Wie britische Künstlerinnen trotz Corona weiterarbeiten | Kunst | DW | 25.10.2020
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Großbritannien in der Krise

Wie britische Künstlerinnen trotz Corona weiterarbeiten

Die Corona-Krise verändert die Kultur. Auch in Großbritannien sind Künstlerinnen auf staatliche Unterstützung angewiesen. Doch die ist nicht gerade rosig.

Leere Tische vor dem Prince Edward Theater in London/Soho

Gähnende Leere vor Londons Theatern

Eltern sitzen neben ihren Kindern auf Holzbänken im Innenhof der St. Paul's-Kirche im Londoner Covent Garden. Die Sonne scheint. Emily Bairstow, Regisseurin des Theaterstücks "Fiona und der Fuchs", bittet die Kinder unter den Zuschauern, sich vorzustellen, wie die Hauptfigur Fiona aussehen könnte. "1,80 Meter groß, blaue Augen", schlagen die Kinder kichernd vor. Das Theaterstück unter freiem Himmel zieht die Kinder in seinen Bann.

Zum ersten Mal seit Beginn der Corona-Krise spielt die Wild Geese Theatre Company (WGTC) wieder live vor Publikum. Bekannt ist sie vor allem für ihre immersiven Theatererlebnisse. Emily Bairstow und ihre Kollegen mussten sich komplett umstellen, weil sie sich fast nur noch digital trafen. "Die Online-Proben fühlten sich zunächst fremd an", sagt sie. "Zoom- und Teams-Meetings wurden zu zusätzlichen Mitgliedern unseres Teams", ergänzt sie lächelnd.

Staatliche Hilfe für die Künste

Bairstow ist nicht nur Regisseurin, sondern auch Schauspielerin der "Smooth-Faced Gentlemen" - einer rein weiblichen Shakespeare-Performance-Gruppe in London. Anfang März 2020 wurde sie praktisch über Nacht arbeitslos, nachdem der britische Premierminister Boris Johnson den ersten landesweiten Lockdown verkündet hatte. Nun steigen in London die Infektionszahlen wieder an. Erneut macht sich Unsicherheit breit, weil strengere Beschränkungen kommen könnten. Doch Angst hat Bairstow nicht.

Video ansehen 01:46

Lokaler Lockdown für britische Hotspots (21.10.2020)

Finanzielle Unterstützung durch das britische Arts Council und den Victoria Westminster Business Improvement District ermöglichten es der Regisseurin und Schauspielerin, einen Teil der Verluste ihrer abgesagten Aufführungen aufzufangen und stattdessen eine Reihe von Workshops für Kinder zu initiieren.

Mehr als 15.000 Theateraufführungen gestrichen 

Allein in den ersten zwölf Wochen des Lockdowns wurden in Großbritannien mehr als 15.000 Theateraufführungen gestrichen. Dadurch entstand ein Verlust von rund 330 Millionen Euro an Einnahmen. Schätzungen zufolge wurden 2020 neunzig Prozent aller Musikfestivals abgesagt.

Menschen sitzen im Grünen und sehen sich das Theaterstück Fiona and the Fox von Emily Bairstow in London an (Foto: Charlene Rodrigues).

Unter freiem Himmel: Theaterprojekt "Fiona und der Fuchs" findet draußen statt

Das Kulturministerium Großbritanniens hat dem Kultursektor rund 1,7 Milliarden Euro in Form von Subventionen und Darlehen zur Verfügung gestellt, um die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie abzumildern. Davon profitierten selbständige Künstlerinnen und Künstler genauso wie Theaterorganisationen. Rund 130 Millionen Euro an Unterstützung durch den britischen Arts Council fließt direkt an Einzelpersonen, wobei 25 Millionen Euro bereits an Freiberufler ausgezahlt wurden, die restliche Summe steht derzeit noch für weitere Antragsteller zur Verfügung. Allerdings ist es nicht einfach, die staatliche Unterstützung zu erhalten.

Theater trotz Corona

"Als Gesellschaft mit beschränkter Haftung hatte ich keinen Anspruch auf Geld von der Regierung", sagte Janice Connolly, die Gründerin der in Birmingham ansässigen "Women and Theatre"-Kompanie. Connolly hat mehrere Jobs gleichzeitig: Sie ist die künstlerische Leiterin der Gruppe, außerdem Schauspielerin und Comedy-Star. In Großbritannien ist sie für ihr Alter Ego "Barbara Nice" bekannt: eine Hausfrau aus dem Norden mit einem Herz aus Gold, Mutter von fünf wilden Teenagern und Gattin eines nichtsnutzigen Ehemanns im Ruhestand. Alle Live-Auftritte, die sie für die nächsten drei Monate geplant hatte, seien abgesagt oder ohne Datum verschoben worden, sagt sie.

Janice Connolly mit schwarzer Brille und verschränkten Armen lehnt an einer schwarzen Backsteinmauer (Foto: Graeme Braidwood).

Nicht alle haben Anspruch auf Unterstützung, bedauert Schauspielerin und Comedian Janice Conolly

Connolly ist eine von vielen Künstlerinnen, die unter der Corona-Pandemie leiden. Die preisgekrönte Londoner Schauspielerin und Filmproduzentin Lizzie Worsdell spürt nicht nur die finanziellen Folgen durch die neue Situation, sondern sieht auch ihre psychische Gesundheit in Gefahr. "Ich lebe allein, daher ist es manchmal ziemlich hart", sagte sie im Interview mit der DW. Sie sei gerade mitten in den Filmarbeiten ihres ersten Films gewesen, als "die meisten Geldgeber ihre Anträge aussetzten." Ihr Debüt handelt von einer Frau, die in ihren späten Dreißigern isoliert und vereinsamt.

Künstlerinnen leiden besonders

Ein Thema, das schon vor der Pandemie viele Frauen beschäftigte und nun zusätzlich auch noch Worsdell selbst doppelt hart traf. Nach einer zweimonatigen Unterbrechung der Dreharbeiten beschloss Worsdell, gemeinsam mit ihrem Regisseur und der rein weiblichen Crew den Film trotz aller Herausforderungen und Widrigkeiten und unter Einhaltung der Hygienevorschriften zu drehen. Die Premiere ist für Ende 2020 geplant.

Porträtfoto von Lizzie Wordsell (Foto: Phill Pentecost).

Lizzie Wordsell unterbrach die Dreharbeiten für ihr Debüt nur kurz

Worsdell möchte mit ihrem Film auch die Erwartungen der Gesellschaft an Frauen thematisieren. "Das Leben hört nicht mit 25 auf, aber wenn man sich Hollywood manchmal anschaut, sollte man meinen, dass es das tut", sagte sie der DW. Ihr nächster Film, "The Carer" (Die Betreuerin), handelt von einer abwesenden Tochter, die ihr bisheriges Leben von jetzt auf gleich auf Eis legt, um inmitten der COVID-19-Pandemie, für ihre betagte Mutter zu sorgen.

Britische Regierung schätzt Kreative zu wenig

Spice Girls, Florence Welch, Leona Lewis, Adele oder Tracey Emin: Ob britischer Film, Musik oder bildende Kunst - Frauen spielen eine große Rolle in einer Branche, die vor COVID-19 nach offiziellen Schätzungen im Jahr 2018 eine Bruttowertschöpfung von mehr als 35 Milliarden Euro generiert haben soll.

Auch andere Länder haben hohe Summen in die Rettung dieses wichtigen Wirtschaftssektors investiert, so zum Beispiel die deutsche Regierung, die ein 50 Milliarden Euro-Rettungspaket für den kreativen und kulturellen Sektor des Landes geschnürt hat - im Vergleich zu "nur" rund 1,7 Milliarden Euro in Großbritannien.

Emily Bairstow weist darauf hin, dass die deutsche Regierung den tatsächlichen Bedarf der Kreativwirtschaft vor allem mit ihren Fachleuten diskutiert und angesprochen hat: "Wir brauchen eine Regierung, die den Einfluss von Kunst und Kultur auf Innovationen und das Wohlergehen der Gesellschaft anerkennt", sagt sie.

Für Janice Connolly sind Theater immer dringender benötigte sichere Räume, in denen Menschen zusammenkommen, um Geschichten auszutauschen, zu lachen, zu weinen, zu denken und voneinander Kraft zu schöpfen.

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