Was tut Europa gegen wachsende Verluste durch Onlinebetrug?
14. Juni 2026
Laut einer in dieser Woche veröffentlichten wegweisenden Studie zu Onlinebetrug in Europa waren 75 Prozent der Erwachsenen im vergangenen Jahr Ziel eines Betrugsversuchs. Obwohl 71 Prozent der Befragten sich zutrauten, Betrugsversuche zu erkennen, traten acht Prozent der Betroffenen mit den Betrügern in Kontakt. Unter den Eltern sagten 16 Prozent, dass ihre Kinder von Betrügern kontaktiert worden seien.
In den europäischen Ländern, die in der Studie untersucht wurden, wurden in den vergangenen zwölf Monaten Verluste von etwa 50 Milliarden Euro (57,7 Milliarden US-Dollar) verzeichnet, so die Studie der Global Anti-Scam Alliance (GASA), einer gemeinnützigen Organisation, für die rund 22.000 Menschen in 15 europäischen Ländern befragt wurden.
Von den Teilnehmenden, die mit einem Betrugsversuch konfrontiert waren, erlitten 22 Prozent einen finanziellen Schaden oder Datenverlust, nur 39 Prozent davon meldeten den Vorfall jedoch den Behörden. Die finanziellen Verluste beliefen sich im Schnitt auf 2369 Euro (2735 US-Dollar), wobei die höchsten durchschnittlichen Verluste in der Schweiz, Dänemark und Belgien verzeichnet wurden. Für Deutschland schätzt GASA die Verluste in den vergangenen zwölf Monaten auf etwa 10,6 Milliarden Euro.
Etwa 35 Prozent der Befragten, die ihren Verlust meldeten, erhielten von der Organisation, bei der sie diesen gemeldet hatten, ihr Geld zurückerstattet.
"Betrugsversuche werden meist durch gewohnheitsmäßiges Handeln, wie das Ignorieren unaufgefordert eingehender E-Mails, vereitelt, nicht durch gezielte Maßnahmen", heißt es im GASA-Bericht.
"Der Hälfte der Opfer wird erst nach einem Eingreifen von außen oder nachdem sie Geld verloren haben, bewusst, dass sie betrogen wurden", heißt es weiter.
Die Betrugsfabriken Südostasiens
Der GASA-Bericht enthält keine Angaben dazu, wie viele europäische Opfer von Südostasien aus kontaktiert werden - der Region, die in den vergangenen Jahren zu einem zentralen Knotenpunkt für Internetbetrug geworden ist.
Im Jahr 2024 schätzte das United States Institute of Peace den Wert der Onlinebetrugsbranche in Kambodscha auf nahezu 11 Milliarden Euro (12,7 Milliarden US-Dollar) pro Jahr, etwa die Hälfte des offiziellen BIPs des Landes. Zusammen mit Betrugsfabriken in Myanmar und Laos könnten diese Verbrechersyndikate über 37,9 Milliarden Euro erwirtschaften.
Im April 2025 ging das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) davon aus, dass die großangelegten Betrugsfabriken jährlich nahezu 34 Milliarden Euro Gewinn erzielen.
Die Betrugsindustrie war nicht der einzige Faktor in der tödlichen Grenzkrise zwischen Thailand und Kambodscha, die 2025 ausbrach. Dennoch hat Bangkok die Betrugsfabriken hinter der Grenze wiederholt als Bedrohung für die nationale Sicherheit eingestuft. Auch die Behörden in Thailand begründen Grenzkontrollen und Unterbrechungen von Versorgungswegen mit dem Ziel, illegale Betrugsfabriken in Kambodscha zu zerschlagen.
Viele der Onlinebetrugsnetzwerke in der Region scheinen von kriminellen chinesischen Banden geführt zu werden, doch angesichts der steigenden Summen, um die auch chinesische Staatsbürger betrogen werden, hat die Bekämpfung dieser Netzwerke mittlerweile auch für Peking Priorität.
In Myanmar übt China erheblichen Druck auf die verschiedenen Akteure im Bürgerkrieg aus, gegen die Betrugsfabriken vorzugehen. Analysten warnen jedoch, dass Razzien die Netzwerke oft lediglich vertreiben, sie aber nicht zerschlagen.
Außerdem übt Peking Druck auf Kambodscha aus, in China geborene Betrüger, darunter auch Chen Zi, auszuliefern, um sie in China vor Gericht zu stellen.
Europa hinkt den USA hinterher
Washington hat bereits deutlich mehr Schritte zur Bekämpfung des Problems unternommen als Brüssel. Im vergangenen Oktober verhängte das US-Finanzministerium gemeinsam mit Großbritannien Sanktionen gegen 146 Personen und Organisationen mit Verbindungen zur in Kambodscha ansässigen Prince Group, einem der größten Mischkonzerne des Landes, der von Washington als grenzübergreifende kriminelle Vereinigung eingestuft wird.
Im selben Monat klagte das US-Justizministerium Chen Zhi, den Vorsitzenden der Prince Group und früheren Berater des kambodschanischen Premierministers, wegen des mutmaßlichen Einsatzes von Zwangsarbeitenden in den Betrugsfabriken an, und stellte eigenen Angaben zufolge den bislang größten Antrag auf Beschlagnahme, bei dem es um Bitcoin im Wert von rund 15 Milliarden US-Dollar geht.
Desweiteren ergriff Washington Maßnahmen gegen die in Kambodscha ansässige Huione Group, einen weiteren großen Mischkonzern, und verhängte Sanktionen gegen Senatoren und Industriemagnate, die der herrschenden Hun-Familie nahe stehen.
Die EU dagegen hat bislang erst einmal wegen Onlinebetrugs Sanktionen gegen südostasiatische Unternehmen verhängt. Im Oktober 2024 tat der Rat der EU dies gegen drei mit der Thit Linn Myaing Group in Myanmar in Verbindung stehende Einzelpersonen.
"Im Vergleich mit den USA, China und dem Vereinigten Königreich engagiert sich die EU weniger sichtbar im Kampf gegen das Betrugsökosystem in Südostasien", sagte Brian D. Hanley, Leiter der Abteilung Asia-Pacific bei GASA zur DW. "Leider werden diese Netzwerke als regionales Problem betrachtet, nicht als Problem für die globale Sicherheit."
"Ein weiteres Problem ist die Fragmentierung. Kompetenzen sind über verschiedene EU-Institutionen und Mitgliedländer verteilt", bedauert er. "Doch die Folgen für Europas Bürger sind real und werden größer. Der aktuelle Umgang damit wird dem Ausmaß der Bedrohung nicht gerecht."
Packt Brüssel das Problem an?
Am 21. April organisierte die EU gemeinsam mit Thailand und den ASEAN-Staaten das ASEAN Regional Seminar on Online Scams Fighting, ein Seminar zur Bekämpfung von Onlinebetrug, in Bangkok, an dem Vertreter von Strafverfolgungsbehörden, Regulierungsbehörden, Finanzbehörden, zivilgesellschaftlichen Gruppen und internationalen Organisationen teilnahmen.
"Betrugsmaschen im Internet entwickeln sich schnell. Doch unsere Zusammenarbeit kann sich schneller entwickeln", wurde Luisa Ragher, EU-Botschafterin in Thailand, nach der Veranstaltung zitiert.
In einer gemeinsamen Erklärung nach dem 25. ASEAN-EU-Ministertreffen in Brunei einige Tage später wurde wiederholt auf Onlinebetrug und Betrugszentren in Südostasien Bezug genommen. "Wir wissen, wie wichtig es ist, die Zusammenarbeit bei neuen Sicherheitsherausforderungen wie Cyberbedrohungen, Onlinebetrug und damit verbundenen Straftaten ebenso wie bei der Bekämpfung von Desinformationen und Falschinformationen zu vertiefen", heißt es in der Erklärung.
Im März sagte Magnus Brunner, EU-Kommissar für Inneres und Migration, auf dem Global Fraud Summit 2026 in Wien, die Europäische Kommission wolle vor dem Sommer 2026 einen EU-Aktionsplan zur Bekämpfung von Digitalbetrug vorlegen.
Für viele Beobachter ist dies ein Hinweis darauf, dass Brüssel beginnt, Onlinebetrug nicht länger nur als Verbrauchertäuschung einzustufen, sondern als organisiertes Verbrechen und Menschenhandel.
Ein Grund dafür, warum europäische Länder sich nicht so aktiv bei der Bekämpfung des Onlinebetrugsproblems in Südostasien beteiligen, könnte sein, dass Informationen über europäische Opfer fehlen, meint Jason Tower, leitender Experte bei der Global Initiative Against Transnational Organized Crime, gegenüber der DW.
"Länder wie Deutschland und Frankreich beginnen zunehmend Ressourcen in die Aufklärung der Öffentlichkeit zu stecken", sagt Tower. "Es gibt jedoch eine große Lücke, denn die EU hat noch nicht damit begonnen, die verschiedenen zur Verfügung stehenden Instrumente wie Sanktionen und strenge Regulierungsmaßnahmen gegen Fintech- und Social-Media-Unternehmen, die von Kriminellen zu Betrugszwecken genutzt werden, einzusetzen."
Der Bericht von GASA könnte dabei helfen. Für Tower muss der nächste Schritt darin bestehen, die Sensibilisierung der Öffentlichkeit mit härteren Maßnahmen zu verbinden: mehr Daten zu Opfern, größerer Druck auf Plattformen und Zahlungssysteme sowie besser koordinierte nationale Maßnahmen in ganz Europa.
Die Erfahrungen anderer Länder, die Ziel von Betrugsmaschen sind, zeigten, dass es immer wichtiger werde, dass diese Maßnahmen auf nationaler Ebene Fahrt aufnehmen, betont Tower.
Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.