Weihnachten unperfekt | Spurensuche | DW | 06.12.2018
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Spurensuche

Weihnachten unperfekt

Gerade erst hat die Adventszeit begonnen – da laufen die Vorbereitungen auf das Weihnachtsfest schon auf Hochtouren. Schließlich soll ja alles ganz perfekt sein.

Perfektes Fest?

„Eine Trauung bei der alles gut geht, die vergisst man. Wenn aber was schief geht, da sprechen alle auch noch Jahrzehnte später drüber“, beruhigt der katholische Priester das Brautpaar. Sie katholisch, er evangelisch, beide ganz jung, wollen bei der Trauung alles richtig machen. Sie heiraten in einer katholischen Kirche mit Priester und evangelischer Pfarrerin, die die Predigt halten wird. So sind beide Familien mit ihren unterschiedlichen Konfessionen zufrieden. Nun sitzen sie hier mit dem Priester und der Pfarrerin zum Traugespräch zusammen. Und wollen alles bis ins Detail planen. Damit es eine ganz und gar perfekte Trauung wird. Die Pfarrerin und der Priester schmunzeln und blinzeln sich zu. Er ist klar: Hier muss ein bisschen Druck rausgenommen werden. Und so verweist der Priester darauf, dass die Pannenhochzeiten oft viel unterhaltsamer sind als eine perfekte Zeremonie. Und seine evangelische Kollegin stimmt ein. Beide fangen an zu erzählen von den kleinen Missgeschicken und lustigen Pannen, die sie erlebt haben und wie bis heute die Familien und Freunde eines Brautpaares darüber schmunzeln müssen. Mit diesen Missgeschicken erst wird das Fest einmalig, kein Abklatsch einer bühnenreifen Inszenierung. Planen kann man die lustigen Begebenheiten nun nicht. Aber es ist eben auch nicht schlimm, wenn sie passieren.

 

Die Weihnachtsgeschichte - eine Story voller Pannen

So wie man von Familienfesten, an denen irgendwas schief gelaufen ist, noch Jahre später spricht, so spricht man auch über Weihnachten vor allem deshalb auch heute noch, weil es im Kern ein ganz und gar unperfektes Ereignis ist. Was für diesen großen Tag im Leben eines Paares gilt, gilt auch für Weihnachten. Da wird alles durchgeplant, soll möglichst perfekt sein. Der Sauerbraten wie von Oma ruht tagelang in Lorbeer, Essig und Wacholderbeeren. Die Gans mit Rotkohl soll schmecken wie bei Tante Martha. Der Bratapfel perfekt gegart sein mit, Butterflöckchen und einer Kugel Vanilleeis. Rund und schön, wozu man sich nun noch extra einen Eiskugelformer kauft.

Doch allen, die an dem perfekten Fest basteln sei gesagt: Weihnachten, das ist ein ganz und gar unperfektes Ereignis. Da geht schon im Ursprung alles schief. Da schwängert der Heilige Geist, der für den göttlichen Nachwuchs sorgen soll, keine Königin, sondern ein einfaches, junges Mädchen, das noch nicht mal verheiratet ist. Da finden Maria und Josef keine Unterkunft und landen in einem Stall/einer Höhle. Da wird der Messias als Kuckuckskind in der Fremde geboren und nicht zu Hause im schönen Haus seines mittelständischen Vaters. Da kommen als erste die Hirten…

Perfekt sind nur der Gesang der Engel und der Glanz der Sterne am nächtlichen Himmel. Den Erlöser, den Messias, den Retter der Menschen aus Not und Elend stellte man sich schon damals als starken Helden, als König vor. Und es kam der kleine Säugling. Der die Arme seiner Mutter entgegenstreckt, angewiesen auf Wärme, Nahrung, Geborgenheit, liebevolle Zuwendung.

Deshalb ist mein wichtigster Rat für eine perfekte Weihnachtsvorbereitung: Sorgen Sie dafür, dass es nicht perfekt wird. Kaufen Sie eine Tanne, die keiner haben will, die etwas schief ist, oder wo hier und da Zweige fehlen oder die gar zwei Spitzen hat. Lassen Sie es drauf ankommen, dass die Torte nicht wie aus der Konditorei aussieht, sondern vielleicht ein bisschen verunglückt. Und falls die kleine Paula und der kleine Leon ausgerechnet mit dem Weihnachtsoutfit noch schnell einmal die Fingerfarben ausprobieren mussten – nehmen Sie sie mit den bunten Flecken auf der Festkleidung und im Gesicht mit zu Oma und Opa. Da haben Sie gleich Gesprächsstoff und können getrost und laut wie die Engel die Weihnachtsbotschaft verkündigen: Siehe, ich verkünde euch große Freude.

In diesem Sinn eine entspannte Adventszeit!

 

Evangelische Pfarrerin Petra Schulze (Petra Schulze)

Landespfarrerin Petra Schulze, Jahrgang 1965, studierte Evangelische Theologie, Publizistik und Sozialpsychologie in Bochum.Sie absolvierte eine Jahreshospitanz beim WDR-Hörfunk sowie ein mehrwöchiges Praktikum beim WDR Fernsehen in Köln und ist seitdem für den WDR und andere Sender als freie Journalistin tätig sowie u.a. für die Wochenzeitung „Unsere Kirche“.