Vorteile und Risiken einer Cannabis-Legalisierung | Wissen & Umwelt | DW | 20.01.2022
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Drogen

Vorteile und Risiken einer Cannabis-Legalisierung

Besserer Sex und Schutz vor COVID-19 versus Konzentrationsschwächen und Langzeitschäden. Das sagt die Wissenschaft über Nutzen oder Risiken des Cannabis-Konsums - vor allem für Jugendliche.

Mann, der einen Joint raucht

Cannabis enthemmt, sorgt aber auch für langanhaltende Konzentrationsprobleme

Haschisch, Gras, Marihuana, Weed, Hanf - Cannabis hat viele verschiedene Namen und doch geht es immer um die Pflanze, die ursprünglich aus Zentralasien stammt und deren Wirkung seit Jahrtausenden bekannt ist - als Nutzpflanze zur Herstellung von Seilen und Textilien, vor allem aber als Rauschmittel und als Medizin.

Cannabis ist nach Alkohol und vor Tabak die am zweithäufigsten konsumierte Droge weltweit, heißt es im dem nicht repräsentativen Global Drug Survey 2021. Am häufigsten konsumieren Jugendliche und junge Erwachsene Cannabis. 

Konsumiert wird Cannabis ohnehin, dies haben auch Kontrollen und Verbote nicht verhindern können. Einst als gefährliche Einstiegsdroge bezeichnet, ist in jüngster Zeit eine zunehmende Akzeptanz für Cannabis in der Öffentlichkeit zu beobachten. In immer mehr Ländern wird der Cannabis-Konsum legal. Vielleicht auch bald in Deutschland.

Besserer Sex und Schutz vor COVID-19

Ist Cannabis nun die gefährliche Einstiegsdroge oder ein Allheilmittel? Unzählige Studien sind in den vergangenen Monaten erschienen, die mal die großen Risiken oder den großen Nutzen der Hanfpflanze herausstellen sollen.

Gerade erst stellte eine spanische Studie von Forschenden der Universität Almeria fest, dass Marihuana-Konsumenten eine verbesserte sexuelle Funktion und bessere Orgasmen haben. "Diese Verbesserung ist in der Regel mit einer Verringerung von Angst und Scham verbunden, was sexuelle Beziehungen erleichtert", heißt es in der Studie. Wer durch Alkohol- oder Cannabis-Konsum enthemmt ist, hat also den besseren Sex.

Und letzte Woche schlugen US-Forschende der Oregon State University Cannabinoide zur Vorbeugung und Behandlung von COVID-19 vor, denn diese blockierten den Eintritt des Virus in die Zelle und schützen somit vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus.

Ihre Studie habe gezeigt, dass die Säuren CBGA (Cannabigerolsäure) und CBDA (Cannabidiolsäure) das Spike-Protein binden und den Eintritt von SARS-CoV-2 in die Zellen verhindern, schrieben sie im Fachblatt "Journal of Natural Products". Im Gegensatz zum bekannten Tetrahydrocanabinol (THC) im Cannabis sind CBGA und CBDA zudem nicht psychoaktiv. 

Eine Person dreht sich einen Joint

Konsumiert wird Cannabis ohnehin, dies haben auch Kontrollen und Verbote nicht verhindern können

Die Forschenden führten die Versuche allerdings nicht am Menschen, sondern an Zellkulturen im Labor durch. Und bisher wurde nur mit der Alpha- und Betavariante des Coronavirus gearbeitet, doch die Forschenden sind optimistisch, dass die Cannabinoide auch gegen andere Varianten wirksam sind.

Trotzdem würden Cannabinoide allein keinen Sinn im Kampf gegen Corona machen. Zusätzlich zur Impfung könnten sie sich aber als probates Hilfsmittel erweisen. Auf keinen Fall sollte man möglichst viel Cannabis konsumieren, um sich vor COVID-19 zu schützen. 

Zumal die beiden Säuren CBGA und CBDA durch die Erhitzung beim Rauchen in neutrale Verbindungen umgewandelt werden, die keine Spike-Proteine binden und entsprechend auch nicht vor einer Infektion schützen können.

Cannabis sorgt für langanhaltende Konzentrationsprobleme

Das psychoaktive THC sorgt also für besseren Sex und die Cannabis-Säuren schützen vor COVID-19 - na, wenn das keine überzeugenden Argumente für die Wunderpflanze sind!

Ganz so einfach ist es nicht, denn der Cannabis-Konsum kann eben auch zu langanhaltenden kognitiven Beeinträchtigungen führen, vor allem bei jungen Menschen, deren Gehirn sich noch in einem starken Entwicklungsprozess befindet.

Dies zeigte jüngst erst wieder eine neue Analyse von zehn Meta-Studien unter kanadischer Leitung, die in dem Fachjournal "Addiction" veröffentlich wurde.

Die Auswertung der Daten von 43.000 Teilnehmern zeigte, dass eine Cannabisintoxikation (Cannabis-Vergiftung) zu leichten bis mittleren kognitiven Beeinträchtigungen führen kann, etwa wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen, unangemessene Reaktionen zu unterdrücken, wenn man etwas durch Lesen und Hören lernen will oder bei der benötigten Zeit, um eine geistige Aufgabe zu erledigen. Diese Beeinträchtigungen können auch über die Dauer des Rausches hinaus andauern.

"Cannabiskonsum bei Jugendlichen kann zu einem geringeren Bildungsniveau und bei Erwachsenen zu schlechter Arbeitsleistung und gefährlichem Fahren führen. Diese Folgen können bei regelmäßigen und starken Konsumenten noch schlimmer sein," so der Mitautor der Studie, Dr. Alexandre Dumais, außerordentlicher klinischer Professor für Psychiatrie an der Université de Montréal.

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Cannabis in Deutschland bald legal?

Zwar schneiden Erwachsene, die als Jugendliche viel Cannabis konsumiert haben, durchschnittlich schlechter bei Intelligenztests ab und hatten eher weniger Erfolg in der Schule oder im Studium. Aber ein direkter Zusammenhang ist trotzdem noch nicht belegt. Umstritten ist auch weiterhin, ob der Cannabis-Konsum bei Erwachsenen langfristige Folgen haben kann.

Junge Gehirne besonders gefährdet

Unbestritten ist dagegen, dass der Cannabis-Konsum vor allem junge Gehirne schädigen kann, denn das Frontalhirn ist erst mit Mitte 20 voll ausgereift.

Verursacht werden die bleiben Schäden möglicherweise, weil die Hirnrinde jugendlicher Cannabis-Konsumenten an bestimmten Stellen deutlich dünner als bei der Vergleichsgruppe ist, dies zeigten Hirnscans von 800 Jugendlichen, die im vergangenen Juni in einer Studie veröffentlicht wurden.

Betroffen war vor allem der präfrontale Kortex, also die Hirnregion, in der Impulse kontrolliert, Probleme gelöst und Handlungen geplant werden. Laut Studie waren Jugendliche mit auffälligen Hirnscans impulsiver und konnten sich schlechter konzentrieren als andere Teenager. Und je mehr Cannabis die Teenager konsumiert hatten, desto ausgeprägter waren die Folgen.

Erhöhtes Risiko von Psychosen

Ein intensiver Cannabis-Konsum kann vor allem bei Jugendlichen Psychosen auslösen. Wer täglich kifft, hat dreimal so häufig psychotische Schübe verglichen mit Menschen ohne Kontakt zu Cannabis, zeigte 2020 eine europaweite Studie. Forschende der psychiatrischen Uniklinik Ulm beobachteten im Zeitraum zwischen 2011 und 2019 sogar eine Verachtfachung der Psychosen, was sie auch auf den deutlich erhöhten THC-Gehalt in vielen Joints zurückführten. 

Denn der berauschende THC-Anteil im Cannabis hat sich in Europa zwischen 2006 und 2016 von acht auf 17 Prozent verdoppelt, zeigte eine britische Studie. 

Eigentlich wird die berauschende THC-Wirkung durch das ebenfalls enthaltene Cannabidiol (CBD) reduziert. CBD wird auch in der Schmerztherapie, bei Krebs, multipler Sklerose und entzündlichen Schmerzsyndromen wie Arthritis eingesetzt. Aber laut Studie hat sich der CBD-Anteil im gehandelten Cannabis häufig deutlich verringert.

Ein regelmäßiger und hoher THC-Konsum in der Jugend kann nicht nur Psychosen, sondern auch Angststörungen, Bipolare Störungen oder Depressionen auslösen. Umstritten bleibt aber, ob der Cannabis-Konsum diese Störungen auslöst oder ob Jugendlichen mit solchen psychischen Problemen anfälliger für einen hohen Cannabis-Konsum sind.

Zunehmende Akzeptanz in der Öffentlichkeit

Trotz der Risiken und Nebenwirkungen ist Cannabis die beliebteste illegale Droge unter Jugendlichen, dies haben auch Kontrollen und Verbote nicht verhindern können. Andere beliebte Drogen wie Alkohol und Tabak können dagegen in Deutschland legal gekauft und konsumiert werden, obwohl auch diese Drogen schwere gesundheitliche, soziale und gesellschaftliche Schäden zur Folge haben können. Trotz bestehender Altersgrenzen beim Verkauf können sich Jugendliche vergleichsweise einfach Zugang zu Alkohol und Tabak verschaffen.

Die in vielen Teilen der Welt geführte Debatte über eine Legalisierung von Cannabis zeigt, dass nun die Akzeptanz von Cannabis in der öffentlichen Wahrnehmung zunimmt.  

Infografik Legalisierung von Cannabis weltweit

Auch die neue deutsche Bundesregierung will Cannabis in Deutschland schon bald legalisieren. Im Koalitionsvertrag zwischen SPD, Grünen und FDP heißt es: "Wir führen die kon­trollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu ­Genusszwecken in lizenzierten Geschäften ein. Dadurch wird die Qualität kontrolliert, die Weitergabe verunreinigter Substanzen verhindert und der Jugendschutz gewährleistet. Das Gesetz evaluieren wir nach vier Jahren auf gesellschaftliche Auswirkun­gen."

"Unser Ziel ist, die Gesundheit der Konsumenten zu schützen, Kinder und Jugendliche vom Konsum fernzuhalten, den Schwarzmarkt trocken zu legen", sagte der neue Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Burkhard Blienert (SPD), dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Gleichzeitig dämpfte er Erwartungen an eine rasche Legalisierung des Konsums und auch des Anbaus. "Das Thema ist extrem komplex und voller Fallstricke", so Blienert. “Das ist kein Gesetz, das man so einfach aus dem Ärmel schütteln kann.“

Bessere Qualität

Eine Legalisierung könnte demnach vor allem die Qualität von Cannabis verbessern.

Denn in den letzten Jahren wird immer häufiger verunreinigtes Cannabis auf den Straßen angeboten. Laut Deutschem Hanfverband werde Cannabis oftmals mit Sand, Zucker, Glas oder Gewürzen gestreckt.

Zudem wird immer häufiger mit synthetischen Wirkstoffen versetztes Cannabis angeboten. Diese sogenannten synthetische Cannabinoide sind deutlich gefährlicher als THC, denn dies sind psychoaktive Stoffe, welche die Wirkung der Droge verstärken und unkontrollierbar machen. Bei Konsumenten können sie zu Wahnvorstellungen und Kreislaufzusammenbrüchen führen.

Cannabis wird oftmals von Gesellschaft und Politik als gefährliche Einstiegsdroge bezeichnet. Dass Cannabis-Konsumenten zwangsläufig aber auch auf härtere Drogen umsteigen, lässt sich jedoch nicht so einfach belegen. Allerdings haben die meisten Cannabis-Konsumenten zuvor Alkohol und Tabak konsumiert, demnach können diese beiden legalen Drogen viel eher als Einstiegsdroge angesehen werden.

Eine legale, staatlich kontrollierte Abgabe verbunden mit einem festgelegten maximalen THC-Gehalt und einer Kennzeichnungspflicht für Zusatzstoffe könnte das gesundheitliche Risiko erheblich reduzieren, so die Argumentation.

Wenn sich junge Cannabis-Konsumenten infolge einer Legalisierung nicht mehr verstecken müssen, würden auch Therapieangebote und die Prävention profitieren, führen Befürworter einer Legalisierung an. In der Schule oder Zuhause könnte dann offener über die Risiken vor allem für Jugendliche aufgeklärt werden.

Dr. Eva Hoch, Psychologin an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am LMU Klinikum bezweifelt, ob die kontrollierte Abgabe von Cannabis wie im Koalitionsvertrag beschrieben tatsächlich nur an Erwachsene erfolgt: "Jugendliche werden weiterhin Interesse an der Substanz haben und sich diese möglicherweise weiterhin auf dem Schwarzmarkt besorgen. Man muss Jugendlichen deshalb unbedingt frühzeitig aufklären, mit ihnen über die Risiken von Cannabis sprechen, sie vor den Folgen von starken THC-Produkten und möglichen Verunreinigungen warnen. Es braucht flächendeckende, wirksame Prävention an Schulen. Dafür müssen die entsprechenden Gelder bereitgestellt werden. Und zwar jetzt!" 

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