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Klimastress: Wälder geschädigt, Felder ausgetrocknet

27. April 2020

Alarm der Natur: Waldböden und Äcker sind extrem trocken. In einigen Regionen Deutschlands herrscht Waldbrandgefahr. Ein wenig Regen reicht nicht mehr. Droht der dritte Dürre-Sommer in Folge? Und welche Lösungen gibt es?

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Auf einem Acker bei Wachtberg im Rheinland steht eine rosa Gießkanne auf einem vertrockneten Acker. Der Boden ist krümelig, mit kartoffelgroßen Brocken belegt, hellbraun, und einzelne vertrocknete Halme liegen auf der Erde. Im Hintergrund steht ein Wald. Am Rand stehen grüne Laubbäume, die Fichten dahinter sind alle braun und leblos.
Bild: DW/K. Jäger

Zack, zack. Das heftige Doppelgeräusch dauert den Bruchteil einer Sekunde, und schon liegen sie quer über dem Weg. Ich stehe da mit offenem Mund. Staunend. Etwa 30 Meter vor mir sind gerade nahezu zeitgleich zwei mächtige, ca. zwölf Meter hohe Buchen zu Boden gekracht. Mitsamt der flachen, breiten und vertrockneten Wurzeln aus der Bodenverankerung gerissen. Einfach so. Stämme und Blätter zeigen keine sichtbaren Anzeichen von Schwäche, und doch folgten sie mit letztem Elan den benachbarten Fichten, die dem Borkenkäfer-Tod längst erlegen und in Sägewerken geschreddert werden. Heinz Hobmeier besitzt einen Wald. Von seinem Haus in Niederbayern schaut er direkt auf den Hang mit seiner jüngsten wechselvollen Geschichte: Seine Vorfahren pflanzten Fichten. Sie brauchen 80, 90 Jahre zur Reife und wachsen damit schneller als andere Nadelgehölze, bringen schneller Ertrag. Doch Fichten-Monokulturen sind anfällig gegen Sturm, Hitze, Trockenheit und Borkenkäferbefall.

Hellgrüne Blätter von Rotbuchen hängen in mehreren Lagen übereinander an dünnen braunen Ästen. Das Foto ist so gerichtet, als schaue der Betrachter von unten nach oben.
Die Buche kommt in Mitteleuropa vor und ist einer der wichtigsten Lieferanten für Nutz-, Industrie- und Brennholz Bild: DW/K. Jäger

Seit die kalten Winter ausbleiben, vermehren sich die Schädlinge. Ganze Borkenkäfer-Armeen bohren sich in die Fichtenstämme, legen ihre Eier ab. Die Larven zerstören danach die Bastschicht und blockieren die Nährstoffzufuhr der Bäume. Sie sterben ab.

Ein dunkelbrauner Borkenkäfer mit zwei Fühlern und behaarter Rückenseitenpartie hockt auf einer Baumrinde.
Klein und doch größter Feind des Fichtennadelwaldes: der BorkenkäferBild: M. Hiekel/dpa/picture-alliance

Laut Waldzustandserhebung befinden sich viele Bäume infolge von Stürmen, der anhaltenden Dürren und Hitzeperioden 2018 und 2019 im Dauerstress. Sie werfen grüne Nadeln ab, Blätter nehmen mitten im Sommern braune Herbstfärbung an und vertrocknen.

Die Vision vom Wald mit Nachhaltigkeitsfaktor

Waldbesitzer Heinz Hobmeier sucht seit 15 Jahren seine Bäume regelmäßig nach Borkenkäfern ab und entfernt befallene Stämme.Der Wald bedeutet ihm sehr viel: "Er ist Einnahmequelle, wichtig für Naturschutz,Klimaschutz, Biodiversität, liefert Sauerstoff, dient der Luftfilterung, der Ernährung von Lebewesen und garantiert Erholung. Ich spüre durch ihn eine Verbundenheit mit meiner Familie, meiner Heimat und auch eine Verpflichtung, ihn für die Nachwelt zu pflegen und zu erhalten."
Vor einem Jahr musste Hobmeier den gesamten Fichten-Bestand fällen wie andere Waldbauern auch. Dadurch fiel der Preis massiv: Aktuell gibt es keinerlei Absatzmöglichkeiten für Lagerholz. Vor 10 Jahren hatte er bis 110 Euro pro Festmeter bekommen, das entspricht einem Kubikmeter ohne Zwischenräume. Ende letzten Jahres erhielt er 50 bis 60 Euro für gesundes Holz. Für Schadholz zahlte der Markt damals noch 35 Euro. 

An einem Hang liegen Baumstämme und Äste von gefällten und vom Sturm zerstörten Fichten. Recht und im Hintergrund sind grüne Laubbäume zu erkennen. In der Bildmitte steht eine Scheune, rechts daneben ein Wohnhaus mit einem Anbau. Hier wohnt Heinz Hobmeier. Eine kleine Kapelle und weitere rote Dächer des Dorfes "Haag an der Amper" sind zu erkennen.
Der Wald von Heinz Hobmeier, zerstört von einem Sturm und BorkenkäfernBild: privat

"Natürlich könnte ich jetzt über den Schaden jammern oder mich hilflos und ausgeliefert fühlen", schrieb er seinen Freunden. "Ich möchte das Beste daraus machen und aktiv meinen Teil dazu beitragen, dass der Wald wächst und erhalten bleibt." Hobmeier hatte viel über nachhaltige Bewirtschaftung gelesen, sich beraten lassen. Auf dem Stück, dass er sich selbst überließ, sprießen Birken und natürlich gewachsene Fichten.

Zwölf erwachsene Personen, davon fünf Frauen, und ein Kind im Vorschulalter stehen in Anoraks, teilweise mit Spaten, Schutzhüllen und Holzpfählen vor dem Hang von Heinz Hobmeier. Im Hintergrund sind viele Schutzhüllen zu erkennen, darin stecken Setzlinge, die die Gruppe gepflanzt hat.
Geschafft: Heinz Hobmeier (Bildmitte, mit Spaten) und elf Freunde pflanzten 500 Bäume in anderthalb Tagen Bild: privat

Er experimentierte mit Baumhasel, die in der Türkei und Afghanistan gedeiht, mit Maronen und Edelkastanien. Außerdem bestellte er für seinen "Testwald": Wild-Kirschen, Linden, Amber, Stieleichen, Robinien, Speierlinge und diverse Wildsträucher. Insgesamt 500 Setzlinge. "Abgestimmt auf die Bodenbeschaffenheit, nützlich für Insekten, Vögel, natürlich fürs Klima, in der Hoffnung, dass sich das in 80, 90 Jahren als richtig erwiesen hat", schrieb er in seiner Botschaft. Er wollte weg von der Monokultur, den ganzen Wald umbauen. 

Lesen Sie auch: Millionen neue Bäume sollen dem Klimawandel in Deutschland trotzen

Millionen neue Bäume, die der Dürre trotzen

Im Januar, Februar regnete es, so Heinz Hobmeier. Seit Beginn der Aufzeichnungen 1881 haben die Niederschlagsmengen sogar um zehn Prozent zugenommen. Dieser Trend zu niederschlagsreichen Wintern und trockenen Sommern spiegelt sich wider in der Statistik des Umweltbundesamtes (UBA). Doch seit Wochen sind die Niederschläge ausgeblieben, und die Borkenkäfer schwirren schon wieder herum: "Ich habe mein Bestes gegeben. Was kann ich als Einzelner noch tun? " Zwei, drei Wochen, so schätzt der Waldbauer, können die Pflanzen noch schadlos überstehen. "Ich hoffe und glaube daran, dass es regnen wird."

Hoffnung auf Regen und die Strategie des vielfältigen Fruchtwechsels

565 Kilometer Luftlinie entfernt, in Penkun in Mecklenburg-Vorpommern, hat Bernd Klänhammer die Hoffnung auf Niederschläge noch nicht aufgegeben: "Laut meiner Statistik sind wir bezüglich der Niederschlagsmengen auf dem gleichen Stand wie im vergangenen Jahr. Aktuell machen uns allerdings Nachtfröste bis minus acht Grad zu schaffen. Trifft die Sonne im Tagesverlauf auf den Boden und weht noch Wind, verdunstet die Feuchtigkeit sofort, statt in den Boden einzudringen."

Infografik Niederschlagsmengen Deutschland DE
Deutscher Wetterdienst: Die Niederschlagsperioden fallen unregelmäßiger und heftiger aus

Der Landwirt setzt auf Vielfalt, baut Erbsen an, dazu Weizen, Gerste, Raps, Mais und Zuckerrüben. Sein zweites Standbein ist die Schweinezucht. "Ich kaufe unterschiedliches Saatgut ein für sechs Sorten Weizen, drei Sorten Gerste. Durch den Anbau unterschiedlicher Pflanzen an gleicher Stelle, der Fruchtfolge, lassen sich Totalausfälle bei Witterungswechseln vermeiden", erläutert Klänhammer seine Strategie. "Wir gehen immer eine Wette auf die Zukunft ein."

Viele seiner Kollegen berichten von Getreidelaufkäfern, die die grünen Pflanzen fressen und kahle Äcker hinterlassen. Und auch der Raps kommt mit den Temperaturen und durch die gesetzlichen Einschränkungen beim Düngen nicht klar, hat Klänhammer festgestellt.  "Wir können nicht mehr säen, wenn die Saat nicht aufgeht." Und mit Erbsen, als Alternative zu Soja zur Versorgung der Tiere mit Eiweiß, könne man kein Geld verdienen, weil das Saatgut so teuer sei, sagt der Landwirt: "So entwickeln sich immer neue Probleme." 

Bäuerliche Landwirtschaft in Gefahr

Vor zwei Jahren rief ich Bernd Klänhammer erstmals an. Es war unerträglich heiß, und eines seiner Felder hatte in Flammen gestanden. Das Feuer hatte sich durch Funkenbildung heißer Auspuffteile beim Mähdreschen entzündet. Damals gab er zu, Bedenken zu haben wegen der Thesen vom Klimawandel. Als gläubiger Christ glaube er eher an die in der Bibel zitierten "sieben fetten und sieben mageren Jahre". Die sieben Jahre seien noch nicht vorbei gibt er mir heute zu verstehen, "aber an dem Klimawandel muss doch was dran sein", sagt er jetzt. 

In der Bildmitte wurde vor kurzem ein Tümpel angelegt mit Wasser für Amphibien und Insekten. Der Erdrand ist noch nicht bewachsen. Im Vordergrund liegen Äste und Baumstämme von gefällten und vertrockneten Fichten. Einzelne Baumstämme säumen den Teich. Links führt ein Weg in den Wald, der links und rechts aus Laubbäumen besteht und im Hintergrund aus Fichten, die noch gefällt werden müssen, da sie vom Borkenkäfer befallen worden sind.
Umbau einer Waldlandschaft: Fichten raus, Laubbäume rein - und Tümpel als Aufenthaltsraum für Amphibien und Insekten Bild: DW/K. Jäger

Langfristige Schäden und Krisenmodus  

"Die Leute vergessen, Meinungen ändern sich schnell, so wie das Wetter", weiß Förster Alexander Held aus Erfahrung. "Aufgrund der Niederschläge Anfang des Jahres war die Trockenheit der letzten zwei Jahre kein Thema mehr. Doch die Dürren haben deutliche Spuren hinterlassen und die Folge sind Feuer, Borkenkäferschäden und die unaufhörliche Veränderung der Waldlandschaft.Theoretisch könnte die Borkenkäferkalamität durch Insektizide aus der Luft gelöst werden. Auf Grund der Nebenwirkungen auf andere Lebenwesen des Waldes ist die Schädlingsbekämpfung per Gesetz verboten.

Einzele breite und kleinere verästelte Risse durchziehen den unbepflanzten Acker. Die Erde zeigt auf der Nahaufnahme hat eine grau-hellbraune Farbe. Der Boden ähnelt eher  Beton als Ackerboden.
Betonhart und von Rissen durchsetzt, so sehen Äcker aus und bieten keine Chance für Wachstum Bild: DW/K. Jäger

Nicht nur Fichten, Kiefern, auch Buchen mit ihren vielen Nebenwurzeln vertrocknen und auch Tannen sind betroffen, die wegen ihrer tiefen Wurzeln als widerstandsfähig, klimaresilient galten. Also werden täglich weitere Bäume gefällt. Wege werden verbreitert, planiert und befestigt. Eile ist geboten: Im Akkord brechen bullige Maschinen nicht nur Fichten und Kiefern, sondern auch uralte Buchen um, ehe sie gestapelt und von imposanten LKW abtransportiert werden, da sich durch das trockene Lagerholz die Waldbrandgefahr erhöht. 

Üblicherweise liegen alte und dicke Baumstämme nach der Abholzung in den Wäldern. Hier sind auch Rundhölzer von geringem Umfang gestapelt. Sie stammen von Fichten, die nach Borkenkäferbefall abgestorben sind - in dem Wald "Kottenforst" bei Bonn. Nun müssen sie - wegen der akuten Waldbrandgefahr - recht zügig aus dem Gebiet abtransportiert werden.
Wohin mit dem Holz? Die Sägewerke haben keine Lagerkapazitäten. Wegen der Brandgefahr muss es raus aus dem Wald Bild: DW/K. Jäger

"Nicht nur die oberen Schichten, auch die Grundwasserspeicher, einige Meter unter der Erde, sind immer noch leer", beschreibt Alexander Held die Misere. Sogar Wald- und Feldfeuer entwickelten sich anders als noch vor zwei Jahren. Held ist Förster und Feuerökologe beimEuropäischen Forstinstitut (EFI). "Vor fünf Jahren brannte im April vor Mittag kein Feuer auf Grund der hohen Luftfeuchtigkeit. Dieses Jahr konnten wir Heideflächen im März morgens um 8 Uhr kontrolliert abbrennen. Die grundlegende Trockenheit steckt längst in unserem verwundbaren System." 

BUND über Maßnahmen zum Umgang mit den Folgen des Klimawandels

Als chronisch krank charakterisiert der BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) den Wald und warnt angesichts der Dürre vor der Verschlimmerung der Waldkrise: "1980 wurde der begriff 'Waldsterben' geprägt, doch heute ist die Lage weitaus dramatischer", warnt der BUND-Vorsitzende Olaf Bandt und fordert: die schnellere Abkehr von der Kohleverstromung, den Ausbau der regenerativen Energien, der Reduzierung der Stickoxide im Straßenverkehr, die Stickstoffüberschussabgabe als Anreiz, um die Dünge-Einträge in der Landwirtschaft zu reduzieren.  Seit Beginn der Erhebungen des Waldzustandes im Jahr 1984 war der Kronenzustand unserer Waldbäume noch nie so schlecht wie 2019. Andererseits gibt es Fortschritte im Umbau zum klimaresilienten Wald, wie der BUND und Förster Held ihn reklamieren: Ziele sind natürlicher Mischwald mit verschiedenen Baumarten, unterschiedlicher Wuchsstadien. Die Bundesregierung kündigte im Herbst 2019 an, 800 Millionen Euro zur nachhaltigen Wiederaufforstung bereitzustellen.

Ein ausgehölter Baumstamm steht vor anderen Bäumen in einem Wald im Kottenforst bei Bonn. Er zeigt einzelne Schichten mit Löchern und kleinen Gängen. Das sogenannte Totholz ist Nahrungs- und Lebensraum sowie Versteck für Käfer und ihre Larven, Würmer, Pilze, Mikroorganismen. Sie zersetzen den Baum. Die Verwitterung tut den Rest, sodass das Gebilde am Ende fein gemahlenen und nährstoffreichen Humus ergibt.
Totholz braucht der Wald für Organismen und als HumusBild: Karin Jäger

Daneben soll Totholz als Nahrung für Pilze, Bakterien, Käfer, Würmer und für eine wasserspeichernde, nährstoffreiche Humusgrundlage in der Natur verbleiben und die Naturverjüngung miteinbezogen werden: Weder Saat noch Setzlinge werden von Hand eingebracht. Bäume wachsen durch am Boden liegende oder flugfähige Samen. 

Humus - Gut für Biolandbau und Klimaschutz

Krise als Normalzustand

In meinen Gesprächen nannten die Protagonisten ungewöhnlich häufig die Begriffe 'dramatisch', 'extrem' und 'katastrophal '. BUND-Sprecher Olaf Bandt bringt es so auf den Punkt: "Trotz Corona-Krise ist es wichtig, dass die Klimakrise und das Artensterben als ebenfalls weltweite Krisen, nicht aus dem Blick geraten dürfen. Umwelt- und Naturschutz betreffen uns alle unmittelbar."Lesen Sie auch: Nachhaltige Forstwirtschaft - Pferdekraft statt Maschine 4.0

Zwei kleine Eichen mit vier und fünf Blättern wachsen aus dem Boden, links zwei Blätter einer Buche, sowie Brombeerblätter ragen aus der Erde. Zum naturnahen Waldumbau gehört nicht nur das Anpflanzen von Setzlingen durch den Menschen (Waldkultur), sondern die Samen von Waldfrüchten, die am Boden liegen oder durch die Luft fliegen, tragen zum Entstehen von Baumwachstum bei.
Gehört zum naturnahen Waldaufbau: Ohne Einsatz von Menschenhand sprießen kleine Eichen. Zur Naturverjüngung braucht es Samenbäume in der Nähe Bild: DW/K. Jäger

Unterdessen hat der Deutsche Wetterdienst DWD Niederschläge angekündigt. Anfang Mai könnte es sogar zu Überschwemmungen kommen, denn die Böden sind teilweise durch die Trockenheit betonhart. Das Wasser kann dann nicht abfließen. Die nächste Wetter-Herausforderung könnte im Anmarsch sein.