War die Geiselnahme in Köln ein missglückter Anschlag? | Aktuell Deutschland | DW | 15.10.2018
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Nordrhein-Westfalen

War die Geiselnahme in Köln ein missglückter Anschlag?

Am Kölner Hauptbahnhof ist weitgehend Normalität eingekehrt. Die Ermittler schließen ein terroristisches Motiv nicht aus. Noch ist unklar, ob der am Tatort gefundene Ausweis eines Syrers dem Verdächtigen gehört.

Deutschland Geiselnahme im Kölner Hauptbahnhof (picture-alliance/dpa/M. Becker)

Die Rückseite des Kölner Hauptbahnhofs, rund 100 Meter vom Tatort entfernt

Die Polizei ermittelt nach der beendeten Geiselnahme am Kölner Hauptbahnhof in alle Richtungen. "Auch einen Terroranschlag schließen wir dabei nicht aus", sagte die stellvertretende Kölner Polizeipräsidentin Miriam Brauns. Zwei Frauen waren verletzt worden, beim Zugriff wurde auch der Geiselnehmer lebensgefährlich verletzt. Regierungssprecher Steffen Seibert dankte via Twitter den Einsatzkräften und schrieb: "Die Gedanken sind jetzt bei den beiden verletzten Frauen, die hoffentlich bald wieder gesund werden." Die Situation am Hauptbahnhof normalisierte sich erst in den späten Abendstunden allmählich. Die stundenlange Vollsperrung des wichtigen Bahn-Knotenpunkts hatte chaotische Auswirkungen auf den Nah- und Fernverkehr, hunderte Züge mussten umgeleitet werden und beendeten ihre Fahrt teils vor Erreichen ihrer Zielbahnhöfe.

Was war passiert?

Am Montagabend fasste die Polizei in einer Pressekonferenz die Geschehnisse zusammen: Demnach betrat der Täter ein Schnellrestaurant an der Rückseite des Bahnhofs und warf Molotowcocktails. Ein 14-jähriges Mädchen erlitt dabei Brandverletzungen am Fuß, eine weitere Frau zog sich eine Rauchvergiftung zu. Der erste Notruf ging um 12.42 Uhr ein. Als die Sprinkleranlage in dem Restaurant anging, flüchtete der Täter in die benachbarte Apotheke. Dort nahm er eine Angestellte als Geisel. Beim Betreten der Apotheke soll er laut Zeugen gesagt haben, er gehöre der "Terrorgruppe Daesh" an - weitere Hinweise dafür hat die Polizei jedoch nicht. "Daesh" ist der arabische Name der Dschihadistenorganisation "Islamischer Staat".

In der Apotheke bedrohte er die Angestellte, möglicherweise versuchte der Mann sogar, sie anzuzünden. Die Polizei wusste bald, dass er Brandbeschleuniger und Gaskartuschen bei sich hatte. Der Geiselnehmer forderte freien Abzug und die Freilassung einer Tunesierin. Außerdem wollte er eine Tasche wiederhaben, die er in dem Schnellrestaurant zurückgelassen hatte. Nachdem Polizisten Benzingeruch wahrnahmen, fiel die Entscheidung zum Zugriff. Beamte eines Spezialeinsatzkommandos (SEK) zündeten zwei Blendgranaten zur Ablenkung und stürmten die Apotheke. Der Mann hatte laut Polizei eine Waffe gezogen, von der zu diesem Zeitpunkt unklar war, ob es sich um eine echte Schusswaffe oder eine Gaspistole handelte. Drei Polizisten eröffneten das Feuer auf den Geiselnehmer, der getroffen zusammensackte. Eine Ärztin der Anti-Terror-Spezialeinheit GSG 9 versorgte ihn am Tatort, bevor er in einem Krankenhaus notoperiert wurde. Rund zwei Stunden nach dem ersten Notruf war die Geiselnahme vorbei. In dieser Zeit hatten sich in sozialen Medien trotz Mahnungen der Polizei bereits Gerüchte und Falschmeldungen verbreitet.

Ausweis gehört "mit hoher Wahrscheinlichkeit" dem Täter

Nach der beendeten Geiselnahme rückten die Ermittlungen nach der Identität und dem Motiv des Mannes ins Zentrum. Am Tatort fand die Polizei einen Ausweis, der von der Stadt Köln auf einen 1963 geborenen Syrer ausgestellt wurde. Laut dem Chef der Kölner Kriminalpolizei, Klaus-Stephan Becker, gehört das Dokument "mit hoher Wahrscheinlichkeit" dem Täter - darüber gebe es aber "noch keine gesicherten Informationen". Der Inhaber des Duldungsdokuments wurde seit 2016 mehrfach vorbestraft, darunter wegen Diebstahls, Körperverletzung und Hausfriedensbruchs. Einmal hat er der Polizei auch einen Hinweis auf einen Islamisten gegeben.

ehl/qu (dpa, afp)