Warten auf Erlösung in Madaja | Aktuell Nahost | DW | 08.01.2016
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Aktuell Nahost

Warten auf Erlösung in Madaja

Eine humanitäre Tragödie schockiert die Welt: Mitten in Syrien hungern 20.000 Menschen, belagert von Assads Armee, abgeschnitten von der Außenwelt. Doch von der Regierung zugesagte Hilfstransporte lassen auf sich warten.

Bislang seien in der Stadt keine Lebensmittellieferungen eingetroffen, berichtete der Aktivist Abdullah Nadschim dem arabischen Nachrichtensender Al-Arabija. Es seien am Stadtrand auch keine Vorbereitungen zu erkennen. Ein Sprecher des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz teilte mit, die Hilfsorganisationen hätten die Erlaubnis für Lieferungen nach Madaja zwar von der syrischen Regierung bekommen. Diese könnten wegen der Größe der Konvois jedoch erst am Sonntag erfolgen.

"Gefängnis unter freiem Himmel"

Madaja, nahe der Grenze zum Libanon und nur rund 25 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Damaskus gelegen, wird seit Monaten von den Regierungstruppen Baschar al-Assads und der mit dem Diktator verbündeten libanesischen Schiitenmiliz Hisbollah belagert. Kontrolliert wird die Kleinstadt von Aufständischen der Freien Syrischen Armee. Gut 40.000 Menschen seien in dem Ort faktisch gefangen, der wegen der sich dort aufhaltenden Rebellen heftig bombardiert werde, erklärte die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Die letzte Lebensmittellieferung habe es vor 170 Tagen gegeben.

Die Einwohner sind die Leidtragenden. Man sei "extrem alarmiert", hieß es in einer Stellungnahme der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Madaja sei ein "Gefängnis unter freiem Himmel" für tausende Menschen. "Es gibt keinen Weg hinein oder hinaus, so dass die Menschen dem Tod überlassen sind." Die Hälfte der Einwohner Madajas sind nach UN-Angaben Kinder.

Hilfskonvoi im syrischen Madaja (Foto: picture alliance/dpa)

Die letzte Lebensmittellieferung liegt 170 Tage zurück - seitdem hungert Madaja

Mindestens 23 Hungertote

Zahlreiche Menschen kostete die unzureichende Lebensmittelversorgung bereits ihr Leben. Seit Anfang Dezember seien 23 Menschen in der belagerten Stadt Madaja verhungert, teilte Ärzte ohne Grenzen mit, die das Gesundheitszentrum der Stadt unterstützt. Unter den Toten seien sechs Säuglinge. Die Webseite des arabischen TV-Kanals Al-Dschasira berichtete gar von 31 Hungertoten.

Was aus der belagerten Stadt nach außen dringt, lässt eine humanitäre Katastrophe befürchten. Menschen äßen Gras und schlachteten Hunde und Katzen, um ihren Hunger notdürftig zu stillen, berichtete ein Arzt aus Madaja der Deutschen Presse-Agentur. Für Babys gäbe es darüber hinaus keine Milch mehr.

Belagerung als Militärstrategie

"Madaja ist ein Beispiel dafür, welche Folgen eine Belagerung als militärische Strategie hat", meint Brice de le Vingne, Leiter der Programmabteilung von Ärzte ohne Grenzen in Brüssel, von wo aus Projekte in Syrien koordiniert werden. "Seit der Belagerungszustand der Stadt verschärft wurde, haben die Ärzte, die wir dort unterstützen, kaum noch Medikamente. Die Zahl der hungernden und kranken Patienten steigt immer weiter."

Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini und der EU-Kommissar für Humanitäre Hilfe, Christos Stylianides, forderten angesichts der Zustände in Madaja einen besseren Zugang für Hilfsorganisationen. "Während die Gespräche der letzten Monate in Wien und New York auf den Beginn eines Friedensprozesses in Syrien hoffen lassen, bleibt die humanitäre Lage in dem Land dramatisch", erklärten sie in Brüssel. Beide Politiker begrüßten die Entscheidung der syrischen Regierung, Nothilfe in Madaja zuzulassen. In ihrer gemeinsamen Erklärung drängten sie weiterhin darauf, Angriffe auf zivile Einrichtungen wie Schulen und Krankenhäuser zu unterlassen.

Über Madaja hinaus

In Madaja könne man in besonders extremer Form sehen, wie sich eine "Belagerung, wie es sie in vielen Teilen Syriens gibt" auswirke, erklärte Ärzte ohne Grenzen. Sowohl das Regime als auch seine Gegner setzen den Hunger als Waffe im syrischen Bürgerkrieg ein. Im Nordwesten Syriens, in der Provinz Idlib, belagern Assad-Gegner Fua und Kefraja, zwei Ortschaften, die überwiegend von Regimeanhängern bewohnt werden. Auch hier sind Tausende Zivilisten eingeschlossen.

nin/sti (dpa, afp, kna)