Was uns Karl der Große heute sagt | Kultur | DW | 22.07.2015
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Kultur

Was uns Karl der Große heute sagt

Erster Europäer, Barbar, christlicher Kriegsherr - es gibt viele Etiketten, die Karl dem Großen anhaften. Jetzt kehrt sein Schrein zurück in den Aachener Dom. Höchste Zeit, mit dem ein oder anderen Mythos aufzuräumen.

Mal ehrlich: Vor Karl dem Großen war Westeuropa ein ziemlich trostloser Landstrich, ein weißer Fleck auf der Landkarte, zivilisatorisch und kulturell weit hinter das zurückgefallen, was die Antike geschaffen hatte. Umso beeindruckender erscheint das, was Karl als sein Vermächtnis hinterließ. Als er am 28. Januar 814, vor 1200 Jahren, in seiner Lieblingsresidenz, der Aachener Kaiserpfalz starb, hatte er aus sich bekämpfenden Völkern ein Reich zusammengeschmiedet, die Wirtschaft angekurbelt, eine funktionierende Verwaltung aufgebaut und eine Bildungsoffensive gestartet.

Mehr Fragen als Antworten

Stellt sich also die Frage: Wer war dieser Mann, dem scheinbar Unmögliches gelang? Über Persönliches ist die Quellenlage dürftig. Der Todestag steht fest, nicht aber der Geburtstag bzw. das Geburtsjahr. Der deutsche Mittelalterforscher Johannes Fried hat eine vielbeachtete Biographien über Karl den Großen geschrieben. Er nennt den 2. April des Jahres 748 - und fügt einschränkend hinzu - "mit einiger Wahrscheinlichkeit". Wo, weiß man nicht genau.

Das Oktogon ließ Karl nach byzantinischem Vorbild als Kapelle seiner Pfalz in Aachen errichten Foto: Andreas Herrmann

Das Oktogon ließ Karl nach byzantinischem Vorbild als Kapelle seiner Pfalz in Aachen errichten

Der zweite deutsche Historiker, der zum 1200. Todestag ein Buch über Karl geschrieben hat, ist Stefan Weinfurter. Darin verweist er darauf, dass es viele Orte gibt, die sich rühmen, Geburtsort des großen Herrschers gewesen zu sein. Möglich, dass es im Kloster Prüm in der Eifel, oder in Düren unweit von Aachen oder in Quierzy in Nordfrankreich war. Man weiß es nicht. Fest steht: Karls Mutter war Bertrada, eine Grafentochter aus Laon, sein Vater Pippin der Jüngere, geboren in Saint-Denis bei Paris, und seit 751 König der Franken.

Was zur nächsten Frage führt: Wer waren die Franken - Deutsche, Franzosen? Weder noch, oder auch beides. Das Kerngebiet der Karolinger, der Dynastie Karls des Großen, lag zwischen Aachen und Metz. Dem Großvater Karls war es gelungen, die beiden Hauptteile des fränkischen Reiches zusammenzuführen: Neustrien lag im Westen und reichte von Paris über Soissons, und von Tours bis Nantes. Austrien war der östliche Landesteil, den man sich innerhalb eines Vierecks von Tournai, Köln, Metz und Fulda vorstellen kann. Innerhalb dieses Reiches lebte ein buntes Vielvölkergemisch mit ihren eigenen Traditionen und Normen: "Es gab die Romanen, die Westgoten, die Langobarden, die Alemannen, die Bayern et cetera", sagt der Historiker Stefan Weinfurter.

Ein einigendes Band musste her

Es war also kein leichtes Erbe, das Karl mit gerade mal 20 Jahren antrat. Er stand nun vor der Aufgabe, aus dem Flickenteppich ein Reich zu formen. Eine Aufgabe, an denen sich seine Vorgänger die Zähne ausgebissen hatten. "Es war nicht einfach für Karl, hier eine Grundlage einzuziehen, die für alle verbindlich war. Diese Grundlage waren die kirchlich-christlichen Gesetze. Sie lieferten die Normen und Werte für die gesamte Ordnung der Gesellschaft in Karls Reich", erklärt Stefan Weinfurter. Karls Erfolg als Herrscher beruht nach seiner Überzeugung auf dem Herrschaftskonzept der Vereinheitlichung.

Karlsstatue vor dem Aachener Rathaus (Foto: Andreas Herrmann)

Karlsstatue vor dem Aachener Rathaus

Es ging darum, für das ganze fränkische Reich verbindliche Standards und rechtliche Normen einzuführen. "Zur Vereinheitlichung gehören auch einheitliche Maße und Münzen, um gewissermaßen einen einheitlichen Wirtschaftsraum herzustellen." Der von Karl eingeführte Silberdenar ist somit eine Art Vorläufer des Euro. "Karl hat außerdem ein effizientes Kommunikationsnetz ausgebaut, ein Botennetz. So konnte ein Bote binnen weniger Tage weite Strecken überwinden", fügt Weinfurter hinzu.

Der Gottesstaat

Karl ordnete Kirche und Reich, schuf ein effizientes Militär und stieß eine gewaltige Bildungsoffensive an. Eine Schulpflicht für alle, auch für Mädchen, schwebte Karl vor. "Die Verbindung von Politik, Wissenschaft und Bildung spielt in der damaligen Zeit eine so große Rolle, dass manche Wissenschaftler heute zu dem Schluss kommen, es habe niemals wieder eine derartige Bildungsoffensive in Europa gegeben wie damals."

Nicht alle Ideen konnte Karl umsetzen, aber: Er hatte eine Vision, die er Stück für Stück in die Tat umsetzte. "Er wollte eine Art Gottesreich auf Erden aufbauen. Die Menschen seines Reichs verkörperten "das Volk Gottes", populus dei, und allein ihre Ordnung führte zum Seelenheil, zur Rettung der Seelen." Die Blaupause dazu fand Karl in einem Werk names "De Civitate Dei", "Über den Gottestaat". Sie stammt aus der Feder des Kirchengelehrten Augustinus, geschrieben lange vor Karls Zeit, nämlich Anfang des 5. Jahrhunderts. "Dieses Buch, das sich Karl besonders gerne vorlesen ließ, kann geradezu als eine Anleitung für die Politik Karls des Großen gelten", unterstreicht Stefan Weinfurter.

Wo Licht ist, ist auch Schatten

Der Aachener Dom steht seit 1978 auf der Liste der UNESCO-Weltkulturerbe. (Foto: Jörg Hempel)

Der Aachener Dom steht seit 1978 auf der Liste der UNESCO-Weltkulturerbe.

"Karl war groß, ein Hüne von Gestalt, ein ganzer Kerl; um Haupteslänge überragte er die meisten seiner Zeitgenossen", schreibt der Historiker Johannes Fried. Und er war nicht zimperlich mit seinen Gegnern. Nur in zwei seiner 46 Herrschaftsjahre führte er keinen Krieg, manchmal sogar an mehreren Fronten. Doch der Krieg gegen die Sachsen gilt als das blutigste Kapitel in der Vita Karls. Es gab dauernd Grenzstreitigkeiten und kleinere Scharmützel mit dem Volk an der östlichen Reichsgrenze. Im Jahr 772 schien es der König leid zu sein: "Karl wollte die Gefahr, die von diesen Sachsen ausging, ein für allemal gebannt wissen", berichtet Johannes Fried. Es folgten 33 Jahre Krieg. Am Ende waren die Sachsen gedemütigt, unterjocht und zwangsweise zum christlichen Glauben bekehrt. Karl der Glaubenskrieger, der für sein Konzept des Gottesstaates mit dem Schwert focht.

Karl war grausam und fromm zugleich: Das Weihnachtsfest des Jahres 800 feierte er in Rom, zusammen mit Papst Leo. Über das, was am 25. Dezember geschah, existieren verschiedene Versionen. Fakt ist: Papst Leo krönte Karl zum Kaiser. Fraglich ist: Wer führte Regie? "Hätte er, Karl, geahnt, was der Papst vorhabe, hätte er trotz des hohen Festes die Kirche nicht betreten, so kolportierte sein Biograph Einhard. Die Historiker rätseln seit eh und je über diesen Satz", heißt es in Frieds aktueller Karl-Biographie.

Kaiser wider Willen?

Wollte er Kaiser sein oder wollte er nicht? "Die Antwort kann nur lauten: Karl wollte mit Sicherheit! Es gibt zu viele Hinweise darauf. In seiner Umgebung hat man ihn schon vorher wie einen Kaiser behandelt", steht für Stefan Weinfurter fest. Auch wenn es daraufhin immensen Ärger mit dem Kaiser in Byzanz gab, der sich als einzigen legitimen Nachfolger des römischen Kaisertums sah. Aber auch diesen Konflikt focht Karl aus mit diplomatischen und kriegerischen Mitteln - letztlich erfolgreich.

Das Plakat zu den drei Ausstellungen, die die Stadt Aachen dem großen König widmet. Sie werden ab Juni 2014 zu sehen sein. (Foto: Stadt Aachen)

Die Stadt Aachen widmet Karl drei große Ausstellungen, die ab Ende Juni zu sehen sein werden.

Glaubenskrieger, christlicher Kaiser, Modernisierer: Was bleibt unter dem Strich? War Karl der Große ein "guter" oder ein "böser" Herrscher? Diese Frage beantworte jede Zeit anders, sagt Stefan Weinfurter. Schon unmittelbar nach seinem Tod war er für die einen ein hochverehrter Kaiser. "Für andere war er ein Bösewicht mit sexuellen Ausschweifungen, die ihn in die Vorhölle gebracht haben." Napoleon habe ihn instrumentalisiert. Die Nationalsozialisten auch: "Übrigens auf zweierlei Weise: als Vater eines germanischen Europa und zum anderen als Sachsenschlächter. Es sind diese beiden Bilder, gut - böse, die Karl begleiten."

Was bleibt unter dem Strich?

Und als was gilt Karl uns heutigen Zeitgenossen? "Er ist nicht mehr die große Symbolfigur für die politische und gesellschaftliche Einigung eines Kontinents. Das ist längst vorbei", meint Weinfurter. Zumal der karolingische Einheitsstaat mit seiner Staatsreligion nichts mit dem heutigen transkulturellen und areligiösen Europa zu tun habe. "Karls Bedeutung für uns heute liegt darin, dass er einen Wissensspeicher angelegt hat, der nicht nur in Europa eine Rolle spielt, sondern weit darüber hinaus. Er hat die besten Gelehrten an seinen Hof geholt, durch die uns die antike Kultur vermittelt wurde." Sie haben die Grundlage für unseren Kalender gelegt und für unsere Schrift. "Sie stammt aus der Zeit Karls des Großen und ist eben nicht, wie die Humanisten sie genannt haben, eine "lateinische Schrift", sondern eine karolingische Schrift."

Times New Roman ist die Schrift, die der in Karls Reich verwendeten Minuskelschrift am nächsten kommt. Ob Kalender oder Computerschrift, von uns Zeitgenossen des Jahres 2014 weitgehend unbemerkt, ist das kulturelle Erbe Karls des Großen unser stetiger Begleiter.

Zum Weiterlesen:

Stefan Weinfurter: Karl der Große. Der heilige Barbar, München 2013

Johannes Fried: Karl der Große. Gewalt und Glaube, München, 2. Auflage 2014

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