Weltfrauentag 2019: Wofür junge Aktivistinnen weltweit kämpfen | Kultur | DW | 07.03.2019
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Internationaler Frauentag 2019

Weltfrauentag 2019: Wofür junge Aktivistinnen weltweit kämpfen

Genitalverstümmelung, Abtreibung, Frauen in den Medien: Die Themen von Feministinnen sind von Land zu Land unterschiedlich. Am Weltfrauentag haben junge Aktivistinnen rund um den Globus der DW erzählt, wofür sie kämpfen.

Feminismus ist nicht gleich Feminismus. Denn in jedem Land steht es anders um die Rechte von Frauen.

Zum Weltfrauentag am 8. März haben wir Aktivistinnen aus Indien, Guinea, den USA, Polen, Deutschland und Guatemala zur gegenwärtigen Lage von Frauen in ihrem Heimatland befragt. Wie schätzen sie die Situation ein, wo gibt es die größten Missstände? Und was tun sie selbst dafür, um gegen sie anzukämpfen?

 

Rebeca Lane, 34, Guatemala

In Guatemala sind Frauenmorde ein riesiges Problem: Neben Mexiko haben wir die höchste Rate an Femiziden auf der ganzen Welt. Aber sie sind nur die Spitze des Eisbergs der Gewalt an Frauen. Vorletztes Jahr zum Beispiel gab es knapp 91.000 Schwangerschaften bei den Zehn- bis 19-Jährigen - und das, wenn ich mir das Alter so ansehe, sicherlich häufig durch sexuellen Missbrauch.

Guatemala ist ein sehr christliches Land. Die meisten politischen Entscheidungen werden religiös begründet. Deshalb findet in der Schule auch keine sexuelle Aufklärung statt und Abtreibung ist verboten.

Mit meiner Musik kämpfe ich gegen die Gewalt und die Unterdrückung von Frauen an. Im Rap und HipHop kann man sehr gut über die eigenen Erfahrungen sprechen und damit Dinge sichtbar machen. Mit meiner 2014 gegründeten Rapperinnen-Gruppe "Somos Guerreras" bringen wir Frauen zum Beispiel bei, wie man einen feministischen Rapsong selber machen kann. 

Die Frauenbewegung ist hierzulande noch sehr klein, nicht vergleichbar mit Mexiko oder Argentinien - sicher auch, weil man sich mit feministischer Arbeit in reale Lebensgefahr begibt. Trotzdem bin ich optimistisch, dass sich die Dinge irgendwann zum Besseren ändern werden.

Aranya Johar, 20, Indien

In Indien werden unsere Forderungen nach einem gerechteren Land mit Aggressionen beantwortet, man sagt uns, dass die Forderung nach einem absoluten Minimum schon zu viel verlangt ist. 

Um das Bewusstsein für die Lage der Frauen zu schärfen und einen Dialog zu beginnen, nutze ich die Poesie. Ich mache das unter dem Etikett "Brown Girl", da ich als Kleinkind wenig bis gar keine positive Darstellung brauner Frauen in den Mainstream-Medien gesehen habe.

Mein Vortrag des Gedichts "A Brown Girls's Guide to Gender", der 2017 viral ging, hat bewirkt, dass mehr Frauen erkannten, dass sie Bühnen und Plattformen verdient haben. Sie beginnen, das Mikrofon in die Hand zu nehmen, um ihre Geschichten zu teilen, ihre Rechte einzufordern und Gespräche zu initiieren, die es nie in die Mainstream-Medien geschafft haben.

Für die Zukunft erhoffe ich mir mehr Frauen in Führungspositionen, mehr Frauen in Arbeit und die gleiche Bezahlung wie Männer. Außerdem wünsche ich mir mehr Frauen, die ihre Zukunft selbst bestimmen, und mehr Frauen, die den Raum einfordern, den sie zu Recht verdienen.

Hadja Idrissa Bah, 19, Guinea

Die Lage der Frauen und Mädchen in Guinea ist besorgniserregend. 97 Prozent der Frauen sind hierzulande beschnitten und 52 Prozent der Mädchen werden minderjährig verheiratet. Immer noch sterben viele Frauen bei der Geburt und häusliche Gewalt ist weit verbreitet.

Der Staat muss dafür sorgen, dass die Gesetze eingehalten werden, denn das Gesetz ist eigentlich gut! Das größte Hindernis stellen die Traditionen und die Religion dar. Die Beschneidung etwa ist rein religiös begründet.

2016 habe ich den "Club des jeunes filles leaders de la Guinée" gegründet, um die Emanzipation junger Frauen voranzutreiben und die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts zu beenden. Ich habe mich mit dem Justizminister getroffen und von ihm die Einhaltung der Gesetze verlangt oder dem ersten Imam erklärt, was die Beschneidung mit einer Frau macht. Ein Teil unserer Arbeit ist also präventiv - wie versuchen die Leute zu sensibilisieren - ein anderer Teil besteht darin, direkt einzuschreiten, wenn wir Fälle von Gewalt mitgeteilt bekommen.

Ich denke, wir sind gerade dabei, eine wirkliche Revolution loszutreten. Wir sprechen in Guinea nun über Dinge, die zuvor tabuisiert wurden. Mit meiner Generation wird sich etwas verändern! 

Marta Lempart, 40, Polen

Die Lage der Frauen in Polen hat sich seit 2015 mit der neuen rechtskonservativen Regierung verschlechtert: Abtreibungen werden, selbst wenn sie legal sind, kaum durchgeführt, weil Ärzte behaupten, das sei nicht mit ihrem Glauben vereinbar. Die Pille danach ist nicht verfügbar und auch andere Verhütungsmittel sind nur schwer zu bekommen.

Ein anderes Problem: häusliche Gewalt und der Umgang mit ihr. Der Staat hat NGOs, die Opfern helfen, die Mittel gestrichen und die Polizei hat ihre Büros durchsucht. Im Januar wollte die Regierung ein Gesetz verabschieden, das den erstmaligen Vollzug von häuslicher Gewalt legalisiert - so wie es schon in Russland der Fall ist. Das ist das Level, auf dem wir hier diskutieren!

Um diesem Wahnsinn etwas entgegenzusetzen, habe ich am 3. Oktober 2016 den ersten Frauenstreik, den ersten "schwarzen Montag/schwarzen Protest" in Polen organisiert. Gleich in 150 Städten gingen Frauen auf die Straße, um eine Verschärfung des Abtreibungsverbots zu verhindern - mit Erfolg. Am 8. März 2017 habe ich den ersten Internationalen Frauenstreik in 60 Ländern mitorganisiert. Unsere Streiks sind aktuell eine der mächtigsten Widerstandsbewegungen in Polen, und ständig planen wir neue Aktionen.

Ich hoffe, dass mit den diesjährigen Wahlen in Polen eine progressive Partei ins Parlament einzieht. Ich möchte, dass Polen ein säkularer Staat wird, der Frauen nicht hasst und auf den Menschenrechten und Demokratie fußt.

Jerin Arifa, USA

Amerikanischen Frauen geht es derzeit nicht gut. Einer der Hauptgründe ist unser Präsident, der mit sexuellen Übergriffen prahlt, die Probleme der LGBT-Community nicht sehen will und Bildungseinrichtungen auffordert, Antidiskriminierungsrichtlinien zu missachten. Trumps Angriffe auf die Rechte von Frauen und die anderer Republikaner untergraben die jahrzehntelange, wenn nicht jahrhundertelange Arbeit von Feministinnen. 

Ich selbst bin, genau wie meine Mutter und wie meine Oma es war, seit meiner Kindheit Aktivistin. Als muslimische Feministin, Farbige und ehemals undokumentierte Aktivistin erlebe ich täglich Diskriminierung. Ich bin überzeugt, dass der Feminismus intersektional sein muss, um Erfolg zu haben. Das heißt, Frauen werden nur dann frei sein, wenn wir Diskriminierung und Ungerechtigkeit jeglicher Art beenden - sei es in Bezug auf Rasse, Herkunft oder Religion.

Meine 2014 gegründete Organisation "Young Feminists & Allies" setzt sich für einen solchen Feminismus ein und fördert besonders junge Aktivistinnen, weil ihnen nicht unbedingt die gleiche Aufmerksamkeit wie älteren geschenkt wird. 

Der Kampf für die Gleichstellung ist nicht einfach. Aber immer mehr Menschen auf der ganzen Welt werden zu Aktivisten. Und das gibt mir Hoffnung und Energie!

Penelope Kemekenidou, 31, Deutschland

Die Lage von Frauen in Deutschland ist nicht so gut, wie die meisten zugeben wollen. Jeden zweiten Tag wird hier eine Frau durch ihren Partner ermordet. Während in Spanien oder Südamerika bereits Millionen wegen solcher Morde auf die Straße gegangen sind, fehlt die kollektive Wut hier noch.

Da Gewalt an Frauen auch etwas mit ihrer Darstellung in den Medien zu tun hat, habe ich 2015 den Verein "Gender Equality Media e.V." mitgegründet. Es geht uns darum, dass Morde an Frauen, sexuelle Übergriffe oder Vergewaltigungsversuche von den Medien nicht durch eine bestimmte Sprache bagatellisiert werden, also ein Mord auch Mord genannt wird und nicht etwa "Eifersuchtsdrama". Oder wenn ein Mann beim Oktoberfest einer Frau unters Dirndl fasst, um ihre Vulva anzufassen, nicht vom "Grapscher" gesprochen wird, sondern von versuchter Vergewaltigung. Denn wer Gewalt in Sprache verharmlost, legitimiert sie auch, weil sich dadurch unser Wertesystem verschiebt.

In Workshops mit Organisationen, Verlagen und Redaktionen arbeiten wir daher die Mechanismen sexistischer Berichterstattung heraus und geben positive Anreize zur Vermeidung. Unser Ziel ist es außerdem, in Zukunft einen konkreten Kodex für und mit Journalistinnen zu erarbeiten, um diskriminierende und diffamierende Berichterstattung über Frauen zu beenden.

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