Weg von der Braunkohle – doch wie grün ist Dein Ökostrom? | Wissen & Umwelt | DW | 15.10.2018
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Wissen & Umwelt

Weg von der Braunkohle – doch wie grün ist Dein Ökostrom?

Immer mehr Bürger wechseln den Stromanbieter, weg von RWE und Kohlestrom. Die Debatte über den Hambacher Forst verstärkt diesen Trend. Doch wie gut sind die Ökostromtarife für den Kohleausstieg? Die DW hat recherchiert.

Demonstrantin am Hambacher Forst mit Schild Nein zu Kohlestrom (DW/G. Rueter)

Demonstrantin am Hambacher Forst: Der Wille, viel zu verändern, wächst durch die Klimabewegung

Die Umfragen sind eindeutig und zeigen einen klaren Trend: In Nordrhein-Westfalen lehnen 79 Prozent der Bürger die von RWE forcierte Rodung des Hambacher Forsts ab, wie der öffentlich-rechtliche Sender WDR berichtet. 68 Prozent befürworten einen früheren Ausstieg aus der Braunkohle.

Laut einer zeitgleich veröffentlichten Umfrage von Emnid im Auftrag von Greenpeace Energy erwägt jeder dritte Stromkunde wegen den Auseinandersetzungen um den Hambacher Forst den Wechsel zu Ökostrom. 

"Viele Verbraucher haben die Nase voll vom aggressiven Verhalten des RWE-Konzerns im Hambacher Wald und kehren der konventionellen Energiewirtschaft den Rücken", sagt Sönke Tangermann, Vorstand bei Greenpeace Energy. 

Mehr dazu: Hambacher Forst: DW-Faktencheck

Proteste am Hambacher Wald (DW/G. Rueter)

Klare Ansage auf der Demo am Hambacher Wald: Die Bewegung zum Stromanbieterwechsel wächst von unten

In den vergangenen Wochen bekamen ambitionierte Ökostromanbieter den Wechselwillen von vielen Bürgern sehr deutlich zu spüren. Ein großer Auslöser war die Räumung von Baumhäusern im Hambacher Wald im Vorfeld einer zunächst geplanten aber dann abgesagten Rodung. "Wir haben seitdem drei- bis viermal so viele Stromkunden hinzugewonnen wie in der Zeit zuvor", sagt Christoph Rasch von Greenpeace Energy der DW. "Zu den rund 130.000 bestehenden Stromverträgen kommen pro Woche zwischen 570 und 770 Neuverträge netto hinzu."

"Bei uns hat sich die Zahl der Abschlüsse mehr als verdoppelt auf 400 bis 600 Verträge pro Woche", sagt auch Volker Walzer vom Ökostrom-Anbieter Lichtblick. Seine Firma hat bereits etwa 542.000 Stromkunden. "Besonders stark war der Zuwachs aus NRW."

Ähnliche Zuwachsraten verzeichnet auch die Firma Naturstrom mit rund 240.000 Kunden. "Etwa jeder dritte Neukunde kam aus einem Umkreis von 50 Kilometern um den Hambacher Forst und mindestens jeder fünfte Neukunde bezog zuvor seinen Strom von RWE, beziehungsweise von der Tocher Innogy", so Tim Loppe von dem Stromanbieter gegenüber DW. 

Mehr dazu: Weltklimarat: 1,5-Grad-Ziel nur mit enormen Anstrengungen noch möglich

Protestschild Vorweg gehen am Hambacher Wald (DW/G. Rueter)

Das Verhalten von RWE am Hambacher Forst empört viele. Sie wollen deshalb den Stromvertrag wechseln

RWE-Tochter Innogy gibt sich gelassen

Der RWE-Konzern hat bislang großen Einfluss in vielen Kommunen und ist Miteigentümer an über 100 regionalen Energieversorgern und Stadtwerken. Der RWE-Strom wird dorthin geliefert und zudem auch direkt über die eigene RWE-Tochter Innogy und deren Tochter Eprimo verkauft.

Innogy gibt sich gegenüber der DW gelassen. Einige Kündigungen würden zwar wahrgenommen, doch sei dies "kein Hype und kein Grund zur Beunruhigung" im Unternehmen, betont Pressesprecher Klaus Schultebraucks. "Eine größere Kundenwechselrate ist nicht festzustellen aufgrund der Thematik vom Hambacher Forst. Aber wir verstehen, dass sich viele damit beschäftigen. Das bekommen auch unsere Kundenmitarbeiter mit und reagieren mit Verständnis."

Zahlen zu den Kündigungen will Innogy allerdings nicht nennen. Etwas mehr als drei Millionen Stromkunden habe Innogy und das Tochterunternehmen Eprimo zusammen. Stromwechsel seien in diesem Sektor nicht ungewöhnlich, erklärt Schultebraucks. "Wenn es jetzt Tausende wären, die gekündigt hätten, so hätten wir das gemerkt." 

Schultebraucks beobachtet aber ebenfalls das große Interesse an dem Bezug von sauberem Strom. "Der Trend zu Ökostrom ist da. Etwa jeder zweite Kunde schließt inzwischen Verträge zu Ökostrom", sagt er. Auch über Innogys Discountertochter Eprimo wird ein solcher Ökstromtarif unter dem Namen PimaKlima verkauft.

Norwegen Wasserkraftwerk am Kobbvatnet (picture-alliance/H. Bäsemann)

Wasserkraft in Norwegen: Durch Handel mit Zertifikaten wird aus deutschem Kohlestrom auf dem Papier Ökostrom.

Ökotarife – ohne Nutzen fürs Klima

Rund 50 Millionen Stromkunden gibt es in Deutschland. Nach Angaben der Bundesnetzagentur bezieht schon jeder fünfte Haushalts- und Gewerbekunde Strom, der als sogenannter Ökostrom verkauft wird. Eine genaue Definition dieses Begriffs und einen gesetzlichen Schutz wie beim EU-Biosiegel gibt es hier indes nicht.

Laut Vergleichsportal Check24 bieten inzwischen über 1000 Anbieter über 8000 sogenannte Ökostromtarife in Deutschland an.

Viele Ökostromanbieter arbeiten bei ihren Angeboten mit Zertifikaten. Darin wird lediglich garantiert, dass der verkaufte Ökostrom an irgendeiner Stelle in Europa auch ökologisch erzeugt wird. Neben dem in Deutschland per Gesetz geförderten Ökostromanteil (EEG), handelt es sich dann meist nur um den Nachweis, dass die entsprechende Strommenge mit bestehenden Wasserkraftwerken in Norwegen produziert wird.

Einen besonders positiven Klimaeffekt haben diese Tarife jedoch nicht. Das bestätigt auch Innogy-Sprecher Schultebraucks der DW. Neue zusätzliche Ökostromanlagen werden mit solchen Tarifen deshalb nicht gebaut und gefördert. Auch laufen bei diesen Tarifen die Kohlekraftwerke in Deutschland ungebremst weiter.

Proteste am Hambacher Wald fordern den sofortigen Kohleausstieg (DW/G. Rueter)

Kohleausstieg jetzt! Entschlossen und optimistisch zeigt am Hambacher Wald die junge Klimabewegung.

Was empfehlen Umwelt- und Verbraucherverbände?

Bei der Suche nach einem nachhaltigen Ökostrom helfen die großen Suchportale Check24 und Verivox nicht. Die nötigen Informationen für eine sachgerechte Auswahl oder ein Ranking nach Qualität und Klimafreundlichkeit fehlt hier.

Was also tun? Wer mit seinem Stromvertrag den Klimaschutz fördern will, sollte "einen der vier großen Ökostrom-Pioniere wie Lichtblick, Naturstrom, EWS Schönau oder Greenpeace Energie wählen", sagt Udo Sieverding von der Verbraucherzentrale NRW. Er könne auch darauf achten, dass der Ökostromtarif das ok-power-Siegel vom Verein Energievision hat oder das Grüner-Strom-Label der Verbraucherschutz- und Umweltverbände. Auch die Liste EcoTopTen des Öko-Instituts ist nach Angaben der Verbraucherzentrale bei der Auswahl hilfreich. 

Sieverding empfiehlt aber auch noch an anderen Stellen aktiv zu werden und ganz konkret etwas für den Klimaschutz zu tun. "Dazu gehört ein neuer sparsamer Kühlschrank, die Wärmedämmung des Hauses, Wärmepumpen, eine Solaranlage auf dem Hausdach und die Elektromobilität. Man soll schauen was man selber machen kann", so Sieverding.

Mehr dazu: Energie vom Dach wird zum Trend 

Proteste am Hambacher Wald (DW/G. Rueter)

Plakat im Hambacher Wald. Tausende zeigen sich tief bewegt über den Umgang mit Zukunft und Energie.

Welche Ökostromanbieter in Deutschland dem Klimaschutz und Kohleausstieg am meisten nützen, haben sowohl Öko-Test und die Umweltorganisation Robin Wood untersucht. Neben den erwähnten vier Ökostrom-Pionieren empfiehlt Robin Wood nur noch sieben weitere überregionale Anbieter.

Öko-Test empfiehlt in seiner Spezialausgabe die gleichen Stromanbieter wie Robin Wood und bewertet diese im Gesamturteil mit der Note "Sehr gut". Acht weitere Anbieter erhalten bei Öko-Test ebenfalls noch diese Bestnote, darunter Stadtwerke, Energiegenossenschaften, Privatinitiativen und Startups. 

Ein wichtiges Kriterium bei der Bewertung von Ökotarifen ist, ob und wie diese den Ausbau der Erneuerbaren Energien zusätzlich vorantreiben und so den Klimaschutz aktiv unterstützen. Ökotarife, die von Unternehmen vertrieben werden, die ihr Geld auch mit konventioneller Stromproduktion verdienen, erhalten keine Bestnote.

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