Warum kehren so viele Nigerianer ihrer Heimat den Rücken? | Aktuell Afrika | DW | 25.04.2018
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Nigeria

Warum kehren so viele Nigerianer ihrer Heimat den Rücken?

Zehntausende Nigerianer wagen jährlich die gefährliche Reise nach Europa. Davon fliehen, anders als oft erwartet, die meisten nicht vor dem Terror der islamistischen Gruppierung Boko Haram.

Nigeria Flüchtlinge kehren nach Lagos zurück (picture alliance/dpa/AP Photo/S. Alamba
)

In Libyen gestrandete Flüchtlinge werden wieder nach Nigeria geflogen

Jeden zweiten Samstagabend trifft sich George Okeke (Name von Redaktion geändert) mit rund 30 Landsleuten in einem interkulturellen Begegnungszentrum. Die Nigerianer unterstützten sich gegenseitig, besprechen etwa juristische Probleme oder Schwierigkeiten bei der Arbeit in Deutschland. Ein Ziel, erklärt Okeke, sei aber auch, andere Nigerianer von dem Plan, nach Europa zu kommen, abzubringen: "Wenn es Ihnen einigermaßen gut geht, sollten sie besser in Nigeria bleiben. Hier in Europa gibt es nicht viel für sie."

Okeke selbst ist seit 2001 in Deutschland. Der heute 50-Jährige reiste damals mit einem Geschäftsvisum ein, das einen Monat gültig war. Doch er lernte eine Deutsche kennen, die schwanger wurde. Als Vater des Kindes konnte Okeke in Deutschland bleiben, er hat mittlerweile eine kleine Firma und exportiert Gebrauchtreifen nach Nigeria.

Doch Okekes Geschichte ist eher eine Ausnahme. Die meisten Nigerianer haben nur geringe Chancen, legal in Deutschland oder einem anderen europäischen Land bleiben zu können. Von den jährlich Zehntausenden Asylbewerbern aus dem westafrikanischen Land werden nur wenige Prozent anerkannt. Das scheint aber nicht viele abzuhalten: So waren Nigerianer 2017 in der EU nach Syrien, Afghanistan und dem Irak die viertgrößte Gruppe von Erstantragsstellern. Und dann gibt es auch noch die, die sich illegal in Europa aufhalten.

Obwohl das Land nach Südafrika auch die leistungsstärkste Volkswirtschaft des Kontinents ist, hat die arme Mehrheit der Bevölkerung - dank wuchernder Korruption und ungleicher Chancen - nicht viel davon. Auch der fallende Ölpreis und die vor allem im Nordosten aktive Terrormiliz Boko Haram haben dem Land in den letzten Jahren zugesetzt.

Terror ist nicht der Hauptgrund

Jedoch sind die Nigerianer, die nach Europa kommen, größtenteils nicht vor Boko Haram geflohen. Von den knapp 1,8 Millionen von der Islamistengruppe Vertriebenen haben die meisten vielmehr in anderen Teilen des Landes Zuflucht gesucht, manche auch in Nachbarländern. Denn sie hoffen, irgendwann in ihre Heimatdörfer zurückkehren zu können. Die Regierung unter Präsident Muhammadu Buhari hat bereits mehrfach bekanntgegeben, dass Boko Haram "technisch besiegt" sei. Faktisch allerdings gibt es weiterhin Anschläge und Entführungen. Seit 2009 ist die Miliz für den Tod von mindestens 20.000 Menschen verantwortlich.

Wer sind also diejenigen, die die gefährliche Reise nach Europa wagen, bei der nicht wenige unter erbärmlichsten Bedingungen im Transitland Libyen stranden? Bibiana Emenaha zufolge kommen sie vor allem aus den südlichen Bundesstaaten Edo und Delta. Die Ordensschwester muss es wissen. Sie und ihre Mitschwestern führen ein Willkommenshaus  für Opfer von Menschenhandel in Benin City. Die Provinzhauptstadt von Edo ist seit Jahrzehnten Nigerias Hochburg für Migration und Menschenhandel. Emenaha erklärt: "Wir haben keinen Krieg hier, deswegen würde ich auch nicht von Flucht oder Flüchtlingen sprechen. Die Meisten wollen einfach ihre wirtschaftliche Situation verbessern, denn Arbeitslosigkeit ist ein großes Problem hier."

Nigeria Benin City Bild 3: Schwester Bibiana Emenaha klärt Schülerinnen in Benin City über den Menschenhandel auf (DW/A. Kriesch/J.-P. Scholz)

Schwester Emenaha klärt Schülerinnen über Menschenhandel auf (Archivbild)

Damit spricht die 59-Jährige eine von mehreren Komponenten an, die Grund für die vielen nigerianischen Auswanderer sind. Nicht zuletzt wegen des starken Bevölkerungswachstums hat Nigeria mit hoher Arbeitslosigkeit zu kämpfen. Sogar diejenigen mit guter Bildung haben Probleme, einen Job zu finden. Dem nationalen Statistikamt zufolge waren im Herbst 2017 knapp 19 Prozent der Erbwerbsfähigen ohne Job und mehr als noch einmal so viele unterbeschäftigt. Von den unter 25-Jährigen waren sogar mehr als ein Drittel arbeitslos.

Großteil der Bürger unter der Armutsgrenze

Okeke zufolge haben die meisten Nigerianer zudem eine vollkommen unrealistische Vorstellung von Europa: "Sie haben Bilder von funktionierender Elektrizität und gut ausgebauten Autobahnen im Kopf und denken, dass das Geld hier auf der Straße liegt." Doch auch für diejenigen, die etwa aus Gründen der Familienzusammenführung oder der sexuellen Verfolgung – in Nigeria ist Homosexualität strafbar – legal bleiben können, geht die Rechnung, innerhalb kurzer Zeit einen guten Job zu bekommen, oft nicht auf. Bürokratie und sprachliche Hürden sind oft höher als gedacht. 

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Nigeria: Fehlende Perspektiven und der Tod im Mittelmeer

In gewisser Weise stimmt es zwar, dass in Europa die Chancen besser stehen, es zu etwas zu bringen. Zumindest gibt es oft bessere soziale Auffangnetze und mehr Bildungschancen. Dagegen ist Nigeria ein Land, in dem die Unterschiede zwischen Arm und Reich extrem sind.Auf der Website von Oxfam, einem internationaler Verbund verschiedener Hilfs- und Entwicklungsorganisationen, ist nachzulesen: "Obwohl Nigeria insgesamt kein armes Land ist, leiden Millionen Hunger. Das Land hätte die ökonomischen Möglichkeiten, diese Menschen aus der Armut zu heben." Doch das scheint für die Regierung nicht wirklich Priorität zu haben: Im"Commitment to Reducing Inequality Index", einem globalen Ranking, welches die Anstrengungen von Ländern vergleicht, Ungleichheit zu bekämpfen, ist Nigeria unter den zehn Schlusslichtern. Bezüglich der Ausgaben für Gesundheit, Bildung und den sozialen Schutz seiner Bürger belegt es sogar den allerletzten Platz.

"Man braucht Startgeld für die Reise"

Oftmals sind es nicht die Ärmsten der Armen, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Europa aufbrechen, sondern eher die untere Mittelschicht. Denn "um überhaupt das Startgeld für die Reise aufzubringen, leihen sich viele Geld, verkaufen ihr Auto oder ein Stück Land ihrer Familie", sagt Okeke. Auch Emenaha bestätigt das. Dies sei auch der Grund, warum einige Migranten sich geweigert hätten, als Nigeria Anfang des Jahres Landsleute aus Libyen zurückholen wollte. Sie hätten sich verschuldet, bevor sie losgezogen seien.

Rückkehrern, die keine Erfolge aufweisen können, geht es oft schlechter als zuvor. Nicht nur das Geld, auch das Ansehen sei dann dahin, erklärt Okeke: "Wenn du in Nigeria kein teures Auto hast, kein schönes Haus, dann wirst du nicht respektiert. Kommst du arm zurück, dann bist ein totaler Verlierer." Dass es in Deutschland nicht so stark darauf ankomme, wie reich man sei, findet Okeke bemerkenswert: "Auch die reicheren Leute fahren manchmal lieber mit der Bahn oder teilen sich ein Auto, das ist eine ganz andere Mentalität."

Prostituierte in Castel Volturno, Italien (picture alliance/AP/A. Tarantino)

Nigerianerinnen verkaufen in Castel Volturno an der Westküste Italiens ihren Körper

Nigerianische Prostituierte - Ein gängiges Straßenbild

Eine Gruppe, die unter den nigerianischen Migranten mittlerweile traurige Berühmtheit erlangt hat, sind Prostituierte. Vor allem in Italien gehören sie in manchen Städten schon zum Straßenbild. Aber auch in Deutschland gibt es viele Prostituierte aus Nigeria, wie Lea Ackermann, Gründerin der Menschenrechtsorganisation SOLWODI ("Solidarity with Women in Distress") berichtet: "Unter den Frauen, mit denen wir aktuell zu tun haben, ist die größte Gruppe die der Nigerianerinnen."

Die Meisten hielten sich meist illegal in Deutschland auf, so Ordensschwester Ackermann. Manchen von ihnen kann SOLWODI juristischen Beistand vermitteln und zu einer Aufenthaltserlaubnis verhelfen, wenn etwa nachweisbar ist, dass sie Opfer von Menschenhandel, Zwangsheirat oder Genitalverstümmelung sind.

Lea Ackermann (SOLWODI)

Schwester Ackermann: "Der Menschenhandel boomt in Deutschland"

Die Frauen, so Ackermann, seien in Nigeria von den Menschenhändlern angeheuert worden, die ihren Wunsch, ins Ausland zu gehen und von da aus ihre Familie finanziell zu unterstützen, schamlos ausnutzten. "Viele dürften wohl mehr oder weniger schon in Nigeria gewusst haben, was auf sie zukommt, manche dachten aber auch, dass sie als Babysitterin oder Putzkraft arbeiten würden." Das Problem seien mitunter Voodoo-Rituale, mit denen die Frauen gefügig gemacht würden, so Ackermann weiter. Man lasse sie schwören, die Menschenhändler nicht zu verraten und die Überfahrt von Afrika nach Europa zurückzubezahlen.

Laut Okeke ist die einzige Möglichkeit, Nigerianer dauerhaft von der Überfahrt nach Europa abzuhalten, aus Nigeria ein weniger korruptes Land mit mehr Chancengleichheit zu machen. "Die Politiker und Unternehmer müssen aufhören, sich selbst das Geld in die Taschen zu stecken. Das ist es, was unser Land zugrunde richtet." Okeke selbst plant, eventuell in einigen Jahren wieder nach Nigeria zurückzukehren. Abgesehen von all den Problemen ist es für ihn immer noch sein Zuhause.

 

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