Warum Deutschland bisher besser durch die Krise kommt | Wirtschaft | DW | 18.09.2020
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Corona und Konjunktur

Warum Deutschland bisher besser durch die Krise kommt

Während die Coronakrise andere Industrieländer noch immer fest im Griff hat, scheint die deutsche Wirtschaft relativ schnell gelernt zu haben, mit der Pandemie zu leben. Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen.

Der Einbruch wird heftig sein - soviel ist sicher. Aber anders als in Frankreich, Italien oder Spanien, wo die EU-Kommission mit einem zweistelligen Rückgang der Wirtschaftsleistung für das Gesamtjahr 2020 rechnet, wird das Minus für die deutsche Volkswirtschaft mit großer Wahrscheinlichkeit "nur" einstellig sein.   

Seit dem Corona-bedingten Rekordeinbruch im Frühjahr geht es nämlich wieder deutlich aufwärts. Und nach den Daten des Statistischen Bundesamtes konnte sich die deutsche Wirtschaft auch im Juli und August "wieder etwas erholen", sagt Albert Braakmann, der dort für die Abteilung "Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen" zuständig ist. So dürfte es auch weiter gehen, denn Frühindikatoren wie die Industrieaufträge, der Lkw-Maut-Fahrleistungsindex und das Ifo-Geschäftsklima "deuten eine weitere Erholung an", bestätigt Braakmann.

Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) war zwar im zweiten Quartal infolge der Corona-Beschränkungen um 9,7 Prozent eingebrochen. Quer durch die Bank erwarten Ökonomen für die zweite Jahreshälfte aber wieder ein so spürbares Wachstum, dass die Wirtschaftsleistung im Gesamtjahr 2020 nach Schätzung der Bundesregierung "nur" um 5,8 Prozent schrumpft. Das ist zwar so stark wie noch nie in der Nachkriegszeit, aber es hätte noch schlimmer kommen können. Maßstab ist das Jahr der Weltfinanzkrise 2009, damals war die deutsche Wirtschaft um 5,7 Prozent eingebrochen. 

Containerterminal Tollerort im Hamburger Hafen

Außenhandel als wichtiger Stützpfeiler der deutschen Wirtschaft: Containerterminal Tollerort im Hamburger Hafen

Neue Zahlen der OECD

Die OECD, die Organisation der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer mit Sitz in Paris, ist sogar noch einen Tick optimistischer und rechnet mit einem deutschen BIP-Minus von "nur" 5,4 Prozent. Im Juni war sie noch von einem Rückgang von 6,6 Prozent ausgegangen. Hört sich schlimm an, ist aber beim Blick auf den erwarteten Konjunktureinbruch in Frankreich (-9,5 Prozent), Italien (-10,5), der Euro-Zone (-7,9), Großbritannien (-10,1) und Japan (-5,8) ein regelrechter Lichtblick. Nur die USA kommen in der aktuellen OECD-Prognose mit einem Minus von 3,8 Prozent besser weg. Und in China, dem Ursprungsland der Corona-Pandemie, soll die Wirtschaft 2020 sogar um 1,8 Prozent wachsen.

"Der Einbruch im Frühjahr war weniger scharf als zunächst erwartet, die Erholung im Sommer ist recht kräftig", erklärt Nicola Brandt vom OECD Berlin Centre die Entwicklung in Deutschland. "Die Geschäftserwartungen der Unternehmen sind überraschend gut, die Auftragseingänge steigen wieder." Hinzu komme, dass die Infektionszahlen niedriger seien als anderswo.

Dadurch seien die Maßnahmen zur Eindämmung von Corona nicht so stark gewesen. "Damit ist auch die wirtschaftliche Unsicherheit nicht ganz so hoch wie in vielen anderen Ländern", so Brandt. "Hinzu kommt: Deutschland ist weniger vom Tourismus abhängig als etwa Frankreich, Italien und Spanien."

Trotzdem macht OECD-Chefökonomin Laurence Boone deutlich, dass es bis zum Ende der Pandemie ein langer Weg ist: "Ein Ende ist noch nicht in Sicht, aber die Politik kann viel tun, um jetzt Vertrauen zu schaffen."

Professor Friedrich Heinemann

ZEW-Europaexperte Friedrich Heinemann: "Eindrucksvolle Geschwindigkeit der öffentlichen Verwaltung"

Hohes Vertrauen in deutsches Krisenmanagement

Das Vertrauen der Menschen in das Krisenmanagement von Politik und Wirtschaft ist für Friedrich Heinemann vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim ein ganz zentraler Faktor, um die Widerstandskraft der deutschen Wirtschaft zu erklären. "In Deutschland gab es eine insgesamt gute Dynamik: Die starke Performance der Regierung in der Krisenphase hat das Vertrauen der Bevölkerung in die Regierung gestärkt. Dieses gestiegene Vertrauen führt dann auch zu einer größeren Gesundheitsdisziplin, so muss man sich letztlich die geringere bisherige Dynamik der zweiten Welle erklären", erklärt der ZEW-Europa-Experte im Interview mit der DW.

Anders als in Frankreich hätten Politik und Behörden mehr auf Einsicht und Selbstdisziplin der Menschen gesetzt. "Macron hat unglaublich martialisch und radikal im Lockdown reagiert und damit Vertrauen verspielt. Das Vertrauen in die Regierung ist erodiert, entsprechend schlecht ist die Bereitschaft, politischen Appellen zu folgen und freiwillig zur Seucheneindämmung beizutragen. Der völlige Fehlschlag der französischen Corona-App ist das beste Symbol", so Heinemann. Jetzt sei es schwer, das verlorene Vertrauen wieder zurückzuerlangen.

Gut funktionierende Verwaltung

Der ZEW-Ökonom sieht aber noch weitere Vorteile des deutschen Krisenmanagements im Vergleich zu Frankreich oder dem sehr stark von Corona getroffenen Italien. "Entscheidend waren Umfang, Schnelligkeit und die administrative Umsetzung. Deutschland konnte aufgrund der exzellenten Haushaltslage einfach klotzen und musste nicht kleckern. Die Regierung hat schnell und trotz enormem Zeitdruck sehr zielgenau reagiert, wenn man etwa an die Kurzarbeiterregeln oder die vielen Programme zur Liquiditätsabsicherung denkt", unterstreicht Heinemann. Aber das schönste Gesetz nutze nichts, wenn es nicht innerhalb von Wochen oder Tagen umgesetzt werden könne. "Hier war die Geschwindigkeit der öffentlichen Verwaltung eindrucksvoll hoch."

Deutschland Haushalt Symbolbild Schwarze Null

Früher heftig kritisiert: Die Politik der "Schwarzen Null", die für einen ausgeglichenen Haushalt ohne neue Schulden steht

"Segen der schwarzen Null"

Ein zentraler Vorteil Deutschlands sei, dass es mit soliden Staatsfinanzen in die Krise gestartet war. "Die viel kritisierte 'Schwarze Null' der letzten Jahre ist vielleicht der allerwichtigste Grund, dass Deutschland jetzt so gut durch die Krise kommen kann."

Das "rationale und wissenschaftsbasierte Krisenmanagement der Regierung", im Zusammenspiel mit einer funktionsfähigen öffentlichen Verwaltung und der "viel gescholtene Föderalismus mit handlungsfähigen Akteuren in der Fläche" sei ein Segen gewesen, sagt Heinemann. Außerdem gebe "es offenbar in den Unternehmen, ob Familienunternehmen oder Dax-Konzernen, ein so großes Vertrauensverhältnis zwischen Management und Belegschaften, dass die deutschen Unternehmen noch produzieren konnten, als Italien oder Frankreich alles weitgehend heruntergefahren haben."

Natürlich kostet das alles Geld, viel Geld. Aber trotz des 130 Milliarden Euro schweren Konjunkturpakets und anderen Corona-Hilfen steht Deutschland mit einer geschätzten Verschuldung von rund 80 Prozent seines BIP noch vergleichsweise solide da. Frankreich und Spanien dürften Ende 2020 mit mehr als 110 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung verschuldet sein. Und Italien, dessen Volkswirtschaft nach jahrelanger Stagnation durch die Corona-Krise auf den Stand der späten 1990er Jahren zurückgeworfen wurde, wird Ende 2020 mit mehr als 150 Prozent seines BIP verschuldet sein. In anderen Worten: Das Land müsste anderthalb Jahre lang - und das ohne jegliche Ausgaben -  nur dafür arbeiten, seine Schulden abzubauen: Ein Ding der Unmöglichkeit.

BdT Impressionen Starnberger See - 2020

Mit einem Anteil am BIP von rund neun Prozent ist Deutschland weniger abhängig vom Tourismus als Italien (13 Prozent), Spanien (14) oder Kroatien (25)

Hoffnung auf Normalisierung des Tourismus

"Frankreich und die Südeuropäer müssen jetzt versuchen, sich bis zur Impstoffverfügbarkeit einigermaßen hinüberzuretten. Erst dann sehe ich dort wieder Land, auch weil der Tourismus eine solche immense Bedeutung für den Süden hat", so die Einschätzung Heinemanns.

Aber ist der Optimismus für die deutsche Wirtschaft, der sich in den Konjunktur-Umfragen des Münchner ifo-Insituts oder des Mannheimer ZEW widerspiegelt, überhaupt berechtigt? Schließlich litten Teile der deutschen Industrie und viele exportorientierte Unternehmen bereits 2019 unter einem Konjunktur-Abschwung.

Für Friedrich Heinemann ist dieser Optimismus eine Wette auf einen bald verfügbaren Impfstoff. "Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass wir in einem Jahr in einer Welt leben, in der Corona durch Impfung seinen Schrecken und sein ökonomisches Drohpotenzial verloren hat." Das erklärt für ihn die Hoffnung auf eine sehr kräftige Erholung. Für Deutschland komme außerdem hinzu, dass die Menschen allmählich gelernt hätten, mit der Pandemie zu leben, zu arbeiten, zu produzieren und zu konsumieren. "Und der große ökonomische Wohlstand, den der Beschäftigungsboom der letzten zehn Jahre geschaffen hat, stabilisiert nun die Nachfrage, auch nach industriellen Gütern."

Die Chancen auf eine V-förmige Erholung schätzt der Mannheimer Forscher daher als "hoch" ein: "Die Erholung dauert aber länger als der jähe Absturz vom Frühjahr. Insofern wird es ein 'rechtsschiefes' V."

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