus. In Weimar erlernt Bogler nach abgebrochenem Architekturstudium das Töpferhandwerk. Bogler besucht die Keramische Werkstatt in Dornburg bei Weimar. Dort studiert er vier Jahre lang bei prominenten Lehrern wie dem Bildhauer Gerhard Marcks und dem Töpfermeister Max Krehan.

Für das Haus am Horn, das erste Mustergebäude des Bauhauses in Weimar, entwirft Bogler cremefarbene Vorratsbehälter für Mehl, Reis und Zucker sowie Vorratsflaschen. Ihre Farbe passt zur legendären Frankfurter Küche, die damals erfunden wird. "In der Bauhaus-Rezeption wird Bogler in Bezug auf die Weimarer Phase als einer der wichtigsten Keramiker angesehen, neben Margret Friedländer und Otto Lindich. Es ging ihnen um die Loslösung der Keramik von ihrer irdischen Vergangenheit oder Lebensform in die Richtung industrieller Produktion", sagt Werner Möller von der Bauhausstiftung Dessau im DW-Interview.

Keramiken nach dem Vorbild von Theodor Bogler in in der Manufaktur Maria Laach. (DW/S. Oelze)

Rohlinge warten auf Verarbeitung in der Manufaktur Maria Laach

Manufaktur Maria Laach produziert Bogler-Keramiken

Heute entstehen in der Manufaktur in Maria Laach wieder Boglers farbenfrohe Tassen, Vasen und Teekannen in Handarbeit. 6000 seiner Entwurfs-Zeichnungen lagern im Archiv des Klosters. Sie alle bestechen durch klare Formen, Funktionalität, schlichte Schönheit und erschwingliche Preise. Neben der Küchengarnitur für das Haus am Horn gehören die sogenannte "Mokka-Maschine" und die "Kombinationsteekanne" zu Boglers bekanntesten Keramiken. "Die Kanne ist zusammengesetzt aus einem Halbkreis und einem Zylinder", erklärt Bruder Stephan. "Sie besteht aus vielen Einzelelementen, die sich mehrfach zusammensetzen lassen." Daher ihr Name: "Kombinationsteekanne."

Grundlagen für die Massenproduktion des Bauhauses

Theodor Boglers Kombinationsteekanne entspricht im Kleinen perfekt der Idee des Baukastensystems, entwickelt von Walter Gropius, dem Gründungsdirektor des Bauhauses. Seine Idee:Vorgefertigte Raumkörper auf der Baustelle nur noch zusammensetzen, um Zeit und Kosten zu sparen. Normierte Fertigteile werden miteinander verbaut.

Die Kombinationsteekanne in gelb sowie Vasen und Becher von Theodor Bogler stehen in einem Regal. (DW/S. Oelze)

Die Kombinationsteekanne in Gelb sowie Vasen und Becher nach der Vorlage von Theodor Bogler

"Diese Kanne war ganz klar eine sehr konstruktivistische Einstellung, die ohne ein liturgisches Zeichen oder ein anderes religiöses, politisches oder philosophisches Signet auskommt. Sie ist erst einmal per se neutral." Dem Bauhaus sei es darum gegangen, der Allgemeinheit zu dienen und die Allgemeinheit zu erreichen, so Werner Möller über das Konzept.

Von der Front zum Bauhaus und danach ins Kloster

Theodor Bogler, geboren 1897 in Hofgeismar, ist gut 20 Jahre alt, als er sich entscheidet, ein neues Leben zu beginnen und am Bauhaus zu studieren. Zuvor ist Bogler ein hochdekorierter Leutnant im Ersten Weltkrieg. Als er seinen Dienst quittiert, stellt sich 1918 für ihn die Frage, wie er sein Leben künftig gestalten wolle. Er möchte ein Handwerk erlernen. Die Zeit der Gründung des Bauhauses im Jahr 1919, die Jahre direkt nach dem Ersten Weltkrieg, ist in Deutschland eine Zeit der Veränderungen. Das Bauhaus mit seinem Willen zur Konzentration und Schlichtheit gibt Bogler die Möglichkeit, sich von bekannten Lebensmustern zu verabschieden und einen neuen beruflichen Weg einzuschlagen. Theodor Bogler will - wie so viele seiner Generation - nicht mehr so leben wie die Eltern. Er ist - so wie Bauhaus-Gründer Walter Gropius -gezeichnet von den Traumata der Schlachtfelder, den Schrecken des Krieges.

Mehrere glasierte Bogler-Becher stehen in einem kleinen Regal nebeneinander. (DW/S. Oelze)

Verkaufsschlager ist der Bogler-Becher. Wie alle anderen Keramiken auch wird er von Hand gedreht.

"Man kam aus den Gräben der Schlachten in ein verarmtes Land, die Scham des Versailler Vertrages noch im Hinterkopf, und in irgendeiner Weise suchte man Halt und Orientierung", erklärt Bruder Stephan beim Rundgang über das Klostergelände.

Bauhaus knüpft an Tradition der Bauhütten an

Halt und Orientierung verspricht schon der Name Bauhaus, der 1919 gewählt wird - und zwar in Anlehnung an die mittelalterlichen Bauhütten. Die Kathedrale wird zum Leitmotiv des Bauhauses. Im Mittelpunkt stehen das Leben in Gemeinschaft sowie das gemeinsame Arbeiten an einem Werk. Ziel ist die Abkehr vom Geniekult. Handwerker und Künstler sollen gemeinsam ein Gesamtkunstwerk schaffen. Theodor Bogler, der im Krieg so viel Elend erlebt hat, gefällt der Gemeinschaftssinn, die Aufbruchsstimmung und die positive Energie am Bauhaus, aber auch die Konzentration auf das Wesentliche. Er liebt die Töpferwerkstatt, in der er arbeitet: draußen in der Natur, in Dornburg, außerhalb von Weimar. 1925 wird er kaufmännischer Leiter der Töpferwerkstatt.

Wie ein erfolgreicher Bauhäusler den Weg ins Kloster findet

Die Wende in seinem Leben bringt der plötzliche Tod seiner Ehefrau. Der Schicksalsschlag bringt den Bauhäusler Bogler dazu, dem Benediktinerorden beizutreten. Er sucht nach einem Leben in Gemeinschaft, das noch intensiver ist als beim Bauhaus. Er interessiert sich schnell für die "Liturgische Bewegung", die unter dem Theologen Romano Guardini in den Nachkriegsjahren an Bedeutung gewinnt. Denn nicht nur das Bauhaus, auch die Kirche probiert damals Neues aus. Maria Laach gilt zu der Zeit als wichtiges Zentrum der liturgischen Bewegung. Bogler zieht am 4. Januar 1927 um - von Weimar in die Vulkaneifel ins Kloster.

Seine Bauhaus-Vergangenheit lässt er aber nicht ganz hinter sich. Er richtet nicht nur die Keramikwerkstätten in Maria Laach ein, er bringt auch Walter Gropius, Marcel Breuer und andere Bauhaus-Kollegen dazu, für das Kloster einen Gebäudetrakt zu entwerfen.

Außenansicht des Bauhaus-Gebäudes in Maria Laach. (DW/S. Oelze)

Wer in Maria Laach als Gast übernachtet, wohnt in diesem Bauhaus-Gebäude

Wer heute als Gast zur Einkehr nach Maria Laach kommt, übernachtet in einem Bauhaus-Gesamtkunstwerk: von der Türklinke übers Treppengeländer bis hin zum Deckenlicht - alles Bauhaus. 1931 entworfen von Martin Weber, Marcel Breuer und Walter Gropius. "Da sind noch die original Fenster zu sehen. Sogar die Gardinen sind festgeschrieben, wodurch sich das Karo aus den Fenstern in den Gardinen wiederholt", erläutert Bruder Stephan.

Maria Laach wurde im Bauhausjahr vergessen

2019 war das Jahr des 100-jährigen Bauhausjubiläums mit vielen Veranstaltungen. Doch "Religion und Bauhaus" - das spielte kaum eine Rolle. Stephan Oppermann hat deshalb im Jubiläumsjahr auf eigene Faust eine Ausstellung kuratiert, die Theodor Bogler in den Mittelpunkt stellt und mit 500 Objekten bis zum 20. Februar 2020 den vergessenen Keramiker und seinen Kollegen Otto Lindig feiert. Gewürdigt werden soll das Leben eines Keramikers und Mönches, der immer wieder aufgebrochen ist und neu angefangen hat.

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