Würgt das Coronavirus die Weltwirtschaft ab? | Wirtschaft | DW | 02.03.2020
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Konjunktur

Würgt das Coronavirus die Weltwirtschaft ab?

Leichte Erholung an den Börsen, Anspannung in den Unternehmen. Das Coronavirus könnte das Wirtschaftswachstum weltweit halbieren, sagt die OECD. Die Politik will helfen.

Die Coronavirus-Epidemie kann nach Einschätzung der Industriestaaten-Organisation OECD die Weltwirtschaft aus der Spur bringen und sei "das größte Wirtschaftsrisiko seit der Finanzkrise". Sollte sich die Lage nicht bessern und sollten immer weitere Länder betroffen sein, könnte das Wachstum dieses Jahr auf eineinhalb Prozent fallen, teilte die OECD am Montag mit. Das wäre in etwa die Hälfte des erwarteten Plus vor Ausbruch des Virus. Sollte sich die Lage dagegen bald stabilisieren, dürfte die Weltwirtschaft 2020 um 2,4 Prozent zulegen, nachdem es 2019 bereits vergleichsweise schwache 2,9 Prozent waren. Am stärksten wäre China betroffen, wo das Virus zuerst auftrat. Folgen der wirtschaftlichen Probleme in der Volksrepublik dürften dann schnell zu spüren sein in den weltweit vernetzten Lieferketten von Unternehmen, ebenso für Reiseanbieter und Rohstoffhändler.

Trotz dieser eher düsteren Aussichten war zumindest an den asiatischen Börsen leichte Erholung angesagt. Nach dem Absturz in der vergangenen Woche schloss der Handelsplatz Shanghai mehr als drei Prozent im Plus. Die Börsen in Shenzhen und in Hongkong hatten zu Handelsbeginn ebenfalls zugelegt.

Auch in Japan erholten sich die Kurse am Montag leicht. Der Leitindex Nikkei, der in der vergangenen Woche um fast zehn Prozent eingebrochen war, kletterte bis Handelsschluss um 0,95 Prozent. Anders beim Deutschen Aktienindex Dax. Auch der war mit einem Plus in die neue Woche gestartet, danach allerdings drehte das wichtigste deutsche Börsenbarometer wieder ins Minus.

Mut hatte den Anlegern wohl zum einen die abnehmende Zahl von Neuinfektionen in China gemacht, zum anderen hatten verschiedene Zentralbanken Maßnahmen im Kampf gegen die Folgen der Virus-Epidemie angekündigt. Am Montag hat die japanische Zentralbank das nationale Finanzsystem angesichts der Virus-Krise mit zusätzlicher Liquidität versorgt. Von der US-Notenbank Fed hieß es am Freitag, sie werde auf die Coronavirus-Epidemie angemessen reagieren.

Unsicherheit in deutscher Wirtschaft steigt

Die Europäische Zentralbank bringt sich ebenfalls in Stellung. Am Montag sagte Frankreichs Notenbankchef Francois Villeroy de Galhau, die EZB wäre bereit, nötigenfalls wegen des sich ausbreitenden Coronavirus die Konjunktur zu unterstützen. Zusätzliche Schritte seien aber derzeit noch nicht erforderlich, so das Ratsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB) im französischen Radiosender BFM Business. Die Geldpolitik sei bereits konjunkturfördernd. Sie stelle den Banken reichlich Liquidität zur Verfügung zur Finanzierung der Wirtschaft.

Bei den Unternehmen in Deutschland steigt die Unsicherheit weiter an. Notfall-Pläne werden erstellt, Dienstreisen eingeschränkt und Verhaltensregeln an die Mitarbeiter ausgegeben. Inzwischen sind in zehn der 16 Bundesländer bis zum späten Sonntagabend mehr als 130 Fälle des neuartigen Coronavirus nachgewiesen.

Der Werkzeugmaschinenbauer DMG Mori hat nach einer Corona-Erkrankung eines Mitarbeiters am Standort Pfronten das Werk für zunächst zwei Werktage geschlossen.

Luftfahrtbranche rechnet mit hohen Gewinneinbrüchen

Die Lufthansa hat Flüge zum chinesischen Festland bis Ende April abgesagt. Zudem werden weniger Flüge nach Hongkong, Seoul und Italien angeboten. Auch die Inlandsflüge in Deutschland werden zusammengestrichen. Der Flugverband IATA schätzt, dass weltweit agierenden Airlines im laufenden Jahr etwa 1,5 Milliarden Dollar durch die Virus-Folgen verlieren.

Der Umsatz der Tourismus-Branche in Europa wird gedämpft und zwar um monatlich etwa
eine Milliarde Euro, schätzt EU-Wirtschaftskommissar Thierry Breton.

In der vergangenen Woche wurde die weltgrößte Reisemesse ITB in Berlin abgesagt, die in dieser Woche beginnen sollte. Der Restaurantführer Guide Michelin sagte die für Dienstag geplante Sterneverleihung in Hamburg ab. Wegen des Coronavirus wird zudem die Düsseldorfer Fachmesse "Pro Wein" verschoben. Ebenso wurden andere, weniger bekannte Messen wie die Cybermesse Command Control 2020 in München oder die Fachmesse GrindTec in Augsburg abgesagt.

Altmaier und Scholz denken über Hilfsmaßnahmen nach

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) schloss nicht aus, dass das Coronavirus "überschaubare Auswirkungen" auf die bisherigen Wachstumsprognosen haben könne. Aber er hält die deutsche Wirtschaft für gut gerüstet im Kampf gegen die Folgen der Coronavirus-Epidemie. "Im Augenblick belastet vor allen Dingen die Unsicherheit die deutsche Wirtschaft und im Übrigen die Unklarheit darüber, wie groß die Wachstumseinbußen in Ländern wie China sein werden", sagte Altmaier am Montag in der ARD. Mit großflächigen Lieferengpässen rechne er nicht.

Altmaier wies auch darauf hin, dass die Bundesregierung über "finanzielle Instrumente, die diesen Unternehmen helfen können". Es müsse verhindert werden, "dass dieses Virus den Aufschwung infiziert", so der Wirtschaftsminister.

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) sieht Deutschland gewappnet für den Kampf gegen das Coronavirus - auch falls die Wirtschaft in Schwierigkeiten geraten sollte. "Wenn die Lage es erforderte, dass ein solcher Impuls nötig wird, haben wir auch die Mittel, ein Konjunkturprogramm aufzulegen", sagte Scholz der Welt am Sonntag.

Will notfalls mit Konjunkturprogramm helfen: Bundesfinanzminister Olaf Scholz

Will notfalls mit Konjunkturprogramm helfen: Bundesfinanzminister Olaf Scholz

"Aktuell geht es erst einmal um die medizinische Nothilfe, das können wir aus dem laufenden Etat bestreiten", sagte Scholz der Zeitung. "Sollte es darüber hinaus zu schweren Verwerfungen in der Weltwirtschaft kommen, etwa weil weltweit Märkte und Produktionsstätten beeinträchtigt werden, haben wir alle Kraft, um darauf schnell, entschieden und stark zu reagieren", fügte er hinzu. "Unsere Haushaltspolitik ist genau darauf ausgelegt, solide zu wirtschaften, auch um im Falle einer schweren wirtschaftlichen Krise mit aller Kraft finanziell gegenhalten zu können."

Nach einem Bericht des Handelsblattes spielt das Bundesfinanzministerium intern eine Aufweichung der Schuldenbremse durch. So wird ein Konzept geprüft, nach dem der Bund künftig Schulden im Umfang von einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts machen darf. Derzeit erlaubt die Schuldenbremse dem Bund ein Defizit von 0,35 Prozent.

Auf den Vorstoß von Bundesfinanzminister Olaf Scholz reagierte Altmaier zurückhaltend. Es brauche jetzt "keine Strohfeuer", so der Wirtschaftsminister. Denkbar seien aber steuerliche Anreize und verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten. 

G7 wollen zusammenarbeiten

Maßnahmen, um die Folgen des Coronavirus-Ausbruchs für das Wirtschaftswachstum abzudämpfen, wollen auch die Finanzminister der sieben wichtigsten Industriestaaten (G7) in dieser Woche besprechen. "Es wird eine konzertierte Aktion geben", kündigte der französische Finanzminister Bruno Le Maire am Montag an. Er habe bereits am Sonntag mit US-Finanzminister Steven Mnuchin gesprochen, der den G7-Vorsitz innehat. 

Die Zahl der Todesopfer durch die Lungenkrankheit Covid-19 ist weltweit auf über 3000 gestiegen, die Gesamtzahl der nachgewiesenen Erkrankungen auf rund 89.000. Am stärksten betroffen nach China ist Südkorea. Dort stieg die Zahl der nachgewiesenen Covid-19-Infektionen auf mehr als 4000. Die Zahl der Todesfälle, die mit dem Virus in Verbindung gebracht werden, kletterte in Südkorea auf 22.

In Europa ist nach wie vor Italien das am stärksten betroffene Land. Die Zahl der Toten stieg auf 34, hieß es am Sonntag. Inzwischen hätten sich über 1690 Menschen infiziert. Nun plant die italienische Regierung ein Hilfspaket für die durch den Coronavirus-Ausbruch zusätzlich angeschlagene Wirtschaft in Höhe von 3,6 Milliarden Euro.

iw/hb (afp, rtr, dpa)

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