Weil sie die Kippa trugen: Antisemitischer Angriff in Berlin | Aktuell Deutschland | DW | 18.04.2018
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Antisemitismus

Weil sie die Kippa trugen: Antisemitischer Angriff in Berlin

Der Vorfall sorgt für Fassungslosigkeit: In Berlin wurden zwei Männer angegriffen, weil sie Kippas trugen. Einer der Angegriffenen filmte die Attacke. Dabei sei er gar kein Jude, sagte er der Deutschen Welle.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg werden zwei junge Männer am Dienstagabend von einem arabisch sprechenden Mann antisemitisch beleidigt und mit einem Gürtel geschlagen
  • Er sei kein Jude, sondern israelischer Araber, habe aber die Kippa getragen, sagte einer der beiden der Deutschen Welle
  • Angesichts des Vorfalls erklärt das Jüdische Forum, dass Juden auch in gut situierten Stadtteilen der Bundeshauptstadt nicht mehr sicher seien   

Zwei junge Männer sind in Berlin angegriffen und antisemitisch beleidigt worden. Einer der Täter, ein arabisch sprechender Mann, schlug mit einem Gürtel auf eines der Opfer ein, wie die Polizei mitteilte. Die beiden 21 und 24 Jahre alten Männer trugen eine Kippa, eine traditionelle jüdische Kopfbedeckung, als sie am Dienstagabend in Prenzlauer Berg unterwegs waren. Der 21-jährige Israeli filmte den Vorfall mit seinem Smartphone. 

Er sei gar kein Jude, sagte der junge Mann namens Adam der Deutschen Welle. Er habe die Kippa getragen, nachdem ihm Freunde in Israel gesagt hätten, es sei gefährlich, sie öffentlich in deutschen Straßen zu zeigen. Er habe eigentlich zeigen wollen, dass es nicht gefährlich sei. "Es war eine Erfahrung, die Kippa zu tragen." Das schlimmste an dem Vorfall sei allerdings gewesen, dass sich viele Menschen in seinem Umfeld aufgehalten hätten, ihm aber niemand zu Hilfe gekommen sei.

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Adam: Die Leute sind einfach weitergegangen (englisch)

Im DW-Interview sagte er weiter, er komme aus einer atheistischen Familie israelischer Araber in Haifa und studiere nun in Deutschland. Er sei aber auf der Suche nach einer eigenen religösen Identität. "Ich werde die Kippa weiter tragen, egal was andere darüber denken", beteuerte er.

Das ins Internet gestellte Video zeigt einen jüngeren Mann, der mehrfach mit einem Gürtel auf das Opfer einschlägt und "Jahudi" ruft (arabisch für Jude). Der Angegriffene sagt: "Ich filme Dich". Daraufhin schiebt der Begleiter des Angreifers ihn weg. Im Hintergrund ruft eine Frau: "I call the Police." ("Ich rufe die Polizei.") Dann ruft der Angegriffene: "Jude oder nicht Jude, du musst damit klarkommen." 

Auf dem Video ist nicht zu sehen, was vor dem ersten Schlag passierte. Die Attacke sei ohne jeglichen Streit passiert, sagte der 21-Jährige dem israelischen Fernsehen (siehe Tweet unten, Interview auf Hebräisch). Er sei am Vorabend mit seinem deutschen Begleiter in Prenzlauer Berg "ganz normal auf der Straße gegangen - wir haben mit niemandem gesprochen". 

Dann hätten drei Männer plötzlich angefangen, sie zu beschimpfen. Erst hätten sie sie ignoriert, aber als die Beschimpfungen weitergingen, habe der Freund ihnen gesagt, sie sollten damit aufhören. "Dann wurden sie sauer, einer von ihnen rannte auf mich zu." 

Die Gruppe des Schlägers entfernte sich nach dem Angriff mit dem Gürtel vom Tatort, wurde jedoch von dem 21-Jährigen verfolgt. Daraufhin nahm der Schläger eine Glasflasche und versuchte den Verfolger damit zu schlagen, wie die Polizei mitteilte. Eine Zeugin ging dazwischen und verhinderte weitere Schläge des Täters. Der 21-Jährige wurde leicht verletzt, sein deutscher Begleiter blieb unverletzt. Der für politisch motivierte Taten zuständige Staatsschutz der Kriminalpolizei ermittelt. 

"Jüdische Menschen nicht sicher"

Der Sprecher des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus, Levi Salomon, erklärte, es sei unerträglich anzusehen, dass ein junger jüdischer Mann auf offener Straße im gut situierten Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg angegriffen werde, weil er sich als Jude zu erkennen gebe. "Das zeigt, dass jüdische Menschen auch hier nicht sicher sind", sagte Salomon und betonte: "Wir brauchen keine Sonntagsreden mehr, sondern es muss gehandelt werden."

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) verurteilte den Angriff. "Berlin ist insbesondere vor dem historischen Hintergrund des Holocaust dankbar, dass jüdisches Leben in unserer Stadt wieder sichtbar ist und einen wichtigen Beitrag zur Vielfalt unserer liberalen, offenen und toleranten Metropole leistet", teilte er mit. Es liege in der Verantwortung von Staat und Gesellschaft, die jüdische Gemeinschaft zu schützen, so Müller weiter. "Ich bin sicher, dass Polizei und Ermittlungsbehörden alles Notwendige unternehmen, um die Täter zu fassen und der Strafverfolgung zuzuführen.“

Sowohl Salomon als auch Müller äußerten sich zu einem Zeitpunkt, als noch nicht bekannt war, dass es sich bei dem jungen Mann mit Kippa nicht um einen Juden handelt.  

Der israelische Botschafter in Berlin, Jeremy Issacharoff, zeigte sich im DW-Interview "sehr besorgt" über die Entwicklung in Deutschland und nannte dabei auch den antisemitischen Vorfall vor einem jüdischen Restaurant in Berlin im vergangenen Dezember. Er forderte angesichts solcher Vorfälle eine "Null-Toleranz" und hofft, dass der Angreifer gefasst und mit der vollen Härte des Gesetzes bestraft werde.

Antisemitismus-Beauftragter Klein will Schulen fördern

"Das Problem betrifft alle", sagte Felix Klein, der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, im Interview mit der Deutschen Welle. Man müsse mit der vollen Macht der Justiz gegen die Übergriffe vorgehen, aber gleichzeitig die Ursachen bekämpfen. "Wir müssen bei der Bildung anfangen", sagte Klein, der nach den jüngsten Angriffen auf eine jüdische Schülerin in das neu geschaffene Amt berufen wurde. In den Schulen müsse ein Klima geschaffen werden, dass deutlich mache, dass solche Vorfälle nicht nur die Betroffenen, sondern die gesamte Gesellschaft beträfen.

Der Vorsitzende der Kultusministerkonferenz (KMK), Helmut Holter, rief angesichts jüngster antisemitischer Übergriffe an Schulen dazu auf, mehr Kenntnisse über das Judentum zu vermitteln. Es reiche nicht, erst zu reagieren, wenn etwas passiert sei, sagte der Thüringer Bildungsminister der "Passauer Neuen Presse". Pädagogen sollten darauf hinwirken, dass es erst gar nicht zu solchen Vorfällen komme. 

Die Kultusministerkonferenz traf sich mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland, um über Übergriffe an Schulen zu sprechen. Der Präsident des Zentralrates, Josef Schuster, forderte Schulen auf, Vorfälle nicht zu verschleiern, um den guten Ruf der Schule zu bewahren. 

"Wenig Wissen, viele Vorurteile"

Ab sofort können Lehrer auf der gemeinsamen Website www.kmk-zentralratderjuden.de  Materialien zum Thema Judentum herunterladen. Sie sollten damit fitter werden im Kampf "gegen Mobbing, blinde Wut, Hass und Gewalt", sagte Holter (Linke), der "Bild"-Zeitung. "Viele Schüler wissen sehr wenig über das Judentum, haben aber umso massivere Vorurteile", ergänzte Zentralratspräsident Schuster.

Jüngst hatte der Fall einer Berliner Grundschule bundesweit für Aufsehen gesorgt, an der eine Zweitklässlerin von älteren Schülern aus muslimischen Familien wegen ihrer jüdischen Religionszugehörigkeit beschimpft worden war.

mm/myk/stu/se (dpa, epd, berlin.de)
 

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