Weniger Selbstmorde in Corona-Zeiten | Deutschland | DW | 30.05.2020
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Psychische Gesundheit

Weniger Selbstmorde in Corona-Zeiten

Als im März das Land zum Stillstand kam, erwarteten viele, verminderte Kontakte würden zu Vereinsamung und gar zu einer hohen Selbstmordrate führen. Erste Zahlen zeigen nun, dass das offenbar nicht so war.

Anfang März warnte die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde vor tödlichen Folgen der Corona-Pandemie. Der Psychatrieverband meinte die Folgen des Lockdowns, mit dem fast ganz Europa die Verbreitung des Corona-Virus einzudämmen suchte. Denn dabei wurde der physische Kontakt von Mensch zu Mensch auf ein Minimum reduziert.

Die Kombination aus erzwungener Isolation, Angst, finanziellen Sorgen und eingeschränktem Zugang zu Therapieangeboten, könnte für Menschen mit psychischen Problemen unerträglich werden, so die Befürchtung damals. Anfang April gab es dann bereits einzelne Medienberichte über Selbstmorde, die mit den Corona-Maßnahmen in Verbindung gebracht wurden. Etwa einen Artikel im "Business Insider", in dem Berliner Feuerwehrleute berichteten, sie hätten entsprechende Abschiedsbriefe bei Selbstmordopfern gefunden. Darin hätten diese eine enorme Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus erwähnt. Offizielle Zahlen gab es jedoch nicht.

Rückgang statt Anstieg

Aber im Mai zeigen nun erste belastbare Zahlen in Deutschland einen Rückgang der Selbstmordrate. Anfang Mai bat die Augsburger Allgemeine Zeitung Behörden in sieben Bundesländern um aktuelle Zahlen. Die Länder, die ihre Selbstmordstatistiken regelmäßig aktualisieren, berichteten dabei von keinem Anstieg der Selbstmordrate. Im Gegenteil: in Nordrhein-Wesfalen etwa waren "vollendete Suizide" seit Beginn des Lockdwon im Vergleich zum Vorjahr sogar um 20 Prozent zurückgegangen.

"Was wir selber feststellen ist, dass seit der Coronakrise die Nachfrage nach Hilfsangeboten und Beratung deutlich geringer geworden ist, was eigentlich paradox ist," sagt der stellvertretende Leiter der Deutschen Depressionsliga, Thomas Voigt der DW. Dass die Menschen keine Hilfe suchten, fährt er fort, heisse aber nicht, dass es ihnen gut gehe. "Eine Erklärung dafür könnte sein, dass man gewisserweise aktiv werden muss, wenn man um Rat fragt. Und dass viele jetzt so sehr belastet sind, dass sie nicht mal mehr das schaffen," meint er.

"Menschen in Depressionen suchen Nähe"

Das Therapieangebot ist wegen der Abstandsregelungen nicht aufrecht zu erhalten, aber digitale Angebote seien auch nicht unbedingt eine Alternative: "Gerade Menschen mit Depression suchen erst recht die Nähe zu anderen Menschen. Sie wollen menschlichen Kontakt haben und nicht vor einet Maschine sitzen," sagt Voigt.

Ulrich Hegerl, Leiter der Deutschen Depressionshilfe (DDH), betont, man müsse zwischen einer Angstsituation und einer Depression unterscheiden. "Suizide sind keine Freitode, sondern erfolgen zu 90% in Verbindung mit einer negativ verzerrten Weltsicht in Folge von Depressionen und anderen psychiatrischen Erkrankungen. Depressionen, die mit Abstand häufigste Ursache für Suizide, sind eigenständige Erkrankungen und nicht nur Reaktionen auf schwierige Lebensumstände", so Hegerl im April in einer Pressemitteilung. Er warnte, dass wegen der Kontaktbeschränkungen Freunde und Verwandte vielleicht nicht rechtzeitig eine schwere Krise erkennen würden, um Hilfe zu organisieren.

Deutschland Ulrich Hegerl (Imago Images/B. Friedel)

Ulrich Hegerl leitet die Stiftung Deutsche Depressionshilfe

"In jedem Fall ist es so, dass sich die Versorgungslage verschlechtert hat. Es ist bekannt, dass teilweise weniger Patienten auftauchen als vorher, viele eben aus übertriebenen Ängsten oder weil sie glauben, die Praxen brauchten sie jetzt gar nicht, weil sie nur Coronapatienten behandeln. Und viele Menschen, gerade mit Depressionen, neigen zu Schuldgefühlen," sagt Hegerl der DW. Und zur Diskussion um Anstieg- oder Rückgang von Suizidraten: "Meines Wissens sind die Zahlen noch gar nicht ausreichend, dass man irgendeine Aussage machen kann."

Dunkelziffer vermutet

Auch wenn depressive Patienten nicht vermehrt Hilfe gesucht haben, so könnte es dennoch sein, dass die Pandemie sich auf die psychische Gesundheit ausgewirkt hat. In den USA zum Beispiel befragte die "Kaiser Family Foundation" Ende März dazu 1.226 Erwachsene. 45% der Befragten gaben an, die Pandemie habe sich auf ihre psychische Gesundheit ausgewirkt. 19% sahen sogar eine "starke Auswirkung." Telefonseelsorge-Dienste in den USA gaben an, im Februar und März habe es einen Anstieg an Hilfesuchenden um 300% im Vergleich zum Vorjahr gegeben. Auch hierzulande stiegen die Zahlen der Anrufer.

Frankreich Cormeilles-en-Parisis | Coronavirus | Restaurant, Plexiglas (Reuters/B. Tessier)

Vereinzelt: in Corona-Zeiten ist auch Essen in Gesellschaft seltener geworden

In Deutschland befragte die Medizinische Hochschule Hannover in der ersten April-Hälfte 3,545 Personen. Zu diesem Zeitpunkt waren die Kontaktsperren am striktesten. Mehr als die Häfte der Studien-Teilnehmer gab an, reizbarer als zuvor zu sein. 29% stellten fest, sie seien aggressiver geworden und regten sich schneller auf. Eine Studie der Donau Universität Krems untersuchte eine für Österreich repräsentative Stichprobe von 1009 Personen. Die Anzahl derer, die angaben, unter "depressiven Verstimmungen" zu leiden, war von 4% auf 20% gestiegen. Die von Menschen mit Angstsymptomen von 5% auf 19%.

Christoph Pieh, Professor für psychosomatische Medizin war Co-Autor dieser Studie. Er erwartet nach wie vor einen Anstieg der Selbstmordrate in Österreich im Zusammenhang mit der Coronavirus-Pandemie. Er vermutet bislang eine hohe Dunkelziffer bei den psychischen Erkrankungen. "Es hat definitiv eine Zunahme depressiver Erkrankungen gegeben," sagt er der DW.

Die Gefahr des Abwärtstrends

Hauke Wiegand, Psychiater und Psychotherapeut am Universitätsklinikum Mainz warnt, dass alle Umfragen und Zahlen, die bis jetzt veröffentlicht wurden, nur unvollständige Momentaufnahmen innerhalb eines kurzen Zeitraums seien. Aber auch er hat in den letzten Wochen einen Rückgang der Patientenzahlen in seiner Klinik festgestellt: Es seien deutlich weniger Patienten mit Depression oder Angstzuständen gekommen, wogegen die Zahl der an Schizophrenie Erkrankten weitgehend unverändert sei.

Symbolbild Depressionen (Imago-Images/Panthermedia/A. Guillem)

Medikamente können helfen - aber erst nach ärztlicher Beratung

Wiegand verweist auf die Zeitgeschichte: Selbstmordraten, so sagt er gegenüber der DW, stiegen in Wirtschaftskrisen immer an. Arbeitslosigkeit und finanzielle Aussichtslosigkeit seien Risikofaktoren — und es sei noch zu früh zu sagen, ob das auch nach der Corona-Pandemie wieder eintreten würde. Nach der Finanzkrise 2008 habe man jedoch sehen können, dass es in den USA mit jedem Prozent Anstieg der Arbeitslosigkeit auch einen einprozentigen Anstieg der Selbstmordrate gegeben habe.

Aber Wiegand kann in der jetzigen Situation auch positive Trends erkennen: Erste Ergebnisse einer Studie des Leibniz-Instituts für Resilienzforschung in Mainz würden zeigen, dass viele Menschen sich weniger gestresst fühlen, erklärt er. "Sie haben reduziert Arbeitszeiten, müssen vielleicht nicht mehr Pendeln zur Arbeit, sie haben mehr Zeit mit der Familie, das ist für einen grösseren Teil der Leute sogar stressreduzierend." Das gelte allerdings nur dann, wenn der Arbeitsplatz gesichert sei.

Die Deutsche Welle berichtet zurückhaltend über das Thema Suizid, da es Hinweise darauf gibt, dass manche Formen der Berichterstattung zu Nachahmungsreaktionen führen können. Sollten Sie selbst Selbstmordgedanken hegen oder in einer emotionalen Notlage stecken, zögern Sie nicht, Hilfe zu suchen. Wo es Hilfe in Ihrem Land gibt, finden Sie unter der Website https://www.befrienders.org/.  In Deutschland hilft Ihnen die Telefonseelsorge unter den kostenfreien Nummern 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222.

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Epidemie Einsamkeit