Wenn Autos selbst Hilfe herbeirufen | Aktuell Europa | DW | 31.03.2018
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Sicherheit auf den Straßen

Wenn Autos selbst Hilfe herbeirufen

Ab sofort müssen in der Europäischen Union alle neuen Autos mit dem Notrufsystem eCall ausgestattet sein. Es wählt bei einem Unfall automatisch den Notruf 112. Die EU hofft, so viele Leben retten zu können.

Autos die bei einem Unfall selbstständig den Notruf wählen - das ist seit diesem Samstag in der Europäischen Union Pflicht. Das Notfallsystem eCall muss in allen neu zugelassenen Modellen eingebaut sein. "eCall hat das Potenzial, viele Menschenleben zu retten, indem es die Reaktionszeit der Rettungsdienste verkürzt", erklärte der Vorsitzende des europäischen Autoherstellerverbands, Erik Jonnaert.

Das neue System stellt nach einem Unfall automatisch eine Sprachverbindung zur nächsten Rettungsleitstelle her. Falls die Insassen nicht reagieren, können auf Grundlage von GPS-Daten direkt Rettungsdienste zum Unfallort geschickt werden.

Das Notrufsystem funktioniert über eine im Auto eingebaute Sim-Karte. Wenn es auf der Straße kracht und etwa der Airbag ausgelöst wird, wird automatisch die europäische Notrufnummer 112 gewählt. Das System übermittelt dann Zeit, Fahrzeugidentifikationsnummer, Antriebsart, die letzten drei Fahrzeugpositionen, Fahrtrichtung und die Anzahl der Insassen - Letzteres auf der Basis der angelegten Sicherheitsgurte – an die Rettungsdienste. Fahrer können den Notruf auch selbst über einen Knopf wählen, wenn sie etwa Zeugen eines Unfalls werden oder eine Herzattacke erleiden. Der Notruf ist kostenlos. Abgesichert ist das System durch einen Notakku, falls die Autobatterie beim Unfall ausfällt.

Rettungszeiten sollen halbiert werden

Die EU hofft, dass sich die Reaktionszeiten der Rettungskräfte auf dem Land um 50 und in der Stadt um 40 Prozent verringern. Der Berufsverband Rettungsdienste weist darauf hin, dass diese Erwartungen für Deutschland wohl schwer zu erfüllen seien. Im bundesweiten Durchschnitt dauert es laut dem Vorsitzenden Marco König derzeit knapp zehn Minuten, bis nach einem Notruf ein Retter am Unfallort ist. Eine Verringerung um 50 Prozent würde bedeuten, dass es nur noch fünf Minuten wären. Dies sei kaum realistisch, erklärt König. Da spielten ganz andere Faktoren eine Rolle als nur der rasche Anruf bei der Leitstelle, etwa die Logistik der Rettungswagen.

Experten zufolge sinkt die Überlebenschance bei lebensgefährlich Verletzten pro Minute um zehn Prozent. Die EU-Kommission rechnet vor, dass europaweit mit eCall bis zu 2500 Menschenleben pro Jahr gerettet werden könnten. Das Europaparlament ist vorsichtig und schätzt die Zahl der möglicherweise Geretteten auf bis zu 1500. Derzeit kommen jährlich etwa 25.000 Menschen auf europäischen Straßen ums Leben, 135.000 erleiden Verletzungen.

Datenschutz-Bedenken berücksichtigt

Die Entwickler haben im Zuge der 15-jährigen Vorlaufzeit großen Wert auf die Sicherheit der Daten gelegt. So bucht sich die Sim-Karte des Systems erst bei einem Unfall ins Mobilfunknetz ein. Außerdem sind die Daten nur für die Notrufzentrale und Rettungsdienste bestimmt und müssen laufend aus dem Fahrzeugspeicher gelöscht werden. Eine dauerhafte Überwachung soll durch eCall nicht möglich sein. Das Büro der Bundesdatenschutzbeauftragten Andrea Voßhoff versichert, den datenschutzrechtlichen Bedenken sei Rechnung getragen worden. Der übermittelte Datensatz sei auf ein Minimum begrenzt worden.

Allerdings können die Hersteller parallel eigene Systeme anbieten, die beispielsweise dauerhaft im Mobilnetz eingewählt sind und laufend Daten übertragen. Dem muss der Fahrzeugnutzer vorher zustimmen. Mercedes-Benz betreibt etwa schon seit 2012 eigene Notrufzentralen. Zwischen dem herstellereigenen System und dem eCall-System dürfen keine Daten ausgetauscht werden.

kle/uh (dpa, afp, ARD, tagesschau.de)