Wann kommt ein Impfstoff gegen die mutierten Viren? | Wissen & Umwelt | DW | 23.02.2021
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Coronavirus

Wann kommt ein Impfstoff gegen die mutierten Viren?

Neue Impfstoffe gegen Mutationen kommen. Aber vorerst geht es darum, möglichst viele Menschen mit dem zu impfen, was wir schon haben.

Die ständig wachsende Zahl von Coronavirus-Mutationen  stellt Forscher, Impfstoffhersteller und Zulassungsbehörden vor große Herausforderungen. Darüber waren sich drei führende deutsche Virologen einig, die das Science Media Center am Dienstag (23. Februar 2021) zu einer virtuellen Pressekonferenz geladen hatte.

Trotzdem sollten wir unsere Zuversicht bewahren, so der gemeinsame Tenor: "Wir haben binnen eines Jahres drei zugelassene Impfstoffe", betonte Marylyn Addo, Virologie-Professorin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. "Das ist großartig, aber bei den jetzt negativ geführten Debatten geht verloren, dass wir jeden Tag Erfolge zu feiern haben."

Denn auch wenn die Viren immer weiter mutieren, steht die Medizin nicht wehrlos da: "Wir haben mit den Impfstoff-Plattformen gute Tools, um auf die Veränderungen reagieren zu können," erläuterte die Medizinerin. 

mRNA-Impfstoffe und Vektorimpfstoffe lassen sich theoretisch schnell anpassen

Hier kommen die Impfstoff-Hersteller ins Spiel. Zwei der jetzt zugelassenen Imfstoffe sind sogenannte mRNA-Impfstoffe  (die Vakzine von BioNTech/Pfizer und Moderna) und einer ist ein Vektor-Impfstoff  (der von AstraZeneca). 

Bei allen Impfstoffen ließen sich sogenannte "Inserts" relativ schnell mit neuen Sequenzen bestücken, die dann, vereinfacht gesagt, eine passende Immunantwort auf sich verändernde Viren hervorrufen. Am schnellsten ginge das theoretisch mit mRNA-Impfstoffen, aber auch bei Vektorimpfstoffen wäre es relativ schnell im Labor machbar. Aber: Bitte nichts überstürzen!

Nutzen, was sich jetzt bewährt 

In der Praxis geht es nämlich jetzt noch nicht um die nächste Impfstoff-Generation. Ugur Sahin, Mitbegründer der Firma BioNTech , forscht zwar ständig mit seinem Team an den neuen Virus-Varianten, aber erst einmal mit dem bereits zugelassenen Impfstoff: "Wir als Forscher synthetisieren ständig die neuen Varianten und führen Virus-Neutralisationstests durch. Wir versuchen zu erkennen, ob die Antikörper die Viren erkennen und neutralisieren können." 

Online-Pressekonferenz mit Marylyn Addo, Klaus Cichutek und Ugur Sahin - Eine Online-Pressekonferenz des Science Media Center Deutschland mit den Virologen Prof. Marylyn Addo (Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf), Ugur Sahin (Vorstandsvorsitzender des Impfstoffherstellers BioNTech) und Klaus Cichutek (Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts). (Foto: Screenshot der DW)

Geballte Kompetenz: SMC, Klaus Cichutek, Marylyn Addo und Ugur Sahin diskutieren die weitere Impfstoffentwicklung

Und das durchaus mit Erfolg: "Bei der britischen Virus-Variante ist das Problem nicht, dass die Variante durch die bestehenden Impfstoffe schlechter neutralisiert wird", betont Sahin, "sondern dass sie infektiöser ist." Dagegen helfe keine neue Vakzine, sondern "eine Fortsetzung von spezifischen Lockdown-Maßnahmen, bis mehr Menschen geimpft werden können."  

Ähnlich sei es bei der brasilianischen Variante, gegen die der bestehende Impfschutz ebenfalls helfe.  Grundsätzlich beobachten die Forscher bei der Immunabwehr gegen verschiedenen Viren eine starke Kreuzimmunität.

Lediglich bei der südafrikanischen Variante  bieten einige Impfstoffe keinen so guten Schutz, betont Sahin. "Dazu haben wir noch keine Real-World-Daten und können dazu nicht Stellung beziehen." Aber pessimistisch ist der Impfstoff-Entwickler keineswegs. Zwar sei die Immunantwort im Labor um den Faktor 3 schwächer ausgefallen, dennoch helfe etwa die mRNA-Impfung seiner Firma: "Wir glauben, dass durch die T-Zellen-Antwort der Impfschutz auch hier ausreichend sein würde."

Derzeit gehe es vor allem darum, so viele Menschen mit den jetzt zugelassenen Impfstoffen zu versorgen wie möglich. Auf jeden Fall gebe es "noch keinen Prozess, um einen neuen Impfstoff in den Verkehr zu bringen." Dafür brauche es klinische Studien. 

Zulassungsbehörden erarbeiten ein beschleunigtes Verfahren

Das heißt aber nicht, dass es nicht schon bald soweit sein könnte. Neue, auf Mutationen angepasste Impfstoffe kommen früher oder später. Die Entwicklung eines neuen Impfstoffes auf einer bewährten Plattform dauert etwa sechs Wochen, und die Zulassung könnte nach zwei weiteren Monaten erfolgen, schätzt Marylyn Addo. 

Video ansehen 02:54

Corona – was bedeuten Mutationen für die Immunisierung?

Das würde voraussetzen, dass die Firmen sich mit den Zulassungsbehörden, ähnlich wie jetzt schon bei Grippeimpfstoffen, auf ein beschleunigtes Verfahren einigen.

Die deutsche Zulassungsbehörde ist das Paul-Ehrlich Institut (PEI), welches eng mit der Europäischen Arzneimittelagentur EMA zusammenarbeitet, die in der EU die Zulassung verantwortet. PEI-Präsident Klaus Cichutek  teilt Sahins Ansicht, dass es derzeit vor allem darum gehe, die bereits bewährten Impfstoffe zu nutzen: "Impfen mit den bisherigen Impfstoffen ist immer noch besser, als gar nicht zu impfen", sagt Cichutek. 

Nichtsdestotrotz gebe es bereits "Gespräche und Vorschläge der Europäischen Kommission zu Angleichung der Zulassung". Im Kern geht es darum, bei geringfügigen Anpassungen von Impfstoffen auf bestimmte Mutationen das Zulassungsverfahren zu vereinfachen.

Die Voraussetzung dafür: "Die Herstellung muss im Wesentlichen genauso ablaufen, wie bei dem parentalen (dem bereits zugelassenen) Impfstoff. Und es muss in einer klinischen Studie gezeigt werden, dass der Impfstoff sicher und wirksam ist." Allerdings müsse die Studie nicht unbedingt so umfangreich sein, wie sie es bei dem parentalen Impfstoff war. Sie könne sich etwa zunächst auf die Wirksamkeit des Neutralisationstiters konzentrieren.

Die Vorbereitungen für die Gesetzgebung seien schon im Gange, sagt Cichutek: "Es werden die regulatorischen Weichen gestellt, zeitnah eine Beschleunigung zu ermöglichen".

Video ansehen 02:18

Afrika beginnt mit den Impfungen

Produktionskapazitäten sind gebunden

Auch BionTech-Chef Sahin hält das Vorgehen der Zulassungsbehörden für angemessen: "Es gibt das auch bei Influenza-Impfstoffen, wo man als Hersteller zeigt, dass man den Prozess im Griff hat." Dann könne man einen anderen Impfstoff auf der gleichen Plattform herstellen. Allerdings müsse noch genau definiert werden: "Was heißt vergleichbar? Wie viel Abweichung ist erlaubt?" Wissenschaftlich könne man da ein breites Spektrum definieren.

Sahin erinnert daran, dass die Hersteller derzeit bereits all ihre Kapazitäten nutzen, um so viel Impfstoff wie möglich auf den Markt zu bringen. Und so lange dieser auch funktioniere, sei das allemal besser, als die Produktion verfrüht umzustellen. "Wir wollen ja nicht einen Impfstoff machen, der zwar gegen die neuen Varianten wirkt, aber nicht mehr gegen den ursprünglichen Wildtyp", gibt Sahin zu bedenken. 

Auch Ärztin Addo sieht keine Eile: "Wir müssen ja nicht morgen den neuen Impfstoff haben, sondern wichtig ist: Wir haben gute Tools, um mit der Entwicklung Schritt zu halten" Viel wichtiger sei es jetzt, für Impfstoff-Gerechtigkeit zu sorgen: "Wir müssen dafür sorgen, dass Impfstoffe auch außerhalb der Industrienationen verteilt werden, weil sonst die Infektion wieder eingetragen wird." 

Impfungen mischen: Vielleicht!

Eine weitere Möglichkeit, die Immunantwort gegen neue Virus-Varianten zu stärken, könnte sein, einen anderen Impfstoff für die zweite Dosis, also den Boost, zu nutzen. Zwar gebe es dazu noch keine formale Empfehlung der Ständigen Impfkommission in Deutschland, aber das PEI habe unter Kollegen bereits Beratungen dazu durchgeführt, sagt Präsident Cichutek

Marylyn Addo pflichtet ihm bei. Man könne auch darüber nachdenken, mRNA mit Vektorimpfstoffen zu kombinieren. "Da werden wir noch sehr spannende Ergebnisse sehen und uns auf eine wissenschaftliche Reise begeben", betont die Medizinerin. Derzeit liefen dazu zwar noch Studien, aber "man würde aufgrund der Immunantwort erstmal keine ungewöhnlichen Nebenwirkungen erwarten."

Auch spreche bei Vektorimpfstoffen nichts dagegen, verschiedene Transportviren für die erste und zweite Impfung zu verwenden. Das könne gegen eine mögliche Vektorimmunität helfen - also gegen die Gefahr, dass der Körper die Impfung abstößt.

So nutze etwa der russische Impfstoff Sputnik V schon jetzt zwei unterschiedliche Vektoren. Auch bei einem Ebola-Impfstoff habe man damit gute Erfahrungen gemacht, betont Addo.

Video ansehen 03:37

Russlands Impfkampagne mit Sputnik V läuft auf Hochtouren

Zeitabstände verlängern: Lieber nicht! 

Einig sind sich Addo und Cichutek, indes in einem Punkt: Die empfohlenen Zeitabstände zwischen der ersten und der zweiten Impfung sollten eingehalten werden. Und auch die Idee, lieber viele Menschen nur einmal zu impfen, statt weniger zweimal, halten beide für keine gute Idee.

Nach nur einer Impfung haben die Geimpften nämlich einen nicht einmal fünfzigprozentigen Schutz, nach der zweiten hingegen einen fast vollständigen. "Wir haben jetzt gute Evidenz und davon jetzt abzuweichen, finde ich schwierig", sagt Addo. 

Dem PEI-Präsident Cichutek ist in der ganzen Impfstoff-Debatte noch wichtig, auf die jüngsten israelischen Studien  zu verweisen: "Es bewahrheitet sich, was wir in den früheren klinischen Studien bezüglich Sicherheit und Wirksamkeit gesehen haben: Die Impfstoffe machen einen sehr guten Eindruck. Die jetzigen zugelassenen Impfstoffe sind sicher und die Risiken sind sehr sehr gering."