Vorsicht bei Tränengas und Pfefferspray | Wissen & Umwelt | DW | 21.08.2019
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Kampfstoffe

Vorsicht bei Tränengas und Pfefferspray

Sie gelten als milde Mittel der Polizei, um unmittelbaren Zwang gegen renitente Menschen auszuüben. Aber Tränengas und Pfefferspray sind gefährliche chemische Kampfmittel und können schwere Schäden hinterlassen.

Hongkong Tränengas-Einsatz der Polizei (Reuters/T. Peter)

Tränengas-Kartuschen versprühen ein Aerosol. Meist ist es CS-Reizstoff.

Sind Pfefferspray und Tränengas dasselbe?

Im Volksmund werden verschiedene Reizstoffe als Tränengas und Pfefferspray bezeichnet, aber sie sind nicht völlig gleich. Sie verursachen einerseits unterschiedliche medizinische Symptome, andererseits hängt ihre Wirkung auch davon ab, wie, wo und gegen wen sie eingesetzt werden.

Der Einsatz solcher Reizstoffe ist bei fast allen Polizeibehörden auf der Welt üblich. Allerdings fallen sie unter das Genfer Protokoll, das den Einsatz solcher chemischer Kampfmittel im Krieg verbietet. Damit sind sie ausschließlich der Polizei oder Paramilitärs, die im Inland gegen eigene Bürger eingesetzt werden, vorbehalten.

Hier ein Überblick:

Capsaicin - der Wirkstoff von Chili und Co.

Capsaicin ist der eigentliche Namensgeber des Pfeffersprays, denn dieser Stoff lässt zum Beispiel Chili, Cayennepfeffer oder Paprika scharf schmecken. Der Wirkstoff wird aus dem Harzöl der Pflanze gewonnen und nennt sich Oleoresin Capsicum (OC). OC wird auch in Heilsalben verwendet und gegen Erkrankungen des Bewegungsapparates eingesetzt. Damit werden schmerzende Gliedmaßen besser durchblutet und warm - manchmal brennt es auch. 

Mehr dazu:Pfefferspray kann böse ins Auge gehen

Polizeieinsatz mit Pfefferspray im Hambacher Wald (picture-alliance/dpa/M.Becker)

Pfefferspray-Einsatz der Polizei in Deutschland

Als Kampfstoff wird OC fast immer aus Behältern per Hand versprüht. Es gibt aber auch Geschosse, die aufplatzen und ihren Inhalt direkt auf die Zielperson verteilen. 

OC wirkt auf die Augen, Atmung und die Haut. Werden die Augen etwa durch einen Stoß aus einer Pfefferspray-Dose getroffen, tritt sofort ein heftiger Schmerz auf. Die Augenlider schließen sich instinktiv. Die Augen tränen, reibt sich der Getroffene die Augen, macht er die Sache nur schlimmer. So kann sich die Person nicht mehr orientieren oder wehren.

Wird der OC Wirkstoff eingeatmet, führt es zu heftigem Husten und einer vorübergehenden Entzündung der Schleimhäute. In schweren Fällen kann es zur Verkrampfung des Bronchialsystems, zu Atemnot und sogar zum Ersticken führen. 

Auf der Haut verursacht Pfefferspray Rötungen und Quaddelbildungen, ähnlich wie nach der Berührung von Brennnesseln. Pfefferspray gilt auch als legitimes und wirksames Verteidigungsmittel gegen gefährliche Tiere wie Bären oder Hunde. 

Mehr dazu: German Angst - Immer mehr Deutsche bewaffnen sich

Eine Hand mit einer Pfefferspraydose, die einen Hund zeigt (picture-alliance/dpa/B. Roessler)

Pfefferspray ist auch ein wirksames Abwehrmittel gegen aggressive Tiere

CN: Omega-Chloracetophenon

Den CN-Reizstoff hatte der deutsche Chemiker Carl Graebe erstmals 1871 hergestellt. Noch heute nutzen Polizisten weltweit diesen Kampfstoff, der aus winzigen gelblichen Kristallen besteht und mit einer Trägersubstanz als Flüssigkeit oder Aerosol versprüht wird.

Als chemische Keule ist CN mittlerweile aus der Mode gekommen, weil der Stoff einerseits giftiger ist als Pfefferspray, andererseits kurzfristig weniger stark wirkt.

Auch als Patronenfüllung in Schreckschusspistolen wurde CN lange genutzt oder als Tränengas aus Kartuschen. Das sind Aluminiumbehälter, etwa so groß wie Getränkedosen, die von Polizisten verschossen oder als Granaten geworfen werden. Als Aerosol tritt das Gas in Wolken aus. CN wird noch häufig als Zusatzstoff in Wasserwerfern eingesetzt.

CN reizt die Augen und Schleimhäute. Somit wirkt es auch auf Atemwege und Bronchien und ruft dort Entzündungen hervor. Der Kampfstoff kann zu Ohnmacht und Gleichgewichtsstörungen führen. Wer zu viel davon abbekommt, kann dauerhafte Schäden an der Haut sowie  Augenverletzungen erleiden. Neben Ausschlägen und Ekzemen kann es sogar zu Krebs führen. 

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G20 Gipfel in Hamburg: Die Polizei setzt einen Wasserwerfer ein (Reuters/H. Hanschke)

Oft wird Wasserwerfern CN-Reizstoff zugesetzt

CS: 2-Chlorbezylidenmalonsäuredinitril

CS hat den Kampfstoff CN - mit Ausnahme der Beimischung bei Wasserwerfern - fast völlig vom Markt verdrängt. Der Reizstoff ist nach seinen Entdeckern, den Chemikern Ben Corson und Roger Stoughton benannt.

CS ist genauso vielseitig einsetzbar wie CN. Es ist ein weißes Kristall und kann als Abwehrspray, chemische Keule, Aerosolkartusche oder Granate sowie als Platzpatrone in einer Schreckschusswaffe eingesetzt werden.

Der Reizstoff wirkt auf die Nervenzellen und erzeugt ähnliche Symptome wie CN: Schmerzen, Augenbrennen, Hustenanfälle, Hautrötung und Jucken. Bei zu hohen Konzentrationen kann sich ein Lungenödem entwickeln. Solche Flüssigkeitsansammlungen in der Lunge können tödlich enden.

CS schädigt in hohen Konzentrationen Herz und Leber. Es wird im Körper abgebaut, wodurch hochgiftige Cyanide entstehen können.

Wie kann ich mich schützen?

Der beste Schutz vor Tränengas oder Pfefferspray ist es, Konfliktsituationen vorausschauend aus dem Wege zu gehen, beziehungsweise schnell zu flüchten. Auch bei einem gerechten politischen Anliegen sollte der Schutz der eigenen Gesundheit immer im Vordergrund stehen.

Wer das partout nicht kann oder möchte, sollte eine Vollgesichtsgasmaske mit einem militärischen ABC-Schutzfilter tragen. Das sind meist Kombinationen von Partikelfiltern mit Aktivkohle. Sie binden die Kristalle und Aerosole für eine gewisse Zeit. Aber Vorsicht, in einigen Ländern - so auch in vielen deutschen Bundesländern - kann das Tragen von Gasmasken wiederum strafbar sein. 

Reine Tränengasschutzbrillen oder Schwimmbrillen verhindern zwar, dass die Augen durch Pfefferspray getroffen werden, sie können aber nicht die Reizung der Atemwege verhindern.

Einen dicken Lappen oder ähnliches vor den Mund zu halten, kann für wenige Sekunden eine Erleichterung bringen, bis die Flucht aus dem Gefahrengebiet gelingt. Das Aerosol gelangt irgendwann auch durch den dicksten Schal.

Wer mit einem Reizstoffeinsatz rechnen muss, sollte auf keinen Fall Kontaktlinsen tragen. Darunter können sich  Depots des Reizstoffes ansammeln und über längere Zeit wirken.

Versprüht jemand Tränengas in geschlossenen Räumen, heißt es: Sofort durch den nächsten Fluchtweg nach draußen! Es kann - je nach Konzentration - Lebensgefahr bestehen. 

Mehr dazu: Stichwort: Syriens Kampfstoffe

Ein Mann spült seine Augen, nachdem ihm Polizisten Pfefferspray ins Gesicht gesprüht haben. North Dakota, USA (REUTERS/S. Keith)

Hinterher: Spülen, Spülen, Spülen! Und anders als hier: Augen auf, dabei!

Was tun, wenn es schon passiert ist?

Wer zuviel Reizstoffe eingeatmet oder in die Augen oder Atemwege bekommen hat, benötigt sofort erste Hilfe.

Zunächst geht es darum, die Augen auszuspülen. Zur Not reicht auch eine entleerte Mineralwasserflasche mit sauberem Leitungswasser. Beim Augenspülen muss ein Helfer die Augenlider oben und unten offenhalten, da die Spülung sonst nicht funktioniert. Es muss mit viel Wasser nachgespült werden. Besonders CS ist schwer wasserlöslich.

Mit Kampfstoff benetzte Kleider sollten sofort entfernt und die betroffenen Körperstellen mit klarem Wasser gewaschen werden. 

Patienten mit Atemnot oder asthmatischen Beschwerden sollten sich aufrecht hinsetzen (Kutschersitz) und bewusst tief aus- und einatmen. Unter Umständen kann es Erleichterung bringen, mit zusammengepressten Lippen auszuatmen.

 Auf jeden Fall sollten Patienten mit schwereren Symptomen so schnell wie möglich zum Arzt. Im Zweifelsfall muss auch ein Notarzt gerufen werden. 

Mehr dazu: Gefährliches Erbe: Flandern birgt noch immer Senfgas aus dem Ersten Weltkrieg

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