Wie antisemitisch ist Deutschland? | Deutschland | DW | 27.05.2019
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Kippa-Debatte

Wie antisemitisch ist Deutschland?

Ist es für Juden in Deutschland sicherer, keine Kippa zu tragen? Mit seiner Aussage hat der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, für Aufregung gesorgt. Klein rät Juden zur eingeschränkten Nutzung.

Ein koscherer Supermarkt, irgendwo in Berlin. Ismael* kommt rein, seine Schicht beginnt in wenigen Minuten. Er trägt ein beiges Käppi. Darunter versteckt: eine Kippa. Ismael, der seinen richtigen Namen nicht nennen möchte, kann die Aussage, die der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung Felix Klein am Wochenende gemacht hat, nachvollziehen. Klein hatte gesagt, er empfehle Juden, nicht "jederzeit überall in Deutschland" die Kippa, die traditionelle Kopfbedeckung jüdischer Männer, zu tragen.

"Es ist teilweise wirklich gefährlich für uns, die Kippa offen zu tragen, gerade in Berlin. Deswegen verstecken sie viele unter einem Käppi, so wie ich", sagt Ismael. Ganz auf das Tragen der Kippa zu verzichten, käme für ihn und die meisten anderen Juden aber nicht in Frage: "Gläubige Juden werden immer eine Kippa tragen, egal, ob etwas anderes empfohlen wird. Es ist ein Statement." Ismael sagt, er habe Glück gehabt. Bisher sei ihm nichts passiert.

Israel reagiert entsetzt

Fakt ist: Die Zahl der antisemitischen Vorfälle steigt. LautKriminalstatistik fanden im letzten Jahr 1799 antisemitische Straftaten statt. Das sind knapp 20 Prozent mehr als im Jahr 2017. Klein begründete seine Aussage und den Anstieg der Straftaten mit der "zunehmenden gesellschaftlichen Enthemmung und Verrohung", die ein fataler Nährboden für Antisemitismus sei. "Hierzu haben das Internet und die sozialen Medien stark beigetragen, aber auch die fortgesetzten Angriffe auf unsere Erinnerungskultur", erklärte Klein.

Antisemitismusbeauftragter Felix Klein (Imago Images/epd/C. Ditsch)

Antisemitismusbeauftragter Felix Klein

Der israelische Präsident Reuven Rivlin reagierte entsetzt auf Kleins Warnung und kritisierte eine "Kapitulation vor dem Antisemitismus" in Deutschland. Erneut seien Juden in Deutschland nicht sicher.

Hat Deutschland vor dem Antisemitismus kapituliert?

Sigmount Königsberg, der Antisemitismusbeauftragte der jüdischen Gemeinde in Berlin, bewertet die Aussage Kleins nicht als Kapitulation, sondern als einen Weckruf, der allerdings zu schwach und zudem sehr unglücklich formuliert sei. "Ich hätte erwartet, dass er sofort anfügt, dass er alles tun werde, damit Juden in Deutschland überall und zu jeder Tages- und Nachtzeit auf der Straße Kippa tragen können. Denn das wäre nämlich auch eine Kampfansage an die Antisemiten gewesen", so Königsberg.

Berlin - Sigmount Königsberg, Antisemitismusbeauftragter der jüdischen Gemeinde (DW/M. Grundmann)

Sigmount Königsberg, Antisemitismusbeauftragter der jüdischen Gemeinde Berlin

Die jüdische Gemeinde in Deutschland forderte die Bundesregierung zum Handeln auf. "Es ist seit längerem eine Tatsache, dass Juden in einigen Großstädten potenziell einer Gefährdung ausgesetzt sind, wenn sie als Juden zu erkennen sind", sagte der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. Er habe "bereits vor zwei Jahren" auf diesen Umstand hingewiesen. "Es ist daher zu begrüßen, wenn diese Situation auch auf höchster politischer Ebene mehr Aufmerksamkeit erfährt", so Schuster. Die Bekämpfung des Antisemitismus müsse sich die ganze Gesellschaft zu eigen machen, betonte er. Das aggressive politische Klima wirke sich aus. "Wir fühlen uns von den Sicherheitsbehörden zwar ausreichend geschützt, aber es wird Zeit, dass sich in der Gesellschaft der Wind wieder dreht."

Regierung steht zur Verantwortung

Deutschland Josef Schuster Präsident Zentralrat der Juden (picture-alliance/dpa/P. Kneffel)

Josef Schuster, Präsident Zentralrat der Juden

Die Politik reagierte prompt. Am Montag sagte der Sprecher von Bundeskanzlerin Angela Merkel Steffen Seibert: "Der Staat hat zu gewährleisten, dass die freie Religionsausübung eines jeden möglich ist. Und deswegen, um es ganz klar zu sagen, ist es die Aufgabe des Staates, sicherzustellen, dass jeder sich an jedem Ort unseres Landes sich auch mit einer Kippa sicher bewegen kann. Und zu dieser Verantwortung stehen wir und das gilt im Übrigen auch für die Träger anderer religiöser Symbole."

Für Königsberg aus der Jüdischen Gemeinde Berlin ist die offene Bekenntnis zum Problem des Antisemitismus ein wichtiger Anfang: "Es wird nicht von heute auf morgen geschehen, dass Antisemitismus aus der Gesellschaft verschwinden wird. Aber diese offene Anerkennung ist der erste Schritt. In der Vergangenheit wurde Antisemitismus oft auch totgeschwiegen"

*Name von der Redaktion geändert

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