Wie bauen wir in der Zukunft? | Kultur | DW | 22.07.2021
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Architektur

Wie bauen wir in der Zukunft?

Die Baubranche belastet das Klima und beutet Ressourcen aus. Anna Heringer fordert auf dem Architektur-Weltkongress eine Besinnung auf regionale Materialien.

Architektin Anna Heringer sitzt in einem Lehmhaus

Die Architektin Anna Heringer plädiert für nachhaltiges Bauen

Regionale Klimabedingungen, die Beschaffenheit des Bodens, die zur Verfügung stehenden Materialien: Die Herausforderungen und Bedingungen beim Hausbau sind abhängig von lokalen Gegebenheiten und Notwendigkeiten.

Die Corona-Pandemie hat die Bauwirtschaft jetzt global vor ein identisches Problem gestellt: Denn die vergangenen eineinhalb Jahre haben aufgezeigt, wie fragil der Welthandel ist, wie schnell die Nachfrage das Angebot übersteigen und Lieferengpässe verursachen kann.

Auch die Transportwege stehen auf dem Prüfstand. Materialien per Lkw und Schiff mit hohen CO2-Bilanzen um die ganze Welt zu transportieren, erscheint angesichts des Klimawandels und mangelnder Rohstoffe nicht mehr zeitgemäß.

Auf einer ehemaligen Waldfläche stehen ein paar karge Stämme

Trockene Sommer und der Borkenkäfer setzen den deutschen Wäldern zu und verknappen das Angebot an Rohholz

"Wir müssen uns viel mehr auf lokale Ressourcen beziehen", sagt die Architektin Anna Heringer im Gespräch mit der DW. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen diskutiert sie auf dem 27. Weltkongress der größten internationalen Architektenvereinigung UIA über nachhaltiges Bauen.

"Die Resilienz ist am größten, wenn man nicht von externen Märkten abhängig ist", sagt Heringer. "Wir haben überall fantastisches Baumaterial: den Lehm." Mit dem Rohstoff beschäftigt sich Heringer seit dem Studium. Ihre Arbeiten sind mehrfach preisgekrönt, die UNESCO ernannte sie zur Honorarprofessorin am Lehrstuhl für Lehmarchitektur, Baukultur und nachhaltige Entwicklung.

Baumeisterin mit Mission: Anna Heringer

Nachhaltiger Rohstoff

Lehm gilt als gesund, atmungsaktiv, er weist bei der Isolation und Schalldämmung sehr gute Werte auf. Weil er recyclebar ist und nicht über weite Strecken transportiert werden muss, ist er besonders nachhaltig. Beim Bauen mit Lehm ist nur rund ein Prozent der Energie nötig, die bei einem vergleichbaren Haus aus Beton oder Ziegeln anfällt.

Der seit 1948 alle drei Jahre tagende und ursprünglich für 2020 geplante Kongress gastiert - weitgehend digital - in Rio de Janeiro. Das Motto "Alle Welten. Nur eine Welt" - ein mahnender Titel angesichts knapper werdender Rohstoffe und daraus resultierender Konkurrenz auf dem Weltmarkt.

Die Pfarrkirche St. Canisius in Berlin ist ein großer Betonklotz.

Betonbau gilt als reduziert und schick, schadet aber der Umwelt: die Pfarrkirche St. Canisius in Berlin

2020 exportierte Deutschland 40 Prozent mehr Rohholz als im Vorjahr. Vor allem aus den USA stieg die Nachfrage, weil der in deutschen Wäldern bestens bekannte Borkenkäfer auch in Kanada wütete, woher die USA sonst den Großteil ihrer Holz-Importe beziehen. Solche Plagen verteuern die Baustoffe und belasten die Umwelt zusätzlich mit längeren Transportenwegen.

"Es ist völlig absurd, Materialien so weit zu transportieren", sagt Anna Heringer. Aktuell werde im Bausektor nicht darauf geachtet, Ressourcen zu schonen - auch, weil der etablierte Betonbau so günstig sei. Heringer fordert deshalb höhere Abgaben auf CO2-Emissionen und Treibstoff.

Der Mensch baut mehr Sand ab, als die Natur produziert

Beton ist der weltweit am häufigsten genutzte Baustoff, obwohl seine Herstellung der Umwelt nachhaltig schadet. Bei der Herstellung von Zement, das als Bindemittel für Beton benötigt wird, werden pro Tonne rund 260 Liter Wasser verbraucht.

Der nach Wasser am meisten benötigte Rohstoff weltweit ist Sand - etwa für die Herstellung von Beton und Ziegeln. Schätzungen zufolge baut der Mensch jährlich mehr als doppelt so viel Sand ab, wie die Natur durch Erosion neu produziert. Die Folge sind zerstörte Ökosysteme und Lebensräume von Tieren. Und wieder kommen lange Transportwege hinzu.

In Bangladesch steht ein Schulgebäude aus Lehm in der Sonne. Die Türen sind bunt gestrichen, das Dach wird von Winkeln gestützt

Aus Lehm gebaut: Mit ihrem Kollegen Eike Roswag plante Anna Heringer diese Schule in Bangladesch

Der Rohstoff für den Lehmbau sei dagegen ohnehin vorhanden, erklärt Anna Heringer, etwa durch den Aushub beim Bau von Tiefgaragen oder U-Bahntunneln. "Das Material landet aber gebührenpflichtig auf Deponien." Die Architektin plädiert stattdessen für den Aufbau regionaler Lehmfabriken, die das Material für den Hausbau verarbeiten könnten.

"Lehm ist überall vorhanden und kann auch überall verarbeitet werden", sagt Heringer. Dadurch, dass der Rohstoff nicht teuer eingekauft werden müsse, könne sein Einsatz auch soziale Ungerechtigkeit abbauen. In Bangladesch baute Anna Heringer 2005 im Rahmen ihrer Diplomarbeit eine Schule, mangels Mischmaschinen stampften Wasserbüffel den Lehm. Der sei zudem ein inklusiver Baustoff: "Weil er leicht zu verarbeiten ist, haben wir auch schon mit Menschen mit Behinderung gearbeitet."

Anna Heringer mit Aga Khan (L) und Malaysias Premierminister Abdullah Ahmad Badawi 2007

2007 wurde Anna Heringer in Kuala Lumpur mit dem Aga Khan Award für Architektur ausgezeichnet - für den Bau einer Schule aus Lehm

Teure Bauweise

Allerdings ist der Lehmbau in Ländern wie Deutschland zwei- bis dreimal so teuer wie ein vergleichbarer Betonbau. Anna Heringer bezeichnet die Fokussierung auf Beton als "Systemfehler", der allerdings von Menschen gemacht und entsprechend korrigierbar sei. Die Kosten für Lehmbau würden sinken, sobald er sich massenhaft durchsetze.

In ihrer Keynote auf dem UIA-Kongress hat Anna Heringer die Potenziale lokaler Materialien hervorgehoben. "Ich nehme jede Überlegung mal 7,9 Milliarden", sagt sie mit Blick auf die Weltbevölkerung. Dann werde schnell deutlich: "Kleine Entscheidungen verändern die Welt."

Nachhaltig Bauen: Haus aus Kork

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