Welcher CO2-Preis ist fair? | Wissen & Umwelt | DW | 08.05.2019
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Wissen & Umwelt

Welcher CO2-Preis ist fair?

In Deutschland wird heftig über eine CO2 Abgabe diskutiert. Welcher Preis hilft dem Klimaschutz, ist fair und sozial? Andere Länder sind schon weiter.

Der Ausstoß von CO2 verursacht immense Schäden: Das Weltklima heizt sich auf, Dürren und Überschwemmungen nehmen zu.

Nach Berechnungen des Umweltbundesamts (UBA) verursacht der Ausstoß von einer Tonne CO2 Kosten von rund 640 Euro. Das sind die Schäden, die durch die Zunahme von Wetterextremen und den Folgen wie Ernteausfälle, Verlust von Häusern in den nächsten 100 Jahren nach wissenschaftlicher Berechnung voraussichtlich entstehen werden. Tragen müssen diese Kosten vor allem die heute jungen Menschen und zukünftige Generationen.

Eine Tonne CO2 wird freigesetzt bei 4600 Kilometer Autofahrt mit dem Diesel-PKW (Verbrauch von rund 325 Liter) oder in einem ungedämmten Haus mit Ölheizung in einem Monat.

Klimawissenschaftler fordern seit langem, eine CO2 Abgabe einzuführen. Die Idee dahinter: Wer die Luft verschmutzt, soll dafür zahlen. Und ist der Preis entsprechend hoch ist, werden fossile Energien weniger genutzt, erneuerbare Energien ausgebaut und klimafreundliches Verhalten gefördert.

Basierend auf dieser Idee wurde 2005 der europäische Emissionshandel für die Industrie eingeführt. Kohlekraftwerke etwa müssen seitdem für CO2 Verschmutzung zahlen. Doch der Preis von früher 5 bis heute etwa 25 Euro pro Tonne CO2 war zu niedrig, um den gewünschten Lenkungseffekt zu erreichen. Und für zahlreiche Industrien gibt es Ausnahmeregelungen.

Mehr dazu: Deutschland verfehlt seine festgelegten Klimaziele für 2020 deutlich.

Infografik Was kostet Strom? DE

Welcher Preis hilft dem Klima?

Ein höherer Preis für CO2 wird zur Zeit stark diskutiert. "Der Preis für den Ausstoß von Treibhausgasen muss schnell so hoch werden wie die Kosten, die dadurch uns und zukünftigen Generationen entstehen", lautet etwa eine Forderung der Jugendbewegung Fridays for Future.

Und nicht nur für Energieunternehmen, auch für andere Bereiche wie Flugreisen, Autofahrten oder die Heizung sollten CO2 Abgaben gelten. 

Die Bewegung stützt sich auf Empfehlungen des Umweltbundesamtes (UBA). Die staatliche Behörde unterstützt die Bundesregierung mit wissenschaftlichen Analysen. Sie empfiehlt Kosten von "180 Euro pro Tonne CO2 anzusetzen", so Astrid Matthey vom Umweltbundesamt im DW Interview. Nach und nach solle dieser Kostensatz zur Bewertung von Umweltschäden weiter angehoben werden, "auf 205 Euro im Jahr 2030".

Auch andere Wissenschaftler empfehlen einen Preis für CO2 als ein Instrument für den Klimaschutz. Für die Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad müsste der CO2-Preis global gesehen auf 44 bis 88 Euro pro Tonne bis 2030 steigen, heißt es im Report der High-level-Commission on Carbon Pricing unter der Leitung von Nikolas Stern und Nobelpreisträger Josef Stiglitz.

Aber um das ambitioniertere Klimaziel von 1,5 Grad zu erreichen, müsste der CO2-Preis „ungefähr 3-4 mal so hoch" sein - 130 bis 350 Euro pro Tonne - schreibt Klimaökonom Otmar Edenhofer, Direktor des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung im Arbeitspapier für eine CO2-Preisreform für Deutschland

Mehr dazu: Edenhofer: Mit CO2-Einnahmen Steuern senken 

Infografik Umweltschäden durch Verkehr DE

Es kommt Bewegung in die Politik

Im Grundsatz sind sich viele Politiker in Deutschland einig mit Wissenschaftlern und Aktivisten. Ein Preis für CO2 kann ein wichtiges Element für den Klimaschutz sein.

"Dieses Thema wird mit allen beteiligten Ministerien nun intensiv erörtert", sagte ein Regierungssprecher der DW. Mehrere Gutachten zu Steuern auf CO2 und Treibhausgasen aus der Landwirtschaft wurden von den Ministerien in Auftrag gegeben.

Vorangetrieben wird die Debatte auch von Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD). Sie befürwortet eine CO2-Abgabe im Verkehr und bei der Gebäudeheizung mit fossilen Energien, damit es mehr Anreize für den Umstieg auf Elektromobilität und Gebäudesanierungen gibt.

Die Einnahmen aus einer CO2-Abgabe "wollen wir den Menschen wieder zurückzahlen", erklärt Schulze gegenüber dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel. "Dadurch werden mittlere und kleinere Einkommen entlastet. Die mit höheren Einkommen, großen Autos oder Häusern werden stärker belastet, weil sie sich das leisten können", so Schulze.

Der Koalitionspartner, die Union, zeigt sich bei diesem Thema sehr uneinig. Unterstützt wird die Forderung für eine CO2-Abgabe auch im Gebäude- und Verkehrssektor von der FDP, den Linken und den Grünen. 

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"Wir streiken bis ihr handelt": Die schwedische Schülerin Greta Thunberg rüttelt auf und macht vielen Mut.

Mehr dazu: Steuern auf fossile Energien helfen Klimaschutz

Welche Modelle sind sozial und intelligent?

In der deutschen Bevölkerung gibt es trotz starkem Wunsch für mehr Klimaschutz Vorbehalte gegen eine CO2-Steuer, 62 Prozent lehnt sie laut Umfragen derzeit ab.

Experten argumentieren, dass CO2-Abgaben sozial ausgewogen sein müssen und die Einnahmen an Unternehmen und Bürger zurückfließen oder im Gegenzug andere Steuern gesenkt werden. 

Vorbilder für eine umfassende CO2-Abgabe gibt es bereits in anderen Ländern wie der Schweiz, Schweden, Kanada und Großbritannien.

In der Schweiz liegt der Preis pro Tonne CO2 bei rund 90 Euro. Zwei Drittel dieser Einnahmen werden an die Bevölkerung und an Unternehmen direkt zurückgezahlt, ein Drittel indirekt durch Förderprogramme. 

Globaler Spitzenreiter bei einer CO2-Steuer ist derzeit Schweden mit rund 110 Euro pro Tonne CO2. Im Gegenzug wurden hier nach und nach andere Steuern gesenkt und die Bürger entlastet. 

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